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Mogeln für das Dogma

Was wir Islam nennen, ist ein Produkt der Theologie. Die kritische Forschung kann helfen, den Machtansprüchen von reaktionären Klerikern und Islamisten entgegenzutreten

Die Dogmatisierung der islamischen Theologie erfolgte mit der Festigung der Großreiche, als es einer Herrschaftsideologie bedurfte. Die Gebote lückenlos durchzusetzen, war aber weder beabsichtigt noch möglich, wie frömmelnde Regenten, die es gelegentlich versuchten, feststellen mussten. Überdies beeinflusste die bereits Jahrtausende alte urbane Kultur vor allem Persiens und Indiens den Islam. Tanz war eine religiöse Lebensform, Poeten sangen von Wein und Liebe, auch homosexueller, und Schreiber füllten ihre Bücher ungeachtet des Bilderverbots mit nicht selten erotischen Miniaturen.

Auf die ersten islamkritischen Bemerkungen musste der Prophet Mohammed nicht lange warten. Kaum hatte er eine Offenbarung verkündet, die ihm als Sonderregelung eine Heirat ermöglichte, die anderen Gäubigen untersagt war, kommentierte seine Ehefrau Aisha: »Gott hat es eilig, dir deinen Willen zu erfüllen.« Dies war keineswegs die einzige Äußerung des Zweifels aus den Reihen seiner Anhänger am göttlichen Ursprung mancher Offenbarungen. Mit dem Gebetseifer seiner Anhänger war der Prophet nicht immer zufrieden. »Wenn sie ein Spiel sehen, dann brechen sie sogleich dazu auf und lassen dich stehen«, beklagt der Koran (Sure 62, Vers 11), der mehrfach bemängelt, dass viele sich nur wegen der Aussicht auf Beute Mohammed angeschlossen hätten. Dessen Nachfolger, der erste Kalif Abu Bakr, musste daher ausgedehnte Kriegszüge unternehmen, um renitente Stammeskrieger davon zu überzeugen, dass ihre Loyalitätspflicht mit dem Tod des Propheten nicht erloschen war.

Wer sich historisch-kritisch oder auch unbefangen-naiv mit dem Koran und der Hadith-Literatur, der Überlieferung der Worte und Taten Mohammeds, befasst, stößt auf einen mit sich selbst und seinen nörgelnden Anhängern ringenden Mann, der eher Gottsucher als Religionsgründer war und nach seinem Tod ein widersprüchliches Erbe hinterließ. Erst die das Material aufzeichnenden, ordnenden und auswählenden Gelehrten schufen das, was wir heute »den Islam« nennen. Uthman, der dritte Kalif, ließ die als kanonisch geltende Version des Koran zusammenstellen. Die Hadith-Sammlungen, die die zweite zentrale Grundlage der islamischen Theologie darstellen, wurden Ende des 9. Jahrhunderts verfasst. Bereits diese Verzögerungen werfen Fragen auf. Hätte der Prophet nicht eine umgehende Fixierung aller Offenbarungen veranlassen müssen, wenn ihnen zeitlose Gültigkeit zukommt? Und wenn die Hadith-Literatur den Weg (Sharia) für die Lebensführung aller Muslime weisen soll, warum hat man zweieinhalb Jahrhunderte vertrödelt, bevor man sie kanonisierte?

Es gibt Hinweise darauf, dass es in dieser Zeit keine konfessionelle Abgrenzung der »Muslime« gab und die Konversion zum Islam - in Transoxanien damals als »zum Araber werden« bezeichnet - den Beitritt zur herrschenden Kriegeraristokratie bedeutete. Bekannt ist, dass die arabischen Eroberer weit geringeren Wert auf die Annahme ihrer Religion legten als etwa Karl der Große im Umgang mit den integrationsunwilligen Sachsen. Weniger bekannt ist, dass »muslimische« Herrscher wie Muawiyya Münzen mit christlichen Symbolen prägen ließen.

Die Forschung steht hier erst am Anfang und dürfte noch manche Überraschung bringen. Sie ist nicht allein von akademischem Interesse, denn die beiden Dogmen, dass die frühislamische Epoche ein goldenes Zeitalter feurigen Missionsdrangs und puritanischer Strenge war und dass die von Mohammed rezitierten Offenbarungen die letzte, zeitlose Gültigkeit besitzende Botschaft Gottes an die Menschheit waren, bilden die Grundlage des »politischen Islam« der Islamisten wie auch reaktionärer Kleriker. Einer Prüfung halten diese Dogmen nicht stand. Der Fundamentalismus hat kein Fundament.

So ist fraglich, ob Mohammed als »Siegel der Propheten« (33:40) bezeichnet wird oder als »Beglaubigung«, wie ebenfalls übersetzt werden kann. Dem zyklischen koranischen Geschichtsbild, das die Entsendung von monotheistischen Propheten wegen der späteren Verfälschungen ihrer Lehre als immer wieder notwendig betrachtet, entspräche Letzteres. Und wenn eingestreut zwischen zwei banalen Speisegeboten »Heute habe ich eure Religion für euch vollendet« (5:3) zu lesen ist, wird offenkundig die versammelte Gemeinde angesprochen. Jedenfalls sollte man erwarten, dass Gott sich unmissverständlich ausdrückt und der Angelegenheit etwas mehr Bedeutung gibt, wenn er den Islam als letztgültige Religion hätte präsentieren wollen.

