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Eine U-Bahn ist keine Partyzone

Berliner Verkehrsbetriebe wollen mit einer Kampagne gegen Unhöflichkeit im Nahverkehr vorgehen

»Wir haben ein Defizit in puncto Nettigkeit« Die BVG will mit einer Kampagne für mehr Nettiquette in der U-Bahn werben. Unnötig finden das Kritiker, statt Plakaten müssten mehr Busse und Bahnen her.

In Berlin gibt es immer wieder etwas Neues zu entdecken. Neue Schmierereien im U-Bahnhof, neue BER-Chefs, neue Mietspiegel, neue Senatoren, neue Skandale und Skandälchen. Der gemeine Berliner darf ebenso regelmäßig sich erzählen lassen ob die Stadt nun zu hip ist oder gar nicht mehr angesagt, zu sehr »bio«, zu provinziell, zu spießig oder zu sehr Latte. Macchiato.

Nun steht die in diversen Reiseführern als Charme verkaufte Berliner Ruppigkeit im Fokus. »Wir haben ein Defizit in puncto Nettigkeit«, heißt es ganz unumwunden bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Zum Jahresbeginn hat das Unternehmen eine Imagekampagne gestartet. »Positive Momente fallen in Berlin richtig auf«, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Sie schwärmt von dem Busfahrer, der einen älteren Briten über die Straße bringt - ohne dass sich die Fahrgäste über die Wartezeit beschweren. Es gebe aber auch böse Briefe über ruppige Kontrolleure oder genervtes Personal. Der Appell gelte für alle: »Benimm Dich so, wie Du selbst behandelt werden möchtest!«

Eine Aktion wie in New York, wo die Verkehrsbehörde jetzt gegen das breitbeinige und platzraubende Sitzen von Männern (manspreading) in der U-Bahn mobil macht, sei für Berlin kein Thema, sagt Reetz. »Wir haben keine New Yorker Verhältnisse.« Nicht Macho-Gehabe sei das Problem, sondern zu lautes Telefonieren und Musikhören, Essen und Trinken in den Bahnen, Müll liegen lassen. New York und Berlin hätten aber ein gemeinsames Anliegen: Es gehe um mehr Rücksicht. Vielleicht fehle die, weil viele Menschen gehetzt seien, gibt Beate Binder von der Freien Universität zu bedenken.

Dass nun aber früher alles besser war - die Klage »ist wahrscheinlich so alt wie die bürgerliche Gesellschaft selbst«, so die Expertin für Alltagskultur. Es komme eben auf den Blick an, so die Professorin: Es gebe durchaus »kleine Verständigungen« und Aufmerksamkeiten im Nahverkehr.

Indes werden es immer mehr Menschen, die in Berlin in öffentliche Verkehrsmittel steigen. Allein die BVG zählte im letzten Jahr rund 970 Millionen Fahrten - so viele wie noch nie. Wegen Sanierung von Strecken weichen gerade viele noch zusätzlich auf die U-Bahn aus. Sekunden entscheiden - da bleibt am Alexanderplatz schon mal zurück, wer sich nicht schnell genug noch hineinquetscht.

Bei der S-Bahn sagt ein Sprecher: »Wenn man den rauen Charme Berlins kennt, kommt man zurecht und miteinander aus.« Bis zu 1,4 Millionen Fahrgäste werden an Werktagen befördert. Aber was, wenn im Kulttreff Ringbahn-Linie wieder lautstark gefeiert und gesungen wird, die Bierdosen kreisen und der Rest nur noch genervt ist? Von Zeit zu Zeit müssten Fahrgäste an die »Beförderungsbedingungen« erinnert werden, so der Sprecher salomonisch.

Harte Kante zeigt die Bahn aber bei notorischen Straßenmusikanten, Bettlern, Schwarzfahrern und Gewalttätern. »Im Notfall gibt es Hausverbote und Anzeigen.« Mehr als 500 Sicherheitskräfte seien in Kooperation mit den Verkehrsbetrieben unterwegs.

Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband findet, das beste Rezept gegen das Gedränge und Geschiebe wäre der Einsatz von mehr Zügen. Doch bei der S-Bahn, die zur Deutschen Bahn gehört, sei in den letzten zehn Jahren nur gespart worden.

Weiterer Stein des Anstoßes für ihn: Straßenbahnen wie die M 10 als erweiterte Party-Zonen mit viel Alkohol und tropfender China-Pfanne. »Ich würde mich freuen, wenn da auch mal das Sicherheitspersonal einschreitet.« In London oder Warschau gehe es gesitteter zu, meint der Experte. Einen Freibrief für rücksichtsloses Benehmen gebe es zwar nicht. Aber: »Eine gewisse Ruppigkeit gehört in Berlin dazu.« dpa/nd

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