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Wo der Rabbi eine Frau ist

In Frankfurt am Main existiert unter dem Dach der Einheitsgemeinde seit 20 Jahren eine liberale Synagogengemeinschaft

  • Von Rainer Clos, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 3 Min.
Zwischen liberalen, orthodoxen und ultraorthodoxen Juden gibt es oft Differenzen. Doch die Strömungen haben sich in einigen deutschen Städten unter dem Dach einer Synagoge zusammengefunden.

»Jeder soll nach seiner Fasson jüdisch sein.« Dem langjährigen Vorsitzenden der Frankfurter Jüdischen Gemeinde Ignatz Bubis (1927-1999) wird dieser Satz zugeschrieben. Er bot die Basis für das sogenannte Frankfurter Modell, nach dem die unterschiedlichen religiösen Strömungen im Judentum unter dem Dach einer Einheitsgemeinde koexistieren. Am Sonntag feierte in Frankfurt am Main die liberale Synagogengemeinschaft »Egalitärer Minjan« (gleichberechtigte Betgemeinde) mit viel Prominenz ihr 20-jähriges Bestehen.

Der liberale Teil der mehrheitlich orthodoxen Jüdischen Gemeinde trifft sich seit 1998, damals auf Einladung von Bubis, zu Gottesdiensten und Veranstaltungen in den Räumen des Gemeindezentrums. Diese Verankerung in der Gemeinde ist Rabbinerin Elisa Klapheck wichtig. Die Strömungen des orthodoxen und liberalen Judentums stünden in der Gemeinde mit rund 7000 Mitgliedern zusammen und organisierten sich nicht in Opposition zueinander.

Vor ihrem Wechsel nach Frankfurt, wo sie regelmäßig als Gastrabbinerin zu jüdischen Feiertagen amtierte und Schabbat-Gottesdienste leitete, war Klapheck in Amsterdam als erste Rabbinerin in der niederländisch-jüdischen Geschichte in der Gemeinde »Beit Ha'Chidush« (Haus der Erneuerung) tätig. Offiziell wurde die gebürtige Düsseldorferin im Jahr 2009 als die Rabbinerin des »Egalitären Minjan« und damit erste Rabbinerin in Frankfurt eingeführt.

Dieter Graumann, zu diesem Zeitpunkt einer der beiden Vizepräsidenten im Zentralrat der Juden, warb für Pluralität in den Gemeinden: »Wer die Einheit will, muss die Vielfalt suchen. Und wer Vielfalt will, muss Einheit suchen.« Liberale, Orthodoxe und Ultraorthodoxe unter dem Dach einer Synagoge sei einzigartig in Europa, lobte Graumann das Frankfurter Modell, das mittlerweile in den Einheitsgemeinden von Hamburg und Stuttgart Nachahmung findet.

Als eines ihrer Anliegen bezeichnet Klapheck, sich mit rabbinischen Texten im Lichte gesellschaftspolitischer Fragestellungen auseinanderzusetzen. Zusammen mit Vorbeter Daniel Kempin leitet die Rabbinerin Gottesdienste für die Mitglieder und Förderer des »Egalitären Minjan«, unterrichtet jüdische Jungen und Mädchen, die sich auf die Zeremonie zur religiösen Mündigkeit vorbereiten, ist für Eheschließungen und Bestattungen von Gemeindemitgliedern zuständig. Zudem übernimmt Klapheck, die auch der Allgemeinen Rabbinerkonferenz angehört, seelsorgerliche Aufgaben.

Überdies bietet sie ein breit gefächertes Programm mit Feiern an den Festtagen sowie religiös-kulturelle Lern- und Diskussionsveranstaltungen, die moderne Thora-Auslegung und Gegenwartsfragen aus jüdischer Sicht thematisieren. Bei liberalen Juden ist nicht nur der Rabbi mitunter eine Frau, Frauen lesen auch aus der Thora oder singen im Gottesdienst. Auch sind alle Gemeindemitglieder gefragt, Standpunkte zu beziehen und nicht nur der Rabbi in religiösen Fragen gefordert. Von Klapheck stammt auch eine biografische Darstellung über Regina Jonas, die in Offenbach 1935 als erste Rabbinerin in Deutschland ordiniert wurde.

Liberale Juden, die nach dem Holocaust in Deutschland blieben, konnten nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Religion zumeist nur in Chapels der in Westdeutschland stationierten US-Streitkräfte ausüben. Denn jüdische Gemeinden, die Überlebende oder Rückkehrer aus dem Exil nach der Befreiung 1945 gründeten, waren fast ausschließlich der orthodoxen Richtung im Judentum verpflichtet.

Erst nach dem Mauerfall formierte sich in den Gemeinden eine Erneuerungsbewegung, die sich an der Tradition des liberalen Judentums orientiert, das seine Ursprünge im 19. Jahrhundert hat. Bis 1933 bildete das Reformjudentum in Deutschland die Mehrheit innerhalb der »Einheitsgemeinden«. 50 Jahre nach dem Ende der NS-Zeit trat 1995 die Schweizerin Bea Wyler ihr Amt als Rabbinerin in den jüdischen Gemeinden in Oldenburg und Braunschweig an. Der 1997 gegründeten Union progressiver Juden gehören derzeit mehr als 20 Gemeinden in Deutschland sowie das Potsdamer Abraham Geiger Kolleg an, das erste nach dem Krieg gegründete liberale Rabbinerseminar in Europa. epd/nd

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