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»Es gibt regelrechte Armutsinseln«

Die Hamburger Stadtentwicklungsexpertin Ingrid Breckner über die neue Lust am Urbanen, zunehmende Armut in der reichen Stadt und die gesellschaftlichen Folgen

Sie kamen 1995 von München nach Hamburg. Ihr erster Eindruck von der Stadt?

Im Gegensatz zur bayerischen Metropole habe ich Hamburg als sehr freundlich wahrgenommen - hier gibt es weniger dynamische BMW-Fahrer, man darf einfädeln, wenn man sich verfahren hat und wenn man mit dem Stadtplan in der Hand unterwegs ist, wird gefragt, ob man Hilfe benötigt. Die Menschen hier sind nicht so aggressiv. Hamburg war vor 20 Jahren noch sehr beschaulich und etwas starr. Bedingt durch die lange Regentschaft der SPD hatten sich Verkrustungen eingeschlichen. So etwas tut einem Gemeinwesen oft nicht gut, weil wenige Leute die Strippen ziehen und die Posten verteilen.

Warum profitiert Hamburg wie kaum eine andere von der »Renaissance der Stadt«?

Das liegt vor allem an der Dynamik des Wirtschaftsstandortes, wo - wie bei Airbus - Menschen aus aller Herren Länder zusammenarbeiten. Das schafft auch das Image Hamburgs als weltoffene Stadt, als Stadt mit Hafen. Viele Fremde denken: Hier kann ich gut klar kommen. Hamburg leidet nicht unter Stigmata wie einige ostdeutsche Städte, wo man mit rechtsgerichteten Bewegungen konfrontiert ist. Die Leute in Indien lesen auch Zeitung und wissen, was los ist. Zu meiner Zeit an der TU Harburg wurde noch Ende der 1990er-Jahre eine Professorenstelle mit einem hoch qualifizierten Inder nicht besetzt, weil er meinte, er könne seiner Familie das Leben in Deutschland nicht zumuten - es sei zu gefährlich. Angesichts solcher Erfahrungen muss man Wirtschafts- und Stadtentwicklung sehr stark zusammendenken.

Die SPD regiert noch immer - hat sich in Hamburg seit den 90er Jahren auch etwas verändert?

Hamburg hatte vor 20 Jahren eine Vorreiterrolle bei der Förderung von Wohnprojekten und im Bereich der Armutsbekämpfung, dann gab es aber eine Durststrecke. Der Übergang von der geförderten Nische zur Regel geriet ins Stocken. Das änderte sich erst als einer sagte: Schluss, wir legen jetzt generell fest, dass wir eine bestimmte Prozentzahl von städtischen Grundstücken für Wohnbaugemeinschaften zur Verfügung stellen. Zur Veränderung hat nach der Wende auch der Zuzug von jungen Leuten aus Ostdeutschland beigetragen, die der Stadt neue Steuerzahler bescherten. Leider hat man damals versäumt, genügend neue Wohnungen zu bauen und bei Sozialwohnungen, die aus der Bindung fielen, nicht nachgelegt. Nur deshalb darf sich der amtierende Bürgermeister heute als tatkräftiger Wohnungsbauer feiern lassen, wobei sein Programm stark auf die Quadratmeter fixiert ist. Dabei verschwindet das Thema Stadtentwicklung gelegentlich aus dem Blick. Die Zusammenschau von wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Entwicklung ist nie richtig vollzogen worden.

Hamburg wächst, der Wohnungsbau kann kaum mithalten. Was sind die sozialen Folgen?

Das Problem ist, dass der Bedarf an Wohnungen für einkommensschwache Haushalte größer ist als die 2000 Wohnungen, die gebaut werden. Im Klartext: Es fallen mehr Wohnungen aus der Sozialbindung raus als man mit den 2000 neuen kompensieren kann. Weil fast die Hälfte der Haushalte sozialwohnungsberechtigt ist, ist hier eine andere Akzentsetzung notwendig. Auf der anderen Seite fragt man sich, wie weit das heutige Engagement im Sozialen Wohnungsbau reicht, wenn die Mieten in diesem Segment nur eine 15-jährige Bindung haben. Diese Zeit ist sehr schnell vorbei und am Ende profitiert vor allem der Investor, der die Wohnungen dann meistbietend vermieten oder verkaufen kann, weil der Markt heiß ist. Hinzu kommt das Problem des Arbeitsmarkts, auf dem Niedriglöhne, Mehrfach- und Teilzeitbeschäftigungen dominieren, die steigende Mietkosten kaum abdecken.

