Mit entschiedener Festigkeit

Armin Wertz dokumentiert, wie die USA ihre Interessen durchsetzen

In seiner Ankündigung schreibt der Verlag, das Buch habe 4000 Seiten. Es sind »nur« 400. Obgleich man mit dem Thema gewiss die zehnfache Anzahl von Seiten hätte füllen können. Denn es handelt sich - so ist gleichfalls der Verlagsankündigung zu entnehmen - »um die erste vollständige Chronik« aller militärischen und geheimdienstlichen Operationen der USA. Das strebt der Autor womöglich an, doch die Fülle solcher Operationen und deren oft auch nach Jahrzehnten aufrechterhaltene Geheimhaltung steht dem freilich entgegen.


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* Armin Wertz: Die Weltbeherrscher. Militärische und geheimdienstliche Operationen der USA.
Westend. 400 S., geb., 24,99 €.


Das Buch ist spannend, akribisch verfasst, es ist in seiner Gesamtheit ein Aufreger und im Detail ein Anreger. Man wird aktiviert, mehr erfahren zu wollen über bislang unbekannte oder inzwischen weithin vergessene, erklärte und nicht erklärte Kriege sowie über andere Heimtücke.

Die USA verfolgen, wie jeder Staat oder jedes Staatenbündnis, Interessen. Wie beschreibt unser Auswärtiges Amt das? Freundlich ausgedrückt - diplomatisch: »Die USA verstehen sich als globale Macht, ihren Interessen sowie ihrer Führungsrolle in der westlichen Welt und darüber hinaus verpflichtet.« Sie suchten »den Ausgleich und den Austausch mit neuen aufstrebenden Gestaltungsmächten und begegnen den Krisenherden in der Welt mit dem gesamten Instrumentarium aus partnerschaftlicher Kooperation und entschiedener Festigkeit«.

Über diese »entschiedene Festigkeit« hat Kollege Armin Wertz, der als Nachrichtenredakteur beim »Stern« begann, dann aber als Korrespondent aus Mittelamerika und Israel journalistisch berichtete, ein chronologisches Nachschlagewerk verfasst. Über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte hinweg stößt man immer wieder auf aktuelle Hotspots westlicher Außen- und Sicherheitspolitik unter US-Fuchtel. Manches ist schlicht nur interessant.

Wer weiß schon, dass in Afghanistan bereits 1823 ein erster US-Söldner sein Unwesen trieb. Er war ebenso erfolglos wie seine Nachfolger, die derzeit dort Stützpunkte halten. Beim Blättern lassen sich geografische und begriffliche Schwerpunkte ausmachen. Mittel- und Südamerika natürlich. Dann wuchs der Aktionsradius. Zu Zeiten des Kalten Krieges war Europa wichtig, doch auch der jetzt für Washington an Bedeutung gewinnende pazifische Raum hat viele Einträge. Im Gegensatz zu Afrika.

Wer nur mal blättern mag, sollte bei den baltischen Staaten und beim Stichwort Ukraine verweilen. Déjà vu garantiert. Es kann auch sein, dass einem bei der Wiedergabe eines Gesprächs zwischen dem US-Präsidenten Lyndon B. Johnson und dem griechischen Botschafter in den USA Wolfgang Schäuble in den Sinn kommt. Johnson wird zitiert: »Hören sie zu, Mr. Botschafter, auf ihr Parlament und ihre Verfassung ist geschissen.« Er verglich Griechenland mit einem Floh, der den Elefanten USA nur nicht zu sehr reizen solle, sonst ... Zwei Jahre später putschten die Obristen in Athen. Einwand akzeptiert. Schäuble formuliert kulturvoller, und die EU hat andere Instrumente.

Bisweilen urteilt der Autor etwas einseitig gegen die US-Hegemonie. Denn zu solider Hinterlist gehören oft mehr als nur eine Partei. Genau diese Interaktion im politischen Weltgeschehen - aktuelles Stichwort Islamismus - hätte aber das Buch auf über 4000 Seiten anschwellen und zum Werk eines Think Tanks werden lassen.

Doch - und auch das ist ein Vorteil der »nur« 400 Seiten: Sie führen zu eben diesem komplexeren Nachdenken über den Zustand der Welt.

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