Aber ist Gottes Wort nicht ewig? Zunächst müsste entschieden werden, welches. »Wir geben euch von den Früchten der Palmen und Weinstöcke zu trinken, woraus ihr euch einen Rauschtrank macht, und schönen Unterhalt. Darin liegt ein Zeichen für Leute, die Verstand haben.« (16:67) Der Rauschtrank als Gottesbeweis - auch dieser Aussage müsste zeitlose Gültigkeit zukommen. Doch die islamischen Theologen mogeln sich durch, oft auf recht durchsichtige Weise. Denn nur »wenn ihr fürchtet, die (weiblichen) Waisenkinder nicht gerecht zu behandeln, dann heiratet an Frauen, was euch beliebt, zwei, drei oder vier« (4:3) - im patriarchalen Interesse wurde daraus eine allgemeine Legitimierung der Polygamie.

In der modernen Theologie wird überdies die bereits im Mittelalter debattierte Ansicht erneut vertreten, dass das Absolute eine Eigenschaft Gottes allein ist, während das Erschaffene - also auch Gottes auf die Erde herabgesandtes Wort, der Koran - zeitlichen Veränderungen unterliegt. Diese Interpretation erlaubt eine symbolische Auslegung, die etwa die Pflicht zur Versorgung der Waisen hervorhebt und die Polygamie als dafür nicht mehr angebrachtes Mittel ablehnt oder aus den widersprüchlichen Versen zum Wein die Deutung destilliert, dass man beim Zechen aufpassen muss, weil einem so ein Gottesbeweis auch arge Kopfschmerzen bereiten kann.

Die Dogmatisierung der islamischen Theologie erfolgte mit der Festigung der Großreiche, als es einer Herrschaftsideologie bedurfte. Die Gebote lückenlos durchzusetzen, war aber weder beabsichtigt noch mit den Mitteln des vormodernen Staates möglich, wie frömmelnde Regenten, die es gelegentlich versuchten, feststellen mussten. Überdies beeinflusste die bereits Jahrtausende alte urbane Kultur vor allem Persiens und Indiens den Islam. Tanz war eine religiöse Lebensform, Poeten sangen von Wein und Liebe, auch homosexueller, und Schreiber füllten ihre Bücher ungeachtet des Bilderverbots mit nicht selten erotischen Miniaturen. Kein Wunder also, dass es zu den ersten Aktivitäten jihadistischer Gruppen in eroberten Gebieten gehört, alle Spuren diese Tradition zu beseitigen.

Der Fundamentalismus erhielt vor allem in Krisenzeiten Auftrieb, während der mongolischen Invasionen, vor allem aber in der beginnenden Kolonialzeit, als unter anderem in der Sahel-Zone und auf der Arabischen Halbinsel jihadistische Bewegungen entstanden. Sie sind die Vorläufer des modernen Islamismus, den vom Clan der Sauds geführten Wahhabiten gelang die Gründung eines Staates, der zum wichtigsten ideologischen Mentor und Finanzier des modernen Islamismus wurde.

Diese Herausforderung weckte auch die orthodoxen Prediger aus ihrer Lethargie. Ihre Dienstherren, die Diktatoren und Autokraten, wollten die Religion verstärkt als Ordungsfaktor nutzen und den Islamisten auf dem Feld der Rechtgläubigkeit entgegentreten, so dass die Bevölkerung nun von zwei Seiten »islamisiert« wurde. Die traditionelle Haltung, Gebote eher als Anregung und Mahnung denn als unerbittliches Gesetz zu verstehen, ist nicht verschwunden, sogar in Saudi-Arabien wird bei Partys selbstgebrannter Sadiqi (mein Freund) gereicht. Doch befinden sich weite Gebiete der islamischen Welt in einer historischen Phase, die mit der des Klerikalfaschismus im Europa des 20. Jahrhunderts vergleichbar ist.

Die katholische Kirche machte dann im Zweiten Vatikanischen Konzil ihren Frieden mit Demokatie und Menschenrechten. In anderer Form - der Islam kennt keine zentrale theologische Autorität - muss auch in der islamischen Welt ein Bruch mit der theologischen Tradition erfolgen. Denn Islamisten und Orthodoxe argumentieren auf der gemeinsamen Grundlage der zeitlosen Gültigkeit von Koran und Sharia, und in diesem Streit sind die Islamisten meist im Vorteil, weil sie auf den Wortlaut verweisen können, während die Orthodoxen aus einer defensiven Position zur Mäßigung mahnen müssen.

Der Bruch ist möglich, die theoretischen Grundlagen sind vorhanden. Doch eine Kaste von Patriarchen räumt Machtpositionen nicht freiwillig. Religionskritik ist Herrschaftskritik, also nicht zu verwechseln mit dem, was in Deutschland als »Islamkritik« gilt und, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bestenfalls ein Hobby bildungsferner Schwätzer, meist aber dürftige Camouflage für Rassismus ist. Entscheidend ist die Entwicklung der Demokratiebewegung in der islamischen Welt, die bereits in den frühen neunziger Jahren im subsaharischen Afrika begann und unter anderem Indonesien, Iran und zuletzt zahlreiche arabische Staaten erfasste. Nur so kann die Macht reaktionärer Theologen gebrochen werden. Das räumen verständigere Repräsentanten dieser Zunft sogar ein. So riet der belgische Kardinal Godfried Danneels: »Der Islam muss seine französische Revolution machen.«

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