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Mörderisch in einmaliger Dimension

Die deutsche Besatzungspolitik in der UdSSR 1941 bis 1944 und die geteilte Erinnerung

  • Von Horst Schützler
  • Lesedauer: 4 Min.

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In der deutschen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg spielen die sowjetischen Opfer der deutschen Kriegführung und Besatzungspolitik noch immer bzw. wieder nur eine marginale Rolle. Nicht zuletzt hat der Kalte Krieg dazu beigetragen, dass beim Stichwort Sowjetunion die ersten Assoziationen in der Bundesrepublik zumeist negativ konnotiert sind und mit «den Russen‹ Besatzer und Vergewaltiger verbunden werden. Dass die Sowjetunion einen maßgeblichen Anteil an den alliierten Anstrengungen zur Zerschlagung des NS-Regimes und die größten Opfer erbracht hatte, ist in der Regel wenig bis gar nicht präsent. »Eine Empathie mit den sowjetischen Opfern ist meist nicht vorhanden«, urteilt zu Recht Babette Quinkert, Mitherausgeberin und Autorin eines Bandes über das deutsche Okkupationsregime in der Sowjetunion. Auch wenn in jüngster Zeit eine beachtliche Literatur zur Thematik erschien, bleibt das Bild in der westlichen Welt über »die Russen« zumeist negativ besetzt.

Der hier angezeigt Band will die »unvorstellbaren Massenverbrechen« der deutschen Besatzer ins Gedächtnis rufen und Empathie wecken. Das gelingt in erschütternder, den deutschen Leser beschämender Darstellung der Ungeheuerlichkeiten faschistischer Besatzungspolitik und des Leidens von Abermillionen Sowjetbürger, vor allem Frauen, Jugendlicher, Kinder und älterer Männer, die der mörderischen Politik der Nazis über Monate und Jahre ausgesetzt waren.

Man muss sich nur die hierzulande wenig bekannten Ausmaße des Terrors vergegenwärtigen. Ein 2009 in Moskau erschienenes, leider noch nicht ins Deutsche übersetztes Nachschlagewerk listet akribisch die Verluste im Großen Vaterländischen Krieg auf. Demnach befanden sich Anfang 1943 ca. zwei Millionen Quadratkilometer sowjetischen Territoriums unter faschistischer Okkupation. Dort lebten 73 Millionen Sowjetbürger, d. h. 37 Prozent der Gesamtbevölkerung der UdSSR, die damals 196,7 Millionen zählte. Innerhalb des zwei, drei Jahre währenden Terrorregimes der deutschen Besatzer und ihrer Helfer (Rumänen, Ungarn, Finnen) wurden 7 420 379 Zivilisten ermordet, 4,1 Millionen starben an Hunger, Infektionskrankheiten oder fehlender medizinischer Versorgung. 2 164 313 sowjetische »Ostarbeiter« erlagen der mörderischen Ausbeutung in deutschen Zwangsarbeiterlagern. Insgesamt kamen unter faschistischer Herrschaft 13 684 692 Sowjetbürger ums Leben - so die exakten Angaben in der russischen Enzyklopädie »Velikaja Otečestvennaja bez grifa sekretnosti« (Der Große Vaterländische Krieg nicht mehr geheim).

Das deutsche Okkupationsgebiet in der Sowjetunion war ein »Lager des Todes«. Das bezeugt auch der von Babette Quinkert und Jörg Morré, Leiter des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst, herausgegebene Band. 22 in- und ausländische Autorinnen und Autoren geben in ihren zumeist sehr fundierten Beiträgen auf unterschiedliche Weise und mit diversen Wertungen bewegende Einblicke in dieses Todeslager, in den Alltag und die Psyche der Täter und Opfer sowie der Widerstand Leistenden. Sie widersprechen der Legende von der »sauberen Wehrmacht« und widerlegen so manch andere geschichtsrevisionistische Mythen.

Aus der Fülle der detaillierten Darlegungen seien hier herausgehoben die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen in den besetzten Gebieten, der Kommissarbefehl (der nicht in allen Frontdivisionen gleichermaßen radikal befolgt wurde), die Strategie der Hungerblockade gegen Leningrad und die Hungersnöte in ukrainischen Städten. Im Fokus stehen der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung in den eroberten Gebieten und deren oft übergangener Widerstand - nicht nur als bewaffneter Kampf, sondern auch als Leben bewahrender Einsatz gegen das organisierte Sterben -, die Überlebensstrategien der Frauen im Kriegsalltag und von Sowjetbürgern in deutsch-faschistischer Zwangsarbeit sowie die systematische »Vernichtung« sowjetischer Roma. Informiert wird über die sich ändernde faschistische Propaganda gegenüber sowjetischen Soldaten und Zivilisten mit Aufrufen zur Kooperation und zur Beteiligung am Mord an Juden und bolschewistischen Funktionären. Zur Kollaboration bereit waren nach gegenwärtigen Schätzungen acht bis zwölf Prozent der sowjetischen Bevölkerung.

Aktuell und aufschlussreich sind einige Beiträge, die sich mit der »geteilten Erinnerung« in Osteuropa (Russland, Belarus, baltische Staaten, Ukraine) befassen. Frank Golczewski, Professor für Osteuropäische Geschichte in Hamburg, untersucht die »Dilemmata der ukrainischen Erinnerung« angesichts der in der West- und Ostukraine diametral entgegengesetzten nationalistisch-ukrainischen und russisch-sowjetischen Einstellungen. Dazu gehören die Bestrebungen der ukrainischen Staatsführung unter wechselnden Präsidenten, eine einheitliche Nationalgeschichte zusammenzuschustern, um mit einem »richtigen« Geschichtsbild Politik zu betreiben. Der litauische Historiker Saulius Sužiedèlis will am Beispiel seiner Heimat um Verständnis werben, dass im Baltikum - im Gegensatz zu Russland und Westeuropa - die Erfahrung mit zwei totalitären Besatzungsmächten dominieren. Er konzediert aber auch, dass die baltischen Nationen den eigenen »Verfehlungen«, besonders gegenüber der jüdischen Bevölkerung, mehr selbstkritische Aufmerksamkeit schenken sollten.

Das Buch klagt verdienstvollerweise die deutsch-faschistische Mordpolitik gegen die Völker der Sowjetunion an. Dabei sollte jedoch nicht der imperialistische Charakter des von Deutschland 1939 bis 1945 in Europa geführten Raub- und Eroberungskrieges außer Blick geraten.

Babette Quinkert/Jörg Morré (Hg.): Deutsche Besatzung in der Sowjetunion 1941-1944. Vernichtungskrieg. Reaktionen. Erinnerung. Verlag F. Schöningh, Paderborn. 416 S., geb., 39,90 €.

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