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»Turnhalle bedeutet Chaos pur«

Flüchtlingsrat kritisiert die immer weiter sinkenden Standards der Asylunterkünfte

Der Flüchtlingsrat Berlin kritisiert die Lebensumstände und oft monatelange Unterbringung von Asylsuchenden in Turnhallen. Maximal eine Nacht sei zu akzeptieren.

Was die Unterbringung von Flüchtlingen angeht, ist Berlin endgültig an einem Tiefpunkt angekommen, konstatiert Martina Mauer vom Flüchtlingsrat am Mittwochvormittag. Auf einer Pressekonferenz will der Flüchtlingsrat Stellung zu den teilweise katastrophalen Bedingungen nehmen, unter denen Menschen, die in Berlin Asyl suchen, leben müssen. Der Senat hatte in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Piratenfraktion kürzlich zugeben müssen, dass er mit der Versorgungssituation überfordert ist (»nd« berichtete).

Nicht nur, dass das für die Unterbringung zuständige Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) die Flüchtlinge tagelang ohne grundlegende Leistungen wie Krankenscheine und Bargeld ausharren lasse, auch die Lebensumstände in den ad hoc zu Unterkünften umfunktionierten Turnhallen sei nicht länger hinnehmbar, erklärt der Flüchtlingsrat.

»Wir hatten in Berlin mal einen guten Ausgangspunkt«, sagt Georg Classen vom Flüchtlingsrat. Im Jahr 2010 lebten noch 85 Prozent der Flüchtlinge in Wohnungen. Zum Stichtag 1. Januar waren es von 21 000 Flüchtlingen noch 5500 (28 Prozent). Der Rest ist mittlerweile in einer der 62 Unterkünfte einquartiert, davon 22 Notunterkünfte. In den Turnhallen sollten die Asylsuchenden maximal fünf Tage bleiben, dann hieß es zwei bis drei Wochen. »Wir haben Familien, die seit Mitte Dezember in einer Halle leben«, sagt Amei von Hülsen-Poensgen vom Willkommensbündnis Westend. Sie selbst engagiert sich ehrenamtlich in einer Turnhalle der Technischen Universität in der Waldschulallee. Die Situation sei unerträglich. In einigen Hallen gebe es noch nicht mal eine Waschmaschine, von Schließfächern für private Dinge ganz zu schweigen. Sie bestätigt, dass Flüchtlinge noch nicht mal mit der Grundausstattung des LAGeSo in der Halle ankommen. Schulpflichtige Kinder gingen seit geraumer Zeit nicht zur Schule, nur zwei der Kinder haben einen Platz bekommen, weil sich die Eltern selbst kümmerten.

In der nächsten Woche wird die nächste Notunterkunft im Umkreis in der Eschenallee, dem ehemaligen Psychiatriegebäude der Charité für weitere 300 Menschen eröffnen. »Was mit 200 Menschen bisher nicht funktioniert, wird mit 500 erst recht nicht klappen«, sagt Hülsen-Poensgen.

In der Halle ist es quasi unmöglich, sich gegen die grassierenden Infektionskrankheiten zu schützen. Die medizinische Versorgung sei generell katastrophal, sagt Hülsen-Poensgen. Eine Schwangere sei bis zur Geburt in der Halle untergebracht gewesen. Eine andere Frau, schwer an Multipler Sklerose erkrankt, habe einen Schub bekommen, bei dem sich die Krankheitssymptome akut verschlimmern. Nachdem sie aus dem Krankenhaus kam, landete sie wieder in einer Notunterkunft. »Turnhalle bedeutet Chaos pur«, sagt die Unterstützerin. Keiner der Mitarbeiter vor Ort sei ausgebildeter Sozialarbeiter. Rechtliche oder therapeutische Hilfe könne kaum jemand leisten. Der Flüchtlingsrat fordert nun, dass Menschen maximal eine Nacht in einer Halle untergebracht werden.

Die unsäglichen Zustände beginnen jedoch nicht bei der Ankunft in einer Turnhalle, erzählt Katharina Müller vom Flüchtlingsrat. »Schon der Wartebereich beim LAGeSo ist der menschenunwürdigste in ganz Berlin«, sagt sie. Die Flüchtlinge stehen hier, teilweise bei winterlicher Kälte, Schlange, um überhaupt eine Wartemarke zu ergattern. Dann müssten sie bis zu zehn Stunden ausharren, ohne ausreichend Sitzplätze. Im schlimmsten Fall werden sie auf den nächsten Tag verwiesen.

Seit Montag dürften auch keine Unterstützer mehr die Flüchtlinge begleiten, was ihnen eigentlich per Gesetz zusteht. »Rechtlicher Beistand und Dolmetscher dürfen nach wie vor in das Gebäude«, sagt hingegen Silvia Kostner, Sprecherin des LAGeSo. Es gebe jedoch die Anweisung, Menschen, die nur als Freunde oder Bekannte mitkämen, abzuweisen, weil der Platz im Wartebereich nicht mehr ausreiche. 1500 Menschen sprächen jeden Tag beim LAGeSo vor.

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