Waldfreund Göring und die Uni Göttingen

Hochschule distanziert sich von Ehrungen aus NS-Zeit

  • Von Kai Böhne, Göttingen
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Universität Göttingen hat sich von acht Ehrungen distanziert, die sie während der Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 verliehen hatte. Distanzierung statt formeller Aberkennung deshalb, weil im juristischen Sinn der Ehrentitel mit dem Tod der betreffenden Person bereits erloschen ist.

Der bekannteste vormalige Ehrenbürger, von dem die Universität abrückte, war Hermann Göring. Er gehörte zum engsten Führungskreis des NS-Regimes und war der prominenteste Angeklagte im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Göring wurde am 1. Oktober 1946 in allen vier Anklagepunkten schuldig gesprochen. Die Universität Göttingen hatte ihn am 6. Mai 1939 zum Ehrenbürger ernannt. Den Anlass bildete die Eingliederung der Forstlichen Hochschule Hannoversch Münden als Forstliche Fakultät in die Georg-August-Universität.

Laut Ernennungsurkunde ehrte die Universität »den treuen und beharrlichen Vorkämpfer nationalsozialistischer Weltanschauung, der forstliches Brauchtum ehrfürchtig bewahrt und beschützt, der die deutsche Forstwirtschaft zu einer machtvollen großdeutschen Einheit zusammenführte und sie als Nationalsozialist auf das Gesetz der Lebensgemeinschaft des Waldes stellte und damit einen neuen Abschnitt im deutschen Waldbau begann, der die deutsche Forstwissenschaft zu großen Aufgaben führte und ihr neue Arbeitsmöglichkeiten schenkte«.

Weitere frühere Ehrenbürger der Universität, von denen sich der Senat der Hochschule per Beschluss im Januar 2015 distanzierte, waren Prof. Heinrich Sohnrey, Dr. Heinrich Stalling, Hiroshi Oshima und Börries Freiherr von Münchhausen. Das gilt auch für die früheren Ehrendoktoren Prof. Martin Redeker, Prof. Oswald Menghin und Dr. Heinrich Zillich. Grundlage des Senatsbeschlusses ist der Abschlussbericht einer wissenschaftlichen Untersuchung, welche Universitätspräsidentin Ulrike Beisiegel im November 2011 in Auftrag gegeben hatte.

»Die damals geehrten Personen haben aktiv durch publizistische Tätigkeit oder als Funktionsträger die Ideologie des Nationalsozialismus verbreitet und seine Herrschaft gestützt«, erklärt der stellvertretende Senatssprecher Prof. Jörg-Martin Jehle. »Sie stehen deshalb außerhalb der von der Aufklärung geprägten Tradition der Universität Göttingen.«

In ihrer Untersuchung hatten die Historiker Dirk Schumann und Lena Elisa Freitag alle 35 zwischen 1933 und 1945 vorgenommenen Ehrungen der Universität überprüft - neun ernannte Ehrenbürger und 26 Ehrendoktoren. Ihr Bericht basiert auf in Deutschland verfügbaren Quellen und auf Forschungsliteratur. Im Hinblick auf 27 Personen hatten sich nach bisherigem Kenntnisstand keine oder keine hinreichenden Anhaltspunkte für die Notwendigkeit einer Distanzierung ergeben.

Universitätspräsidentin Beisiegel betonte: »Wir sehen es als unsere fortdauernde Aufgabe an, in wissenschaftlichen Arbeiten wie auch in der hochschulöffentlichen Diskussion das Bewusstsein unserer Verantwortung für das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Georgia Augusta wach und im Gedächtnis der Universität lebendig zu halten.« Bereits 2004 hatte sich der Senat der Universität Göttingen von der unrechtmäßigen Entziehung von Doktortiteln durch die Hochschule während der NS-Zeit distanziert.

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