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Aus Simbabwe in die USA

NoViolet Bulawayo

Die Kinder in »Paradise« hungern, sie leben in Blechhütten, die Schule ist geschlossen - aber sie wachsen glücklich heran. Der Herrscher des Landes, in dem diese Wellblechsiedlung liegt, hatte die Wohnviertel der Armen als Hochburgen der Opposition von Bulldozern niederreißen lassen. Viele Menschen wurden ermordet oder verschleppt. Warum sollte das Mädchen Darling da nicht die Chance ergreifen, mit einem »Ausbildungsvisum« zu ihrer Tante in die USA zu reisen?

Von den beiden Welten ihrer Kindheit und Jugend erzählt NoViolet Bulawayo in ihrem Roman. Eine Migrations- und Entwurzelungsgeschichte zugleich: Man liest geradezu heitere Passagen unbeschwerter Jugend und bittere Anklagen an das Regime des Landes und seine koloniale Vergangenheit. Darling kommt aus Simbabwe, inzwischen eines der ärmsten Länder der Welt. Die Überfütterung der Menschen in den USA und der Hunger im Land, wo »Paradise« liegt, offenbaren eine obszöne Differenz.

Die Kinder in der Blechsiedlung sind eine kleine Bande, stellen den schönsten Unfug der Welt an, schlagen Erwachsenen manches Schnippchen, sind der rauen Liebe in schärfster Not ausgesetzt. Ihre Fröhlichkeit ist ansteckend, ihre Solidarität so nachhaltig, dass Darling, schon als sie in Amerika ist, von ihren Freunden ein Päckchen mit Guaven erhält, wie sie sie früher in »Budapest«, der weniger armen Nachbarsiedlung »geerntet« hatten.

Die Autorin hat ihren Künstlernamen nach der zweitgrößten Stadt in Simbabwe mit Hintersinn gewählt: In Bulawayo gibt es ein Eisenbahnmuseum, in dem der Salonwagen von Cecil Rhodes zu besichtigen ist. Dieser Kolonisator hatte Ende des 19. Jahrhunderts das Land für die britische Krone erobert. Als Südrhodesien war es dann lange von weißen Siedlern beherrscht, die ein strenges Apartheid-Regime aufzogen. Alles fruchtbare Land gehörte den Weißen. Nach der Unabhängigkeit wurde es ihnen teils illegal und gewaltsam wieder weggenommen. Aber die Verteilung an Einheimische scheiterte an Korruption und Vetternwirtschaft, es liegt brach oder bringt kaum Erträge.

Diese tragische Geschichte des Landes steht zwischen den glücklichen Kinderzeilen in dem Buch, das wegen der lebendigen Art der Erzählung und das literarisch gelungen Miteinander von Kinderglück und Fundamentalkritik in den Kanon der »neuen Weltliteratur« Sigrid Löfflers gehört.

Auch der zweite, nunmehr in den USA spielende Teil des Romans zeugt von der Kraft der jungen Autorin. Die in der ersten Person erzählende jugendliche Heldin Darling nimmt die Herausforderungen dieses krassen Kontrastprogramms mit Gewitztheit und Kritik an. Sie entwickelt eine Souveränität, die es dem Leser unmöglich macht, sich dem bitteren Ernst unter der durchaus unterhaltsamen Oberfläche zu entziehen.

NoViolet Bulawayo: Wir brauchen neue Namen. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow. Suhrkamp. 264 S., geb., 21,95 €.

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