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Chefredaktion stellt Strafanzeige

Spionage bei der »taz«

Die »taz« wurde vergangene Woche Opfer eines Spionageangriffs. Nun reagiert die Chefredaktion mit einer Strafanzeige auf die Straftat. Beschuldigt wird der Redakteur Sebastian Heiser, der zunehmend unter Druck gerät.

Zum Gespräch mit der Chefredaktion sei der »beschuldigte Kollege« nicht erschienen. Arbeitsrechtliche Schritte würden eingeleitet und es werde »Strafanzeige erstattet«. Mit dieser Mitteilung »in eigener Sache« nahm am Montagabend die Chefredaktion der Berliner »taz« in der Online-Ausgabe der Zeitung erstmals Stellung zur Ausspähung von Redaktionscomputern durch einen Mitarbeiter der Zeitung. Den Namen des Kollegen teilt die »taz« weiterhin nicht mit. Laut anderen Medienberichten soll es sich aber um Sebastian Heiser handeln, der sich in der Branche einen Namen als investigativer Journalist gemacht hat (u.a. hat er 2010 den Inhalt der Geheimverträge zwischen dem Berliner Senat und der privaten Wasserwirtschaft veröffentlicht). Heiser selbst hat sich bislang zu den Vorwürfen nicht geäußert.

Nach Darstellung der »taz« wurde der Redakteur Anfang vergangener Woche dabei beobachtet, wie er einen sogenannten Keylogger aus einem Redaktionscomputer zog. Keylogger sehen aus wie ein USB-Stick und speichern unbemerkt alle Tastatureingaben. Damit können beispielsweise Passwörter und Kontaktdaten ausgespäht werden. Ihr unbefugter Einsatz ist nach deutschem Recht strafbar. Mittlerweile, so die Zeitung in ihrer Erklärung weiter, habe man Teile der ausspionierten Daten rekonstruieren können. Demnach seien von der Schnüffelei Ressortleiter, Redakteure wie auch ehemalige Mitarbeiter der »taz« betroffen.

Mittlerweile gerät Sebastian Heiser auch wegen einer anderen Angelegenheit zunehmend unter Druck. Der »taz«-Redakteur hatte in seinem privaten Weblog schwere Vorwürfe gegen die »Süddeutsche Zeitung« (SZ) erhoben. Anzeigenkunden aus der Finanzbranche, so Heiser, hätten die Berichterstattung der SZ maßgeblich beeinflusst. Heiser hatte im Jahr 2007 mehrere Monate lang für die Sonderthemen-Redaktion der »Süddeutschen« gearbeitet, seine Vorwürfe aber erst vor eineinhalb Wochen öffentlich gemacht. Nachdem die SZ Heisers Darstellung widersprach, veröffentlichte dieser in seinem Blog Tonbandmitschnitte, die seine Vorwürfe belegen sollen.

Medienexperten sehen in dieser Vorgehensweise allerdings einen Vertrauensbruch. Heiser hätte von dem, was in der Beilagen-Redaktion der SZ besprochen wurde, »akribische Protokolle anfertigen und vielleicht später einmal darüber schreiben können«, meinte etwa der Journalistikprofessor Volker Lilienthal im Interview mit der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« (FAZ). Es gebe keine Rechtfertigung dafür, »heimlich redaktionsinterne Kollegengespräche mitzuschneiden«. Das Aufzeichnen des vertraulichen gesprochenen Wortes sei nach dem Strafgesetzbuch nur dann erlaubt, wenn hierdurch ein Missstand belegt werde, der von überragender öffentlicher Bedeutung sei und die persönlichen Interessen von Dritten nicht wesentlich verletzt würden. Beide Voraussetzungen seien in dem von Heiser geschilderten Vorgang bei der SZ nicht gegeben, so Lilienthal. Im Falle der SZ sei von Heiser das Redaktionsgeheimnis verletzt worden. Lilienthal bezeichnet es gegenüber der FAZ als »Dummheit, die Audiomitschnitte auf dem persönlichen Blog für die Allgemeinheit abhörbar und damit den eigenen Rechtsbruch öffentlich zu machen«.

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