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Lau, lauer, Kalauer

»Was ihr wollt« am DT

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Theater am vergangenen Wochenende? Sehr praktisch! Man würde dem Fernsehen entkommen - genauer: jener Dumme-Nüsse-Gala und Scharteken-Show zur Vergabe der »Goldenen Kamera«. Also nichts wie hin zum Deutschen Theater: »Was ihr wollt« von Shakespeare, Regie: Stefan Pucher, dem Veteran des Pop-Theaters. Veteranen des Poptheaters unterscheiden sich von Veteranen der Kriegs- und Friedensgeschichte durch den Brustton der Überzeugungslosigkeit.

»Was ihr wollt«: Die schiffbrüchige Viola verdingt sich als Knabe Cesario, liebt den Herzog, der aber die Dame Olivia liebt, die Viola liebt, die dann deren Zwillingsbruder Sebastian nimmt. Alles klar? Ein Narr gibt Kommentare, und zu nennen wäre noch Höfling Malvolio, der mit gelben Strümpfen - über Kreuz geschnürt! - die Liebe seiner Herrin Olivia zu erheischen hofft. Und für wahnsinnig erklärt wird. Das wundersame Sehnsuchtsland Illyrien: ein Taumel von Übermut und unerlöster Nostalgie. Diese zielt auf die Utopie von der Vertauschbarkeit der Geschlechter, weiter gefasst noch: vom Traum einer wiederhergestellten Einheit nach dem Zerfall aller Dinge. Dieser Zerfall heißt Sitte. Sitte heißt: Man weiß (angeblich!), wo man hingehört und wer man ist. Diese Lüge bildet den Kern der Zivilisation.

Die Inszenierung spielt geschickt ironisch mit Geschlechterfestlegungen, aber: Von Emanzen hält der Abend nichts. Das ist sympathisch. Für solche ideologische Praxis wäre Susanne Wolff als Olivia viel zu schön (und zu klug) und Anne-Katharina Schubert als Viola (und Sebastian) viel zu keck und komisch. Schön ist auch sie, vor allem in ihren Windungstänzen inmitten der Gefühlsprüfungsfalle. Andreas Döhler als Herzog stemmt seine Herzschmerzpoesie nölig-müde im Morgenmantel-Realismus eines hirnpochenden Katers - Liebesschwüre gehören offenbar zu den Nachwirkungen des Suffs. Margit Bendokat ist der Narr. Bejubelt, belacht. Zerschredderung einer grandios grotesken und gespenstisch schrägen Gabe durch den Rotor der Routine.

Wolfgang Koch ist Malvolio: der Mensch als Karikatur, das Ekel als unglücklich Liebender - wer unglücklich liebt, ist lächerlich, und wer lächerlich wirkt, wird geschunden, geschlagen; so was wie ein Baseballschläger findet sich immer. Koch ist schräg und fies, er ist saukomisch, und sein Malvolio, der Komische, bleibt eine Sau - plötzlich aber ist er das blanke menschliche Elend, und ihm gelingt - mit Videoverstärkung - eine berührende, erschreckende Tragödie erster ernster Güte.

Pucher hat sich in die Rüpel-Ästhetik der Shakespeare-Zeit hineinzuprusten versucht: nur ja nicht diesen intellektuellen Hochgeist - weswegen gern von Eiern, Muschi und Vögeln die Rede geht. Und jemanden abzuwimmeln, das heißt hier in neudeutsch-hochenglisch: »Wimmel away.« Manches amüsiert, ja. Unterwasserpflanzen-Projektionen suggerieren Tiefsee. Die Blödelei aber hat Oberwasser. Nur stammt es aus einer Seltersflasche, die stark unter Sprudelentzug leidet. Lau, lauer, Kalauer. Shakespeare, gesehen wie durch eine »Goldene Kamera«.

Nächste Vorstellung: 6.3.

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