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Leben neben der Bolle-Ruine

Im Kreuzberg der frühen Neunziger: »Berlin wird Festland«, ein Roman von Nicola Nürnberger

  • Von Regina Stötzel
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Romanheldin wacht unbekleidet, allein und hochgradig verkatert in ihr unbekannter Bettwäsche auf in einer Berliner Wohnung auf. Kein besonders origineller Einstieg für einen Berlin Roman, doch der erste Eindruck täuscht.

Die Romanheldin wacht unbekleidet, allein und hochgradig verkatert in ihr unbekannter Bettwäsche auf. Der Inhaber der Schlafstatt und des dazugehörigen Altbauzimmers mit Kachelofen, Stuck und einer Papierballonlampe von Ikea, dem sie offensichtlich in der Nacht sehr nahe gekommen ist, hat lediglich einen Zettel hinterlassen mit der Aufforderung, sie möge sich doch einen Kaffee kochen. Dies ist kein außergewöhnlich origineller Einstieg für einen Berlin-Roman, der Anfang der neunziger Jahre spielt, aber ausbaufähig.

In den inzwischen unzähligen Romanen von nicht mehr blutjungen Autoren (in der Regel Männer), in denen es um erste Erfahrungen in der Großstadt und mit dem echten Leben geht, würden dem Protagonisten in den nächsten Minuten lauter schlimmste und peinlichste Dinge einfallen, die er am Abend zuvor gesagt oder getan hat; und schließlich würde er beim ersten Blick in den Spiegel in seinem Gesicht den allerdicksten Pickel entdecken, den die Welt bislang gesehen hat.

Solche auf Dauer anstrengende Lustigkeit, die auch immer schon eine Distanzierung von diesem überstandenen Lebensabschnitt enthält, ist Nicola Nürnbergers Sache nicht. Ihre Heldin Christine ist gerade cool genug, um einer Polohemdträgerin von einem Besuch des »Bronx« in der Wiener Straße abzuraten und sie stattdessen ins »Ku’dorf« zu schicken. Ansonsten alles andere als das. »Liebe Gerlinde! Das Leben reißt mich hier voll mit«, schreibt sie an eine Schulfreundin. Sie findet Udo »echt aufregend«, weil der »etwas Künstlerisches macht oder einen von der HdK kennt«, und irgendwie auch Monty, zwar mit über 30 schon eine Art Methusalem, der aber allerhand aus der Kreuzberger Szene zu erzählen weiß. Das Verhältnis Christines zur linksradikalen Geschichte des Stadtteils erinnert zunächst an das zu einem um die Ecke liegenden Freiluftzoo (»Komm, Susanne, wir gehen noch ins Wiener Blut, das musst du kennenlernen. Liegt direkt neben der Bolle-Ruine«). Auch die Weltpolitik muss des öfteren hinter wichtigere Dinge zurücktreten: »Obwohl, der Golfkrieg ist auch nicht ohne. Sag mal Elke, was ganz anderes, woher kommt eigentlich dieses Besteck, ich meine, das ist doch total albern, Spaghettibesteck.« Dagegen kann Christine manchmal »vor Glück kaum atmen«, wenn ein auserwählter junger Mann ihr Zeichen seiner Zuneigung zukommen lässt.

Einer der Höhepunkte des Romans ist ihr Besuch mit Freundin Anja in der Eckkneipe »Chez Gerda«. Der geradezu visionär vorweggenommene Pegida-Look der Wirtin, deren Gesicht »durch die zu weit oben aufgemalten Augenbrauen wie gefrorenes Erstaunen aussah«, ist dabei ebenso erwähnenswert wie das kurze, mitreißende Wendedrama, dem »Trudi, vonna Mutti die Schwesta« zum Opfer fällt: »Am Ende isse rausjesprungen vonna drittn Etasche und lach mittem Jesicht uff dem Goralewski seim Mercedes. Allet wejen die olle Maua.«

Als Problem erweist sich dennoch, dass über größere Strecken des Romans weder der Plot besonders fesselt, noch Komik in ausreichender Menge vorhanden ist, um über die Seiten zu helfen. Beziehungen wie die von Christine und Monty hat die Welt schon gesehen, auch wenn Anja »richtig neidisch« ist: »Wie schön ich mir das vorstelle, ihr geht zusammen zu einer Lesung, diskutiert darüber, seid in seiner Wohnung - und gleichzeitig hast du noch Platz für dein eigenes Leben.«

Der Hessisch babbelnde Besuch aus der Provinz stresst schon nach einigen Seiten die Leserin mehr als die Protagonistin. Und manche Sätze in Dialogen klingen wie Erklärstücke für heutige Debatten - etwa wenn Monty, unmittelbar nachdem er seinen Nachbarn Kemal vorgestellt hat, sagt: »Hier trifft sich auch einmal wöchentlich ein deutsch-türkischer Freundschaftsverein, das ist ein offenes Haus.«

Zwar gewinnt die Handlung etwas an Fahrt, als Christine über ihren Job bei der Sozialstation einen älteren Herren kennenlernt, der gegen den wachsenden Rassismus und die Verschärfung des Asylgesetzes mit der in einer Holzkiste aufbewahrten Handgranate kämpfen will. Vor allem aber lebt das Buch davon, ein Spaziergang durch das Kreuzberg der frühen Neunziger im wiedervereinten Berlin zu sein - also wie unzählige Regionalkrimis von der Erwähnung einschlägiger Orte und Gesprächen in Mundart. Was nicht allen Leserinnen genug Leben sein dürfte.

Nicola Nürnberger: Berlin wird Festland. Roman. Open House Verlag Leipzig. 269 S., geb., 22 €.

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