Und du bist König!

Der vom deutschen Literaturbetrieb aussortierte Kommunist Christian Geissler schrieb politisch wie ästhetisch radikal. Seit einiger Zeit wird sein Werk neu aufgelegt

Das Personal eines Fernsehspiels: mehrere Menschen, Frauen und Männer, unter ihnen auch ein Pfarrer und ein Soldat. Sie sind Fahrgäste in einem Zug. Der Zugang zum hinteren und fest verriegelten Teil des Zuges, in dem offenbar Sonderbares vor sich geht, ist ihnen verwehrt. Irgendwann sind obendrein kryptische und beunruhigende Durchsagen aus den Zuglautsprechern zu hören. Später fällt einigen auf, dass die Fernsprechverbindung zur Außenwelt unterbrochen ist und die Fenster in den Abteilen nicht zu öffnen sind. Unter den Reisenden entspinnt sich im Folgenden ein Streit, wie mit dieser unheimlichen Situation umzugehen ist. »Schlachtvieh« heißt das kammerspielartige, 1962 für den NDR verfasste Stück des kommunistischen Schriftstellers Christian Geissler. Es ist eine Studie über menschliches Verhalten in Gruppen: Ab wann genau ist es richtig, sich mit seinen Fragen und Zweifeln einzumischen? Oder gilt es vielmehr, der Autorität des Lokführers zu vertrauen, sich schweigend und gehorsam der gegebenen Ordnung zu fügen? Natürlich ist es auch eine Anspielung auf die postnationalsozialistische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, in der zahlreiche ehemalige Nazis noch in Amt und Würden waren.


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* Christian Geissler: Schlachtvieh / Kalte Zeiten. Mit einem Nachwort von Michael Töteberg.
Verbrecher-Verlag. 260 S., geb., 24 €.


In den frühen 60er Jahren, als wenigstens bei den Linksliberalen in der Bundesrepublik die aus heutiger Sicht formal eher biedere sozialdemokratische Erbauungsliteratur von Walser oder Böll in hohem Ansehen stand, war einer wie Christian Geissler ein Außenseiter: ein an Brecht wie dem Existentialismus Geschulter, dessen Schreiben nicht nur in formaler Hinsicht im besten Sinn experimentierender, avancierter und moderner war, sondern der in seinen Werken auch schonungsloser als andere die NS-Untertanenmentalität, die weitgehend ausgebliebene »Vergangenheitsbewältigung« und den schroffen Antikommunismus in der BRD der 50er bis 70er Jahre thematisierte.

Geisslers Schreiben eckte nicht nur politisch an, es war auch ästhetisch radikal. »Ab den 90er Jahren« wurde er »vom Literaturbetrieb zunehmend wie ein toter Hund behandelt« (Jochen Schimmang in der »Taz«).

In seiner erstmals 1965 erschienenen Erzählung »Kalte Zeiten«, in der von einem jungen Ehepaar erzählt wird, das in einer Art Leben im Leerlauf zerrieben wird zwischen Arbeit und Konsum, ist ein wesentliches Stilmittel die Collagetechnik, mit der gesellschaftliche Widersprüche in der prosperierenden Adenauer-Ära aufgezeigt werden: In dem in nüchtern-karger Sprache gehaltenen Text, in dem das Leben kleiner Leute geschildert wird, das nahezu ausschließlich von Arbeit und dem Wunsch nach Wohlstand bestimmt wird, werden immer wieder Slogans aus der schönen Werbewelt, der »Bild«-Zeitung und verlogenen Illustrierten eingeflochten, um beim Leser so einen verstörenden Verfremdungseffekt zu erzielen. »Der Rücken tat ihm weh, als er sich hinter den Motor hockte. Scheißbagger. Fahre Prinz, und du bist König.«

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