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Governance

Leo Fischer über Austerität und EU

Leo Fischer war Chefredakteur des Nachrichtenmagazins »Titanic«. An dieser Stelle kümmert er sich vierzehntäglich um den liegen gelassenen Politikmüll und dessen sachgemäße Entsorgung. Seine Kolumne finden Sie auch hier: dasND.de/kannweg
Leo Fischer war Chefredakteur des Nachrichtenmagazins »Titanic«. An dieser Stelle kümmert er sich vierzehntäglich um den liegen gelassenen Politikmüll und dessen sachgemäße Entsorgung. Seine Kolumne finden Sie auch hier: dasND.de/kannweg

Es sieht ja kaum noch einer fern, außer die ganz alten Leute und die, die das beruflich tun müssen und beispielsweise bei »Spiegel online« diese grässlich ranschmeißerischen Twitter-Live-Kommentare für den »Tatort« verfassen - falls die alten Leute beim Fernsehen noch launige Sprüche auf dem Handy lesen wollen.

Aber wenn man’s dann mal doch tut und, einem Hinweis folgend, Maybritt Illner in der Mediathek ansieht, wo’s um die Zukunft Griechenlands geht, dann weiß man, warum man das alles so gern verpasst: Es ist nämlich jeder einzelne in dieser Runde ein Grund für sagenhafte, niemals enden wollende Deprimation. Sei es der bekannte Seriendarsteller und CSU-Gaudiwurm Markus Söder, dem die massenhafte Verelendung Griechenlands die perfekte Kulisse abgibt, von der nimmermüden Leistungsfähigkeit Bayerns zu schwärmen; sei es die deutsch-griechische Journalistin Margarita Tsomou, die gnadenlos untergebuttert wird, wenn sie darauf hinweist, dass seit Beginn der Austerität die Kindersterblichkeit in Griechenland in unfassbare Höhen geklettert sei. Am peinvollsten aber der Auftritt des Prof. Enderlein von der Aldi-Universität für Unterwerfung bzw. der Hertie School of Governance in Berlin, der sinn- und formgemäß sagt, dass Griechenland jetzt in einer »Talsohle« angekommen sei, das »zarte Pflänzchen« Konjunktur aber wieder auszutreiben sich anschicke, nämlich auf dem Humus ebenjener Kinder, HIV-Kranken und tatortfreien alten Menschen, die die sagenhafte deutsche Governance in den Suizid treibt.

Eine Lektion dürften sie gelernt haben, die lieben europäischen Nachbarn: nämlich, dass die deutsche Solidarität im Zweifel keinen angeschnittenen Pfifferling wert ist, dass die allererste wirklich große Krise, die die Währungsunion erlebt, ausschließlich dazu gebraucht wird, das schändliche deutsche Reform- und Hartz-IV-Gelumpe flächendeckend und europaweit einzuführen, die Arbeits- und Sozialstandards überall auf das niedrigste, also das deutsche Niveau zu pressen.

Für deutsche Gouvernanten, Gouverneure oder eben Governance-Experten ist das nämlich ein reines Steuerungsproblem, und dass in dieser Runde niemand im Ernst das Recht deutscher Banken hinterfragt, unplatzbare Kredite zu verkaufen, zeigt, dass sie letztlich alle Governance-Produzenten sind. Governance, das bedeutet, die Anzahl wirtschaftlich leider notwendiger toter Säuglinge in eine Beziehung zu setzen zum Bruttosozialprodukt, eine Form der Mathematik, die in diesem Land ihre gute Tradition hat. Governance, das ist einfach ein cooleres, smarteres Wort für Kolonialherrschaft - und kann dementsprechend weg.

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