Sweet Amerika

Susan Gilmans Romandebüt »Die Königin der Orchard Street«

Wer spätestens in der Mitte des Buches nicht riesengroßen Appetit auf ein leckeres Softeis bekommt, hat bestimmt nicht richtig gelesen. Aber Vorsicht! Am Ende vergeht einem dann doch wieder der Heißhunger, denn allzu viel des Süßen und des Luxuriösen bekommt den Menschen meistens nicht gut. Dieses Buch erzählt davon - und von viel, viel mehr: Von Einwanderung und Leben in einem fremden Land, von Hunger und bitterer Armut, von Kinderarbeit und Cleverness, von Versagen und Gewinnen, von Verrat und echter Zuneigung, von Hinfallen und Wieder-Aufstehen, von Reichtum und Luxus, von dem großen amerikanischen Traum und der Geschichte dieses zwiespältigen Landes zwischen 1913 und 1980 mit all seinen Turbulenzen, seinen Chancen und seinem Irrsinn.


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* Susan Jane Gilman: Die Königin der Orchard Street. Roman. A. d. Am. v. Eike Schönfeld.
Insel Verlag. 553 S., geb., 19,95 €.


Es ist erstaunlich, wie geschickt, phantasievoll und lebendig die junge Susan Jane Gilman die Geschichte der »Eiskönigin der Orchard Street« erzählt, funkelnd wie Kristall, wie glitzernde Eiskristalle, die aber schnell schmelzen und auf der Zunge nur ein süßes Aroma hinterlassen. O Talmi, o süßes Amerika! Ernst und doch leicht und softig, süß und bitter ist dieser Roman. Die Autorin nimmt die Leser mit nach New York im Jahr 1913. Die siebenjährige Malka Bialystoker ist das Kind einer armen russisch-jüdischen Familie, die in einer Mietskaserne im Einwandererviertel auf der Lower East Side in der Orchard Street wohnt, besser gesagt, eng zusammengedrängt haust. Die kleine Malka und ihre Schwestern müssen mit für den nötigsten Unterhalt sorgen. Das ist schrecklich, aber es macht das vorwitzige Mädchen erfinderisch. Als der Vater verschwindet und die Familie auseinanderbricht, ereilt das Kind ein zusätzliches Unglück. Es wird von einem Eiswagen überfahren und schwer verletzt. Aber Malka hat Glück im Unglück. Der gutmütige Mr. Dinello, der Besitzer des Unglückswagens, ein kleiner, ärmlicher Eishersteller, nimmt das Mädchen zu sich in seine Familie im italienischen Einwandererviertel, das nur wenige Straßen vom jüdischen entfernt ist. Hier bekommt es Essen, einen Schlafplatz und wird von Papa Dinello in die Geheimnisse der Eisherstellung eingeweiht.

Machen wir es kurz! Malka, nun mit neuem Namen Lillian Dinello, erhält eine Schulausbildung. Sie lernt ihren künftigen Ehemann Albert Dunkle kennen, beide passen zusammen wie die Schuhe zu einem Paar, und sie bauen zusammen Schritt für Schritt ein großes Eis-Imperium auf, wobei vor allem Lillians früh erworbenes Geschick im Gebrauch ihrer Ellenbogen den Hauptanteil beiträgt.

Die kleine Malka aus der Orchard Street schafft es schließlich ganz nach oben, Lillian Dunkle wird zur »Eiskönigin« von Amerika mit einem Leben in Reichtum und Luxus. In einer eigenen Fernsehshow tritt sie zusammen mit ihrem Maskottchen Speckles der Clown jeden Sonntagmorgen auf. Ihr Leben wird schließlich zum Film, zur Komödie, zur Clownerie.

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