Fürstenzug und Serienmord

Constanze Vollhardt verwebt Historisches mit Psychopathischem

Ein Serienmörder in Sachsen? An historischen Vorbildern für solch einen Plot mangelt es in der Realität zwar, dafür mangelt es dem Serienmörder in Constanze Vollhardts Roman »Dresdner Fürstenfluch« nicht an historischen Bezügen: Egal ob Frauenkirche, das Kloster Wechselburg oder die Eckartsburg in Thüringen - der Täter lässt sich keine Gelegenheit entgehen, seine Morde aufwendig zu inszenieren und die Opfer an geschichtsträchtigen Orten auszustellen. Lokalkolorit, historische Anekdoten und bodenständige Ermittler, das sind die Zutaten für den Roman, der sich nahtlos in das Programm des Emons-Verlages einfügt, der sich auf regionale Literatur spezialisiert hat.


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* Constanze Vollhardt: Dresdner Fürstenfluch. Kriminalroman.
Emons. 384 S., br., 11,90 €.


Vollhardt, die lange auf Schloss Rochlitz als Touristenführerin tätig war und sich mit Sachsens Vergangenheit befasst hat, lässt die Handlung ihres ersten Krimis rund um die Figuren des berühmten Dresdner Wandbilds »Fürstenzug« spielen. Die dargestellten 94 Personen - davon 35 Markgrafen, Herzöge, Kurfürsten und Könige aus dem Geschlecht der Wettiner - beschäftigen seit der Entstehung des Bildes im 19. Jahrhundert Historiker und historisch Interessierte. Und im Fall des »Fürstenfluchs« bald auch die Polizei.

Denn was zunächst wie ein sadistischer Mord an einem zufällig gewählten Opfer aussieht, stellt sich im Verlauf der Ermittlungen der Chemnitzer Kommissarin Carola Mertens und ihres Dresdner Kollegen Fred Färber als akribisch geplante Serie heraus, die Vergangenheit und Gegenwart auf grausame Weise zusammenbringt. Originalgetreue Kostüme und detailreich gestaltete Todesfälle sind dabei die Handschrift des Täters. Seit Jahrhunderten tote Adlige werden ins Gedächtnis der Sachsen und des Lesers zurückgeholt, ihre Lebensgeschichte mit historischen Anspielungen verwoben. Ob August der Starke, Dedo der Feiste, Albrecht der II. oder Friedrich der Sanftmütige - kaum ein bedeutender Name der sächsisch-wettinischen Herrscherzeit, die mit dem Tod Friedrich Augusts des III. im Jahr 1918 endete, entgeht der Autorin bei ihrem Streifzug durch die Untiefen einer Serienmörderseele.

Die gewählte Ich-Perspektive lässt den Leser dabei die Gedanken des Täters hautnah miterleben, der Fortgang der polizeilichen Ermittlungen dagegen wird mit etwas mehr Abstand aus der Sicht der Kommissare dargestellt. Vollhardt wechselt bei ihrem Romandebüt leichtfüßig zwischen den beiden Erzählsträngen, die sich im Laufe der 380 Seiten freilich immer mehr vermischen und nach einem Wettlauf gegen die Zeit einem gemeinsamen Ende entgegensteuern.

Zuvor steigt aber noch der öffentliche Druck auf die beiden Ermittler, die die durchschnittliche Zahl an Morden während einer sächsischen Kommissarslaufbahn mit dem »Fürstenzug«-Fall bereits weit überschritten haben dürften. Die Regionalpresse schürt die Ängste in der Bevölkerung und greift auch die Kommissare persönlich an. Die haben - wie in Krimis üblich - ein eher deprimierendes Privatleben und ein paar skurrile Eigenschaften: So kann Färber am besten in der Hollywoodschaukel im zum Minigewächshaus ausgebauten eigenen Wohnzimmer nachdenken und isst massenweise Lakritze, um seine Allergien zu mildern. Und Mertens trägt Stöckelschuhe, weil das laute Klacken der Absätze auf dem Boden ihrem Selbstbewusstsein einen Schub gibt. Dass sie am Ende das Schuhwerk wechselt, hat nicht ausschließlich modetechnische Gründe, soviel sei noch verraten.

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