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Wenns eng wurde, kam der Professor

Freiburger Kommission findet Beweise für groß angelegtes Doping im westdeutschen Profifußball

  • Von Jan Mies, Freiburg
  • Lesedauer: 3 Min.
Laut einem noch nicht veröffentlichten Bericht sollen Spieler in Stuttgart und Freiburg in den 80ern mit Anabolika gedopt haben.

Dem deutschen Sport droht ein Dopingskandal - und erstmals steht der Fußball im Fadenkreuz: Die Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin, die sich mit der Dopingvergangenheit der dortigen Universität beschäftigt, hat Beweise für flächendeckendes Doping im Radsport sowie für die Verabreichung von Anabolika beim VfB Stuttgart und dem SC Freiburg gefunden. Diese gehen aus den gut 60 »Klümper-Akten« hervor, die sich mit dem abgeschlossenen Betrugsverfahren gegen den ehemaligen Sporttraumatologen Armin Klümper befassen. »Erstmals« sei der »sichere Befund möglich, dass Anabolikadoping auch im Profifußball eine signifikante Rolle spielte«, schrieb Andreas Singler, Mitglied der Evaluierungskommission, der die Details ohne Rücksprache mit Kollegen und gegen den Willen der Kommissionsvorsitzenden Letizia Paoli veröffentlichte.

In den »späten 1970er und frühen 1980er Jahren« sei beim Bundesligisten aus Stuttgart »im größeren Umfang« und »wenn auch nur punktuell nachweisbar« auch beim damaligen Zweitligisten aus Freiburg Anabolikadoping vorgenommen worden. Es geht um das Anabolikum Megagrisevit, das auch von der von Klümper behandelten und 1987 verstorbenen Leichtathletin Birgit Dressel eingenommen wurde.

Die Erkenntnisse werfen einen Schatten auf beide Vereine, für die in dem genannten Zeitraum auch der heutige Bundestrainer Joachim Löw gespielt hatte. Die Kommission hielt in ihrem Zwischenbericht aber ausdrücklich fest, »dass eine Zuordnung von Medikationen an konkret zu benennende Spieler nach Auswertung der Akten nicht möglich ist«. Freiburg spielte damals in der 2. Liga, die Stuttgarter befanden sich mit Spielern wie Bernd und Karlheinz Förster, Hansi Müller, Karl Allgöwer oder Rainer Adrion auf dem Höhenflug und wurde 1984 Deutscher Meister. Der VfB schrieb in einer Mitteilung, dass ihm das Gutachten nicht vorliege. Aus diesem Grund könne nicht nachvollzogen werden, ob die Vorwürfe zutreffend seien. Klümper sei aber nie Vereinsarzt des VfB gewesen. Der Klub betonte immerhin, dass er »an der lückenlosen Aufklärung des Sachverhaltes interessiert« sei. Ähnlich äußerte sich der SC Freiburg.

»Das ist absurd«, sagte hingegen der Stuttgarter Ex-Trainer Hans-Jürgen Sundermann »Ich halte das für völlig ausgeschlossen.« Jedoch bestätigte Sundermann, dass verletzte VfB-Spieler damals von Klümper behandelt wurden. »Wenns Spitz auf Knopf ging, haben wir gesagt: ›Mensch Professor, ich muss am Samstag wieder ran.‹ Da hat man auch mal was Unvernünftiges gemacht«, hatte Karlheinz Förster jüngst in einer Dokumentation des Südwestrundfunks gesagt. Singler betonte: »Gezeigt werden können die Strukturen des Dopings im Fußball inklusive der Finanzierung solcher Aktivitäten durch die Vereine.«

Beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR) fand »Doping vor allem mit anabolen Steroiden in den Jahren zwischen 1975 und 1980 nicht nur in fast flächendeckender Manier auf Veranlassung Klümpers statt«, schrieb die Kommission: »Dieses Doping wurde auch vom BDR finanziert.«

Singler veröffentlichte die Details, da die Öffentlichkeit schnell informiert werden solle. Gleichzeitig bot er der Kommission seinen Rücktritt an. Die berate laut Paoli über das Angebot. Sie bestätigte gleichzeitig: »Die von Dr. Singler erhobenen Vorwürfe gegen Klümper, den Bund Deutscher Radfahrer, den VfB Stuttgart und den SC Freiburg sind nach meiner Kenntnis durch die Akten belegt.« Laut Singler zeigten die Akten, dass Doping in der BRD »keineswegs nur der individuellen Verantwortung einzelner Sportler überstellt war, sondern dass es über Sportverbände oder Sportvereine mitunter zentral organisiert und finanziert wurde«. SID/nd

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