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Ikone, Spieler, Linker

Drei Versuche, sich ein Bild vom Bild des Yanis Varoufakis zu machen

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 7 Min.

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Halbstarker oder Gegen-Ikone? Sexiest Man oder Spieler? Was Griechenlands Finanzminister Varoufakis angeht, liegen Politik, Alltagsbewusstsein und Demoskopie hierzulande auf einer Wellenlänge. Über die öffentliche Zurichtung eines Politikerbildes - und die Motive eines Linken aus Überzeugung.

I.

Unverschämt, naiv, strategisch geschickt, insgeheim bewundert - was die beiden Spitzen der SYRIZA-geführten Regierung in Athen angeht, liegen deutsche Politik, Alltagsbewusstsein und Demoskopie auf einer Wellenlänge. Von Emnid gefragt, wie sie Ministerpräsident Alexis Tsipras und Finanzminister Yanis Varoufakis finden, antworten die Deutschen genau so, wie Politik und Medien zuvor in den Verstärkerraum öffentlicher Bilder und Urteile hineingerufen haben.

»Halbstarke« hat man die Regierung Griechenlands geschimpft, politische Korrespondenten haben sich lang und breit über ihre Mode ausgelassen, die von Varoufakis und Tsipras kursierenden Bilder haben eine Ikonografie der Doppeldeutigkeit geschaffen: Eine Mischung aus Ablehnung, Empörung und heimlicher Überhöhung hat die beiden zu den Superstars der Krisenpolitik gemacht, mal in der Rolle des Bösen, mal in der Rolle des Hoffnungsträgers.

Fehlt eigentlich in der Liste nur noch die Erotisierung der beiden Politiker, die nicht etwa nur von Boulevardblättern zu Sexikonen erklärt wurden, sondern auch vom rechtsbürgerlichen Beobachterpunkt aus. Es ist eine heimliche Sehnsucht, die sich hier Bahn bricht, der sich selbst uneinstehbare Wunsch nach Politikern, die anders sind als »unsere«, die besser aussehen als die in Berlin, die nicht schon beim ersten EU-Gipfel anfangen, auch nach der »There is no Alternative«-Melodie zu tanzen.

Diese öffentliche Zurichtung von Tsipras und Varoufakis, ihre Einpassung in einen politischen Bilderrahmen, geht nicht unmittelbar von den Tatsachen, den klassenpolitischen Interessen, den Widersprüchen des europäischen Kapitalismus aus - sondern unterliegt einem gesellschaftspolitischen Irrtum, den auch jene begehen können, die Tsipras und Varoufakis gegen die neoliberal imprägnierte Herabwürdigung verteidigen, etwa, in dem man sie in Figuren populärer Science-Fiction-Serien verwandelt (oder ihr Reisen mit Rucksack in der zweiten Klasse überhöht), sie also zu Gegen-Stars formt - was den artifiziellen, ideologischen Charakter der so produzierten Bilder nicht bricht, sondern nur von einer anderen Seite her reproduziert.

II.

Montagabend, das zweite Treffen der Eurogruppe zu Griechenland ist vor ein paar Stunden geplatzt, in Brüssel läuft der Kampf um die politische Erzählung darüber, wer den Ausgang für sich verbuchen darf oder muss, es geht um die Interpretation: Wer hat was warum scheitern lassen? »Schon wieder die Griechen«, schlagzeilt die Deutsche Presse-Agentur. Im Kurznachrichtendienst Twitter tauchen Gegenversionen auf: Es hat einen Entwurf für eine Abschlusserklärung gegeben, der SYRIZA zugestimmt hätte, was durch ein Minuten vor Beginn des Treffens neu eingebrachtes Papier verhindert wurde. Warum? Von wem?

Die Spitzen der Eurogruppe und Brüsseler Funktionäre haben ihre Auftritte vor der Presse schon gehabt. Nun warten noch ein paar Korrespondenten auf Yanis Varoufakis. Minutenlang wird im Livestream der leere Platz auf der Pressekonferenz gezeigt, der Finanzminister aus Athen verspätet sich. Andere Pflöcke werden derweil in die veröffentlichte Meinung eingeschlagen: Die griechische Seite habe wieder keine Pläne vorgelegt, sie habe dies unterlassen und das nicht getan. Dann kommt Varoufakis, 53 Jahre alt, den Kragen des Sakkos aufgestellt, so dass sich ein rotes, eingenähtes Band zeigt, wie ein Markenzeichen, das den Unterschied bezeugen soll zu den Wolfgang Schäubles, den Jereon Dijsselbloms, den Haushaltstechnokraten und Austeritätsclaqueren.

Irgendwann im Laufe der Pressekonferenz wird Varoufakis auf die Spieltheorie angesprochen. Er hat an einer Privatschule in Athen das Abitur gemacht, in Großbritannien Wirtschaftsmathematik studiert, in Ökonomie promoviert, an Spitzenuniversitäten wie in Cambrigde gelehrt. Und er hat mehrere Bücher über die Spieltheorie geschrieben. Ein Fakt, der in vielen Porträts von Varoufakis zum Ausgangspunkt eines Vorwurfs gemacht wird: Ob er, der so unministrable Finanzminister, hier nicht ein Spiel spiele mit der Krise, mit den Schulden, mit den Menschen?

In der Spieltheorie geht es vereinfacht gesagt darum, wie sich unterschiedliche Beteiligte dabei gegenseitig beeinflussen, eine Entscheidung zu treffen. In Büchern dazu ist von perfektem Erinnerungsvermögen die Rede, von A-Priori-Strategiemengen, von Agentennormalformen. Das hat mit Spielen etwa so viel zu tun, wie die Frage nach Varoufakis spieltheoretischer Biografie in der Pressekonferenz von Brüssel mit dem Konflikt um Kreditprogramm und Krisenpolitik.