Die Folge: Arme werden an den Stadtrand verdrängt, soziale Spaltung verschärft sich ...

Das ist keine gute Entwicklung, die für ältere Menschen besonders problematisch ist. Sie müssen oft ihre gewohnten Quartiere verlassen. So werden Sozialbeziehungen auseinandergerissen. Sich im höheren Alter in einer völlig anderen Umgebung mit schlechterer medizinischer Versorgung und unzureichenden Mobilitätsangeboten zu arrangieren, ist nicht so einfach. Da müsste man schon jetzt intervenieren. Aber auch studentisches Wohnen ist problematisch. Es sollen immer mehr junge Leute an die Uni, die Behörde zwingt uns, immer mehr Bachelor-Studierenden aufzunehmen, doch angemessener Wohnungsbau für diese Zielgruppe hinkt total hinterher.

Wie sozial ist Hamburg, die Stadt der Millionäre?

Der Handelskapitalismus bestimmt nach wie vor den Geist in der Stadt. Wenn man mit der Handelskammer spricht, hört man immer die Frage: Wie rechnet sich das? Die Handelskammer versucht in sehr starkem Maße Stadtentwicklungspolitik im Interesse der zentralen Wirtschaftsunternehmen zu betreiben. Sozialpolitik ist da allenfalls als Reparaturbetrieb mitgedacht. Das ist problematisch. Hamburg wird sich das zwar leisten können, solange die Steuereinnahmen sprudeln. Mir fehlt aber eine nachhaltige Strategie, die Soziales und Ökonomisches systematischer zusammendenkt und bearbeitet.

Ist der Bürgermeister auf diesem Ohr taub?

Es gab verschiedenste Versuche, ihn auf diese Fragen aufmerksam zu machen. Olaf Scholz hat sich in dieser Diskussion kaum für neue Gedanken aufgeschlossen gezeigt, sondern das erzählt, was er immer erzählt auf Fragen zur Stadtentwicklung. Man kommt mit ihm nur schwer in ein offenes Gespräch. Vielleicht ermöglicht die nun erforderliche Regierungskoalition ein Umdenken.

Wächst die Armut in Hamburg?

Es gibt eine Zunahme von Armut trotz des Reichtums. In wohlhabenden Städten wie Hamburg oder München bilden sich seit Jahrzehnten regelrechte Armutsinseln. Billstedt, Bereiche in Wilhelmsburg und der Osdorfer Born sind Stadtteile, die mit vielen sozialen Schwierigkeiten konfrontiert sind. Man muss sich nur die Statistiken zur Arbeitslosigkeit, zum SGB II-Bezug, fehlenden Schulabschlüssen und niedriger Wahlbeteiligung anschauen, dann sieht man, welche Probleme sich in welchen städtischen Räumen überlagern.

Wer ist arm?

Rentner ohne ausreichende Erwerbszeiten, Verwitwete, Alleinerziehende, kinderreiche Familien, vor allem diejenigen mit Migrationshintergrund.

Wie wirkt sich das auf die Jugendlichen aus, die in solchen Familien aufwachsen?

Für die ist das nicht einfach, weil sie die notwendige Unterstützung von Zuhause nicht bekommen. Viele gehen zur Schule, ohne vorher ein einziges Buch gesehen zu haben, daheim fehlt ein Platz für die Erledigung von Hausaufgaben, manche kommen ohne Frühstück in die Schule - da sind problematische Bildungskarrieren vorgezeichnet. Bitter ist, dass Jugendliche trotz gutem Examen auf dem Arbeitsmarkt oft schlechte Chancen haben, auch die Wohnungssuche mit ausländisch klingendem Namen konfrontiert mit existierenden Diskriminierungen. Nach 50 Ablehnungen, übrigens auch bei vielen Genossenschaften, geben viele auf. Leider wird diese offene Diskriminierung noch viel zu wenig thematisiert und abgebaut.

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