Werbung

Statt Perestroika-Idyll offensiv gegen das Kapital

Die unbequemen Überlegungen des vor 20 Jahren verstorbenen Wolfgang Harich. Von Alexander Amberger

Im Jahr 1956 wurde der Marxist Wolfgang Harich zusammen mit einigen Kollegen aus dem Aufbau-Verlag und der Redaktion des »Sonntag« verhaftet. Sie hatten die Absetzung Walter Ulbrichts und eine Entstalinisierung der DDR angestrebt. Für Harich, den intellektuellen Kopf dieses Verschwörerkreises, stellte die deutsche Wiedervereinigung das zentrale Ziel dar. In Ulbricht und Adenauer sah er zwei Gegner, da sie jeweils den Aufbau ihres separaten Teilstaats anstrebten und die Spaltung noch forcierten. Beide mussten also weg, Adenauer durch einen Sieg der SPD bei der Bundestagswahl 1957 und Ulbricht durch Absetzung mit Moskaus Gnaden. Denn mit Ulbricht an der Regierung werde, so der Philosoph, die SPD nie für eine gemeinsame Deutschlandpolitik mit der SED zu gewinnen sein.

So klar Harichs damalige Gedanken waren, so naiv liefen sie an den Realitäten des Kalten Krieges vorbei. Genau wie 1989/90, als er wieder deutschlandpolitische Forderungen aufstellte, die theoretisch ausgereift, zugleich aber kaum praxistauglich waren. Ebenso wie damals galt ihm eine Wiedervereinigung mehr als eine DDR zum »Selbstzweck«.

Viele Zeitzeugen schwärmen im Rückblick von dem Jahr der Utopie zwischen Oktober 1989 und Oktober 1990. Der Aufbau eines eigenständigen sozialistischen und (basis-)demokratischen Teilstaates auf deutschem Boden schien nach dem Ende der SED-Diktatur möglich, kam aber letztlich nicht zustande. Stattdessen überschlugen sich 1990 die Ereignisse: Die Volkskammerwahlen wurden von Mai auf März vorgezogen, die konservative »Allianz für Deutschland« ging überraschend als Sieger hervor und ebnete den Weg für eine schnelle Angliederung der DDR an die Bundesrepublik.

Harich prognostizierte diese Entwicklung bereits Ende 1989 für den Fall, dass die DDR nicht zügig Schritte zu einer Wiedervereinigung unter Gleichberechtigten anstrebe. Die Frage der deutschen Einheit spielte für die meisten Bürgerrechtler und Parteien damals allerdings keine Rolle, was der Philosoph kritisierte. Er warnte, dass sie sich bald stellen würde. Hätten die Linken darauf keine Antwort, kein Angebot, so überließen sie das Thema den Konservativen oder gar den damals erstarkenden Neonazis. Dem von SED-Reformern und Bürgerrechtlern erträumten »Perestroika-Idyll« räumte Harich 1989 keine Chance ein. Der Herausgeber seines Nachlasses, Andreas Heyer, betont diesbezüglich, dass der Philosoph im Gegensatz zu den meisten Kritikern der SED, von Wolfgang Biermann bis Christa Wolf, systemtranszendent gedacht habe und nicht systemimmanent. Harich schrieb 1992 über die DDR: »Sie galt mir als bloße Ausgangsbasis, von der aus … die Wiedervereinigung … ins Feld zu setzen sei.«

Nach dem Mauerfall sah er die Zeit für einen solchen Schritt gekommen und konzipierte um Weihnachten 1989 für die Grünen der DDR einen Programmentwurf, in dem er das Zusammenwachsen von Ost und West unter Berücksichtigung ökonomischer und kultureller Differenzen andachte: Nach dem Ende des Kalten Krieges würden der Warschauer Pakt und die NATO nicht mehr benötigt. An ihre Stelle solle ein neues Sicherheitssystem treten, dem neben europäischen Staaten auch Kanada und die USA angehören. Auf dieser Basis würden dann beide deutsche Staaten eine Konföderation bei voller Beibehaltung ihrer jeweiligen Souveränität bilden, die Oder-Neiße-Grenze anerkennen, sich weitgehend entmilitarisieren, Ökologie und Feminismus ins Zentrum rücken sowie Antifaschismus zur Staatsdoktrin erklären. Über eine gemeinsame Verfassung würde im Rahmen dieser Konföderation beraten und mit deren Annahme per Volksabstimmung schließlich die Wiedervereinigung auf Augenhöhe vollzogen werden. Damit verbunden wären Wahlen zu Parlament, Regierung und Oberstem Gericht. »Keiner dieser Schritte zur Wiedervereinigung und Unabhängigkeit kann uns erspart bleiben, keiner übersprungen werden.« Die DDR-Grünen lehnten Harichs Programmentwurf auf einem Parteitag im Februar 1990 ab. Süffisant merkte dieser zwei Jahre später an: »Der Haupteinwand gegen meinen Entwurf besagte, dass die Wiedervereinigung Deutschlands kein aktuelles Thema sei.«

Seine Ideen wurden nicht beherzigt, ebenso wenig seine Warnungen: Die Aufnahme westlicher Kredite, die Umwandlung von Volkseigentum zu Spekulationsmasse, die Bildung von Joint Ventures mit westlichen Konzernen und die Übernahme der westlichen Individualmotorisierung sollten verhindert werden, ein neues Deutschland ohne Kapitalismus und Umweltzerstörung wäre das Ziel, eingebettet in ein friedliches Europa. Niemand kann wissen, ob Harichs Weg erfolgreicher als der real geschehene verlaufen wäre. Wer darüber nachdenken möchte, findet den Programmentwurf in seinem Buch »Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit«.

Der unbequeme Philosoph starb am 15. März 1995.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
Mehr aus: