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Gräben durch die heile Welt

Ein Finanzbeamter verübte den Anschlag von Escheburg - wie soll es weitergehen im Ort?

  • Von Dieter Hanisch, Escheburg
  • Lesedauer: 4 Min.
Zwei Wochen nach dem Anschlag auf eine noch unbewohnte Flüchtlingsunterkunft in Escheburg gab es nun eine Bürgerversammlung. In dem Haus sollen weiterhin Flüchtlinge untergebracht werden.

Für den 3400-Einwohner-Ort Escheburg in Schleswig-Holstein hat mit dem Brandanschlag auf eine für Flüchtlinge vorgesehene unbewohnte Doppelhaushälfte am 9. Februar eine neue Zeitrechnung begonnen. In der Gemeinde unmittelbar vor den Toren Hamburgs ist man geschockt und traumatisiert, weil der mutmaßliche Täter ein gut situierter Einwohner aus ihren Reihen ist - ein Nachbar.

Die heile Welt, die viele Zugezogene in dem Ort mit bester Wohnlage und guter Verkehrsanbindung vorgefunden haben, ist erschüttert. Niemand hätte vorher dem hochrangigen Beamten aus der Hamburger Finanzbehörde zugetraut, dass er am helllichten Tage einen mit einer brennbaren Flüssigkeit befüllten Kanister in das bezugsfertige Gebäude wirft, wo am Folgetag sechs irakische Männer ihre Flüchtlingsbleibe finden sollten.

Es ist der 5. Februar: In der Escheburger Wohnsiedlung mit Kindergarten, Schule und anliegendem Golfplatz kippt die Stimmung, als bekannt wird, welche Flüchtlinge dort am 10. Februar einquartiert werden sollen. Bürgermeister Rainer Bork (Escheburger Wählergemeinschaft) und sein Stellvertreter David Oruzgani (Grüne) führen Gespräche in der unmittelbaren Nachbarschaft und müssen sich »viele rechte Sprüche« anhören, wie Oruzgani sagt. Er selbst war 1979 aus Afghanistan nach Deutschland gekommen und wohnt in der Straße, wo der Brandanschlag stattfand. Dann wird eine Scheibe im Haus für die Flüchtlinge eingeworfen, die Polizei erscheint vormittags am Tattag. Derweil fahren 15 aufgebrachte Anwohner zur wenige Kilometer entfernten Amtsverwaltung Hohe-Elbgeest, darunter auch der inzwischen geständige Brandstifter. Die Verwaltungschefin Brigitte Mirow wird wütend beschimpft.

Kurze Zeit später brennt es dort, wo gerade noch die Polizei war. Nur weil die Feuerwehr schnell vor Ort ist, kann der Schaden gering gehalten werden. Trotzdem ist das Haus nun erst einmal für mehrere Wochen unbewohnbar. Es ist zu hören, dass es angeblich aufgebrachte Ehefrauen waren, die ihre verbal Amok laufenden Männer angestachelt hätten. Die Iraker müssen andernorts im Kreisgebiet untergebracht werden.

Die Ruhe in Escheburg ist aber vorbei. Journalisten, Polizei, Politiker - die Privatsphäre der Bewohner wir durchleuchtet, entdeckt wird dabei Fremdenhass mitten in der Gesellschaft. Escheburg hat sein Stigma weg. Die Staatsanwaltschaft setzt gar eine 10 000-Euro-Belohnung aus. Auf der anderen Seite bekommen jene im Ort, die sich um Flüchtlinge kümmern, und die Hilfesuchenden selbst viele Solidaritätsbekundungen. Sogar Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) erscheint auf einer Mahnwache. Über DNA-Spuren wird der Täter dann überführt. Er hatte freiwillig eine Speichelprobe abgegeben. Die Feuerwehr sagt heute, dass der gelegte Brand durchaus auch auf das Haus des Brandstifters hätte übergreifen können. Gegen Auflagen befindet sich der 38-Jährige auf freiem Fuß, wird sich aber vor Gericht verantworten müssen. Ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft. Er hat mit Frau und kleiner Tochter inzwischen sein bisheriges Zuhause verlassen. Die Ermittlungsbehörden gehen davon aus, dass der Mann allein und nicht auf nachbarschaftliche Anstiftung hin gehandelt hat.

Die Stimmung in der Siedlung ist trotzdem vergiftet. Das ist am Montagabend auf einer Bürgerversammlung zu spüren. 300 Besucher sind ins völlig überfüllte Gemeindezentrum gekommen. Kommuniziert wird wie bei Demonstrationen über ein Handmegaphon, eine Mikrofonanlage gibt es nicht. Immer noch kommen ausländerfeindliche Sprüche. Behördenvertreter klären über die Flüchtlingszuweisungen und die extrem kurzen Mitteilungsfristen dazu auf. Viele Einwohner protestieren gegen die schlechte Informationspolitik, ein Flüchtlings-Helferkreis stellt sich vor, weist rassistische Vorurteile zurück.

Als ein Anwohner berichtet, Bürgermeister Bork habe ihn kurz vor der geplanten Aufnahme der Iraker mit den Worten »Seien Sie froh, dass hier keine Kosovo-Albaner kommen« informiert, wird auch das Menschenbild des obersten Gemeinde-Repräsentanten publik. Der ansonsten redselige Bork sagt auf der Zusammenkunft fortan nichts mehr, dementiert aber auch nicht das Gesagte.

In ein paar Wochen sollen nun dennoch Flüchtlinge in das fragliche Haus einziehen. Anfang April soll am anderen Ende des Ortes zudem eine Container-Unterkunft für 20 Flüchtlinge entstehen. In der Wohnsiedlung am Golfplatz ist die bisherige gute Nachbarschaft aber dem Misstrauen gewichen; der ungeübte, hilflose und vorurteilsbehaftete Umgang mit Flüchtlingen im Februar 2015 in Deutschland - Escheburg nach dem Anschlag ist ein exemplarisches Beispiel dafür.

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