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Heillos die Verwirrung

Wolfgang Lachnitt inszenierte Mozarts »Don Giovanni« in Neustrelitz

Eng ist die Bühne. Da braucht man Stufen, damit es hochwärts gehen kann. Zwei Treppen, eine vorn, eine hinten, und schwarze Stufenbauten macht die Drehbühne sichtbar. Marode, zerlöchert der kleine Balkon, den jeder einmal betritt. Darunter ein Durchgang. Die Konstruktion ermöglicht ein ständiges Kreisen der Figuren und strukturiert deren Auftritte.

Oben, auf einem Vorsprung, hält die gipserne Maria mit güldenem Glöckchenkranz Wache. Sie blickt betrübt. Das Milieu ist abgerissen, dreckig (Bühne Bernd Franke). Die erste Szene: Donna Annas Vater findet den Tod bei einem Duell. Wer ist der Täter? Dem rennt Donna Anna, ohne zu wissen, dass er es ist, sogleich hinterher und ist fortan verwirrt. Desgleichen ihr Verlobter Don Ottavio. Heillos die Verwirrung. Sie erfasst alle. Charmeur Don Giovanni, Ausbund der Gewitztheit, den Weibern an die Röcke zu gehen, ist der Übeltäter.

So beengt die Bühne, so verständlich macht sie: Eine ganze Menschenwelt plagt die Verwirrung. Was ist der Glutkern des »Don Giovanni«? Die Lesarten sind unerschöpflich. Das Leid, von dem jeder einzelne des Reigens betroffen ist? Die Mischung aus Tollheit, Frivolität, Bitterernstem? Der Kampf Frau gegen Mann, Mann gegen Frau, und beide unterliegen? Der gemeine Schwindel und die frechste Bestechlichkeit, begangen bei Strafe des Untergangs? Keiner der Handelnden bleibt ungeschoren.

Die Oper ist nun wahrlich, so komisch es klingt, unsterblich. Mozart kicherte sich eins, schlüge die bürgerliche Unfähigkeit noch ihre letzten Geistesfundamente aus dem Felde. Mindestens seit 25 Jahren arbeitet das glattbügelnde Muckertum daran, die Säulen bürgerlicher Glanzzeit wegzukloppen. Besonders im deutschen Osten. Und aufs Frechste sucht es, speziell den Theaterbetrieb Neubrandenburg/Neustrelitz fortzuschrumpfen. Nehmt die Finger weg!

Wolfgang Lachnitt, Direktor der Opernsparte des Hauses - er dankte vor der Premiere dem Publikum für die Solidarität mit dem Haus - und Dirigent Jörg Pitschmann haben »Don Giovanni« mit ihren Ensembles grandios auf die Bühne gebracht. Begeisterung am Ende. Lohn angestrengter Arbeit. Was sagt das anderes, als dass dieses Mehrspartentheater etwas kann, etwas bedeutet in der Region. Niemand hat daran zu rühren. Dieser »Don Giovanni« dürfte den regionalen Theaterzerstörern eins vor den Latz gehauen haben.

Aktualisierungen und aufgeklebte modische Heftpflästerchen braucht die gebotene Version nicht. Wozu auch. Alle »Giovanni«-Verstrickungen, man schaue sich nur um, sind Teil des Lebens. Umso mehr kommt Spaß und Satire ins Spiel.

Leporello, Prototyp davon, empfängt spöttelnd die Münzen, die ihm sein Herr zuwirft, und schickt sich lässig in seine Rolle als Weibsmaterialzubringer und Doppelgänger. Gegen Entgelt tut er fast alles, lässt sich verkleiden, führt Damen zu, versucht es jedenfalls auftragsgemäß, wie im Fall der stummen Zofe der Donna Elvira. Die Zudringlichkeiten letzterer abzuwehren, ist Teil seines Geschäfts. Zum Leidwesen jener hochrot frisierten Dame, die dem leichtfertigen Edelmanne zürnt, da dieser sie verlassen hätte und ihre Liebe zu ihm verlacht. Lena Kutzner als Donna Elvira ist die vokale Schräglage der Aufführung. In den hohen Registern trifft ihre meckernde, geifernde Schrillheit genau den Ton. Sebastian Naglatzki, schlank-schlaksig, singt seinen Leporello demgegenüber aus Herzenslust und -unlust. Don Ottavio, die bedauernswerteste Rolle der Oper, wird von Andrés Felipe Orizco gebrochen stolz gegeben. In seinen anrührend-angstvollen Arien, intonatorisch nicht immer astrein, hallt der Evangelist aus Bachs Passionen nach. Die herrlich vokalisierende Anna Maistriau als Donna Anna indes weiß angesichts des Mordes an ihrem Vater ihre ganze Wut singend auszudrücken. Kalt und herzlos wider die Magie des Königs der Verführung - der agile Robert Merwald singt seinen Giovanni treff- und effektsicher - ist sie darum nicht.

Bleiben Zerlina und Massetto, das Bauernpaar. So anmutig wie bildkräftig die Szene, als der Chor der Bäuerinnen und Bauern dem falschen Herzensbrecher (Leporello verkleidet), vermeintlich erkannt als Mörder, erfolglos auf den Versen ist, mit Stock und Beil. Freilich, Rebekah Rota ist entzückt vom Zauber des lila-ledern berockten Superliebhabers, und Massetto, furios Ryszard Kalus in der Rolle, wird rasend darüber. Beide finden wieder zueinander und ergeben sich am Boden der freudigsten aller Beschäftigungen seit Menschengedenken, dem Liebesakt. Gegenüber den üblichen Bühnensauereien zeichnet Wolfgang Lachnitt hier das Bild einer höchst poetischen Vereinigung der Geschlechter.

Schließlich die Rache. Der Komtur tritt auf den Balkon. Auch den singt Ryszard Kalus. Der Steinerne hält Gericht über den blutigen Schwerenöter. Da muss ein grollender, angsteinflößender Bass her, für solchen Kalus’ Volumina nicht ausreichen. Das Mahl ist bereitet, Giovanni empfängt den Gast, Rauch strömt aus den Ecken, wie es sich in der Oper gehört.

Ganz im Bilde die Neubrandenburger Philharmonie unter Jörg Pitschmann, zugleich Cembalist des Abends. Ensembles erschallen, wie sie keine der großen Bühnen besser machen kann. Das rot leuchtende Kreuz senkt sich und tötet den Mörder. Vorhang. Jubel.

Nächste Vorstellung: 6.4.

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