Ob er da nicht ein Monopoly mit falschem Geld spiele, fragt ein Journalist dennoch mit Blick auf die akademische Vita? Er habe Monopoly nie mit falschem Geld gespielt, sagt Varoufakis lächelnd, sondern immer nur mit echtem Monopoly-Geld. Und begründet dann, warum die Annahmen der Spieltheorie auf dem politischen Parkett des Ringens um die Krisenpolitik nicht gelten. »So viel Glücksspiel steckt im Schulden-Streit«, heißt es tags darauf dennoch (oder deshalb) in »Bild«, bei der man nicht verstehen will, was der griechische Finanzminister sagt, weil man dann nicht mehr schreiben kann, dass sich Varoufakis »verzockt« hat.

III.

Varoufakis hat als Berater des Computerspielunternehmens Valve ziemlich viel Geld verdient, erfährt man. Er ist mit einer Künstlerin verheiratet, die aus einer griechischen Industriellenfamilie stammt, liest man. Er soll ein Ferienhaus haben auf einem als Yuppie-Insel bezeichneten Eiland. Und diesem Mann sollen wir glauben, dass seine politische Hartnäckigkeit, mit der er die Neuformulierung des Kreditprogramms für Griechenland verfolgt, aus sozialen Motiven sich speist?

In der Überzeichnung des Äußeren von Varoufakis, in der Betonung kapitalistischer Symbole an ihm (Geld, Motorrad, Immobilie) steckt sowohl die seltsame Annahme, man müsse erst selbst arm sein, um etwas ehrlich gegen Armut tun zu wollen. Und es wohnt dem der Versuch der Diskreditierung eines Politikers durch den Zweifel an seinen Beweggründen inne, es ist unmittelbare Propaganda gegen seine Position.

Wer über die etwas erfahren will, muss ein paar Jahre zurückgehen, nach Zagreb auf das sechste Subversive Festival 2013. Varoufakis hat damals einen Vortrag gehalten, der unlängst im britischen »Guardian« in Erinnerung gerufen wurde.

Varoufakis spricht hier über sein Verhältnis zu Marx, zum Theoriegebäude des Alten aus Trier, auch zu seinem Verhältnis zur radikalen Linken. Was in diesem Text aber vor allem niedergelegt ist: die politische Agenda eines Mannes, der von dem Motiv geleitet ist, dass man den Kapitalismus vor seinem Untergang um jeden Preis retten muss, um Schlimmeres zu verhindern - um so überhaupt die Chance zu bewahren, einmal wirkliche gesellschaftliche Veränderung ins Werk zu setzen.

Varoufakis hat die faschistische Militärdiktatur in Griechenland noch erlebt, die Sorge vor einem krisenpolitischen Ausgang nach rechts ist in ihm als Mahnung wach. Er ging kurz vor dem Wahlsieg von Margaret Thatcher nach Großbritannien - und machte dort einen Fehler, der - einmal als solcher erkannt - sein künftiges Denken stark beeinflusste. Varoufakis glaubte, der Sieg der Neoliberalen würde jenen kurzen aber heilsamen Schock in der Arbeiterbewegung und in den Mittelschichten auslösen, der nötig sei, um dann bald zu einer Neubelebung der politischen, der fortschrittlichen Linken zu führen.

Es kam anders. Und wenn Varoufakis heute mit Blick auf die Eurokrise und die Lage in Griechenland so sehr die Notwendigkeit eines Übergangsprogrammes betont, dann auch deshalb, weil er von der Sorge getrieben ist, eine noch länger anhaltende Rezession mit ihren sozialen und kulturellen Verheerungen werde eben nicht über die Verelendung zur Befreiung führen, dieser alte linke Irrweg, sondern eher in die politische und gesellschaftliche Katastrophe der 1930er Jahre.

Er sei, hat Varoufakis in Zagreb gesagt, von wohlmeinenden radikalen Stimmen dafür kritisiert worden, ein politisch-ökonomisches System in Europa zu verteidigen, das dies nun wahrlich nicht verdient habe. Der Mann, der jetzt Finanzminister von Griechenland ist, hat damals von dem Schmerz in ihm gesprochen, der auch darin liege, dass mehr als ein Körnchen Wahrheit in dieser Kritik an seiner Haltung steckt. Doch Varoufakis blieb dabei: Der Zusammenbruch des kapitalistischen Europa, wie wir es derzeit kennen, öffnet nicht das Fenster in eine andere, eine bessere Welt. Sondern würde in die Katastrophe führen.

Die Möglichkeit einer Alternative offen zu halten heißt, man muss das Falsche verteidigen, um Zeit für die Arbeit am Richtigen zu gewinnen - so hat Varoufakis in Zagreb einen zentralen Punkt seines Denkens umrissen. Seit drei Wochen ist das auch das Grundmotiv seiner Verhandlungen mit der Eurogruppe um eine Verlängerung des Kreditprogramms für Griechenland.

Es steckt darin, wenn man so will, eine Lehre aus der deutschen Geschichte, die Varoufakis gelernt - und die ihn zu einem der wichtigsten Protagonisten im Konflikt um die Krisenpolitik gemacht hat. Zu einem Protagonisten gegen deutsche Politiker, die vom Zusammenhang zwischen Austeritätsdogma, Krise und rechter Gefahr nichts wissen wollen.

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