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Der Waschbär macht Frühjahrsputz auf der Spree

13 Einkaufswagen und fünf Kühlschränke fischte das Wasser- und Schifffahrtsamt 2014 aus dem Wasser

  • Von Christian Thiele
  • Lesedauer: 4 Min.

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Bierflaschen und Kaffeebecher gehören zu den harmlosen Dingen, die auf der Spree treiben. Unter Wasser lagern dagegen Möbel, Fahrräder und abgesägte Blitzer. Die können Schiffen gefährlich werden.

Wenn Andreas Meier sein Schiff über die Spree steuert, bekommt mancher Dieb schwitzige Hände. Fünf Tresore haben der Kapitän und sein Team im vergangenen Jahr aus dem Wasser gezogen. An diesem März-Tag ist die Statistik um einen weiteren ergänzt geworden. Der leer geräumte Geldschrank steht an Deck des Schiffes und ist mit reichlich Schlamm bedeckt. Er soll der Polizei übergeben werden. Meier ist Schiffsführer beim Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Berlin - und kein Kriminologe. Er und sein Team erledigen den Frühjahrsputz auf der Spree. Sie sorgen dafür, dass Touristenschiffe nicht havarieren, wenn sie über Gegenstände fahren, die Berliner in der Spree entsorgt haben. Dabei finden sie auch Unangenehmes.

Der Tresor und ein Motorroller sind vom Vortag übrig geblieben. An diesem Morgen geht es durch Kreuzberg. Peilfahrt nennt Meier die Tour über die Wasserstraßen Berlins. Ein Echolot sucht den Boden des Flusses ab und meldet, wenn Gegenstände auf dem Grund liegen. Der Vermessungsexperte Thomas Pankrath starrt deshalb auf seinen Monitor. Wenn sich die Wellenlinien auf dem Diagramm zu kleinen Bergen erheben, ist die Chance groß, dass unter dem Schiff ein größerer Gegenstand illegal versenkt wurde. Das kam im vergangenen Jahr 47 Mal vor. In den Jahren zuvor war das häufiger der Fall: 2013 zählte das Schifffahrtsamt knapp 190 Hindernisse, 2012 sogar 270.

»Das Umweltbewusstsein der Berliner ist in den letzten Jahren gestiegen«, ist eine Erklärung, die der Vermessungsingenieur Holger Martin anbringt. Eine andere hängt mit dem Winter zusammen. »Wenn es kalt ist und das Wasser zugefroren ist, dann wagen sich viele auf die Eisflächen und nehmen ihre mitgebrachten Sessel nicht wieder mit nach Hause«, fügt Kapitän Meier an. Der zu Ende gehende Winter war milde, weshalb es weniger Müll in der Spree gibt. Mancher Winter-Ausflug auf die Spree endet aber auch tragisch: Zwei Leichen musste Meier aus dem Fluss ziehen. »Wenn das Eis brüchig ist, geht man sofort unter.«

Das 200 PS starke Schiff von Andreas Meier schiebt sich über das Wasser. Meier steuert es seitwärts und kann damit den Grund auf einer Länge von 15 Metern absuchen. Das Schifffahrtsamt ist für etwa 400 Kilometer Wasserstraßen in und um Berlin zuständig - von Potsdam bis nach Eisenhüttenstadt an der Oder. Die Gegenstände aus dem Wasser zu fischen, sei wichtig, betont der Kapitän. »Sollte ein Gegenstand die Schiffschraube eines Fahrgastschiffes beschädigen, kann es schlimmstenfalls manövrierunfähig gegen das Ufer prallen.«

13 Einkaufswagen, fünf Kühlschränke und eine Badewanne wurden im vergangenen Jahr aus dem Wasser gefischt. Kinderwagen, Geld- und Spielautomaten, Mülltonnen, Parkbänke, Schubkarren, Matratzen, Computer, ein Ruderboot und Reifen gehören seit Jahren zu den Dingen, die unter der Wasseroberfläche entdeckt werden. »Weihnachtsbäume sind auch dabei«, ergänzt Martin. Einmal holten Schiffführer Martin und seine Mannschaft sogar ein Auto aus der Spree. Davon gibt es auch ein Bild. Es hängt in dem Schiff, das den Namen Waschbär trägt. Gern erinnert sich der Kapitän auch an einen abgesägten Blitzer: »Das war wohl für viele Autofahrer eine Wohltat.«

Bei Thomas Pankrath schlägt unterdessen das Echolot an. Er ruft die Koordinaten dem Matrosen Ingo Wohlgemuth und dem Auszubildenden Lucas Wolf zu. Sie rammen lange Stangen in den Untergrund. Dann bedient Pankrath den Greifarm und versenkt ihn im Wasser. Nach wenigen Minuten taucht dieser wieder auf und bringt neben Schlamm ein Fahrrad an die Oberfläche. Es ist ein Leihrad der Deutschen Bahn. Zu erkennen ist es lediglich an der Form. Das Rad wird wenig später auf einem Container landen und entsorgt.

Die Tresore rühren Meier und sein Team dagegen nicht an und übergeben sie der Wasserschutzpolizei. »Unter dem Schlamm können noch Dokumente oder Wertgegenstände lagern«, erklärt Meier. Sie könnten Hinweise auf die Bestohlenen oder mit viel Glück auch auf die Täter geben, meint der Kapitän. »Zu 99,9 Prozent sind die Tresore aber leer.« dpa

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