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Die Korruption liegt wie ein Fluch über dem Land

Andrey Zvyagintsev über »Leviathan«, Zensur und Wladimir Putin

nd: 2011 gewannen Sie in Cannes, Alexander Sokurow triumpfierte in Venedig mit »Faust«. Beide wurden vom russischen Auswahl-Komitee übergangen. Ist die Nominierung von »Leviathan« ein Fortschritt?

Andrey Zvyagintsev: Der Wind in Russland dreht sich langsam. 2011 setzte Nikita Michalkow seinen eigenen Film mit zweifelhaften Methoden durch, was einen riesigen Skandal auslöste. Das Grenium wurde neu besetzt. Die von der Nomenklatura unabhängigen Stimmen lassen sich nicht einschüchtern, um jüngere Regisseure auszugrenzen. Deshalb machte mein Produzent Alexander Rodnjanski den Film allen Mitgliedern des Auswahlkomitees zugänglich. Sie setzten sich auch gegen Kultusminister Wladimir Medingski durch, der zwei Tage vor der Premiere von »Leviathan« sagte, der Film zeige Talent, aber er möge ihn nicht.

Zum Start warf Ihnen die Kirche Pessimismus vor?
Die Meinung der Kirche ist für mich irrelevant. Ich mache Filme für junge Zuschauer. Und die Russen diskutieren ungern öffentlich. Einige offizielle Reaktionen auf meine Filme haben mich dagegen bestätigt. Wladimir Putin fragte, warum es so wenige Filme wie »Elena« oder »Die Rückkehr« gäbe. Der Film löste eine Debatte über die Inhalte und die Finanzierung von Filmen in Russland aus, die viele Filmemacher ermutigt hat. Der Kultusminister hat zugesagt, solche Projekte zu unterstützen.

Dann gibt es keine Probleme mit der Zensur?
Ich kann mich nur an zwei Eingriffe erinnern. Die Jury des Filmfestivals von Chantymansinsk wurde von der Regionalregierung unter Druck gesetzt, »Russia 88« nicht mit dem Hauptpreis auszuzeichnen. Der Film gewann den zweiten Preis. Auch die Kinos wurden bedroht, die ihn zeigen wollten. Und die Regisseure des Dokumentarfilms »Pussy Riot – A Punk Prayer« wurden mit mysteriösen Anrufen eingeschüchtert, die Premiere abzusagen.

Die Geschichte wurde von einer wahren Begebenheit in den USA inspiriert. Was sprach dafür, sie nach Russland zu verlegen?
Ich war schockiert über das Schicksal eines Mannes, der sich eine kleine KFZ-Werkstatt aufgebaut hatte. Neben seinem Grundstück wurde eine Fabrik gebaut, die seine Einfahrt blockierte. Er wehrte sich verzweifelt. Es half nichts. Er ging pleite und 2008 beging er Selbstmord. Der Rechtsstaat hatte ihn im Stich gelassen. Bei mir führte dies zur Überlegung, ob in demokratischen Staaten Strukturen bestehen, in denen sich der Stärkere durchsetzt und die Freiheit des Einzelnen auf Entfaltung seiner Persönlichkeit eingeschränkt ist. Daher erzählt »Leviathan« die universelle Geschichte eines Mannes, der gegen Korruption und Ungerechtigkeit um sein Leben kämpft.

Das Problem der Bestechlichkeit ist in Russland aber größer als in den USA?
Die Korruption liegt wie ein permanenter Fluch über dem Land.

Außerdem bedienen Sie auch das Bild des Wodkatrinkenden Russen?
Ich will das Problem nicht unter den Tisch kehren. In Russland ist es kalt, die Menschen brauchen stärkere Getränke als Bier und Rotwein. Was gut ist für die Russen, ist zu stark für die Deutschen, sagt ein altes Sprichwort.

Warum haben Sie diesen kargen Landstrich gewählt?
Die unwirtliche Landschaft unterstützt das Gefühl der Verlassenheit und Einsamkeit, der Ozean erweckt den Eindruck, man sei am Ende der Welt. Nachdem wir diesen vergessenen Ort gefunden hatten, änderte ich Anfang und Ende des Drehbuches. Der Film zeigt zu Beginn einen Mann, der aus der Einsamkeit der Natur kommt und sich unter die Menschen begibt. Am Ende geht er den umgekehrten Weg.

Der gestrandete Wal auf dem Strand ist eines der Symbole des mythischen Kontextes?
Als Filmemacher fühle ich mich der Wahrheit verpflichtet. Mich interessieren alle sozialen Aspekte des Lebens und die Interaktion zwischen Mensch und Umwelt. Diese bette ich stets in einen mythologischen Kontext ein, damit die Geschichte weltweit verständlich ist. Die Figur des Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat, ist so alt wie das Geschichtenerzählen selbst. Und natürlich ist der Wal ein mythologisches Bild mit Bezügen zur Bibel und den Stories von Einzelgängern, die ohnmächtig gegen ein Tier ankämpfen.

Würden Sie gerne außerhalb Russlands arbeiten?
Es hängt vom Plot ab. Wenn er den Dreh in einem anderen Land fordert, werde ich dorthin gehen. Aber ich reise nicht gerne.

Putin stört Sie nicht?
Der Film würde ohne ihn genauso aussehen. Ich verstehe, woraus sie hinauswollen. Ich will Putin nicht verteidigen, ich will nicht über seine Politik richten. Die Historiker werden eines Tages über diese Krise urteilen, die durch Fehler auf allen Seiten ausgelöst wurde. Es fällt mir aber schwer über das Thema überhaupt zu reden, weil es mir sehr nahe geht.

Andrey Zvyagintsev wird am 18. März von der Akademie der Künste in Berlin mit dem Kunstpreis Film- und Medienkunst geehrt. Der 1964 in Nowosibirsk Geborene gewann für »Die Rückkehr« den Goldenen Löwen in Venedig, für »Elena« den Jurypreis in Cannes. Sein aktueller Film »Leviathan« feierte in Cannes Premiere, gewann den »Golden Globe« und war für den Oscar nominiert.

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