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Neo-SS doch kein Hirngespinst?

»Selbstmord« eines Neonazis beschäftigt Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschuss

So wie in Hessen hat es lange gedauert, doch nun scheint sich auch der NSU-Untersuchungsausschuss in Stuttgart seinen Namen zu verdienen.

War der 21-jährige Florian Heilig aus Eppingen (Kreis Heilbronn) ein Spinner? Oder wusste er wirklich etwas über den 2007 in Heilbronn verübten Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter? Der wird laut Anklage vor dem Münchner Oberlandesgericht dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zugeschrieben. Noch bereits bevor der NSU im November 2011 aufflog, soll Heilig behauptet haben, etwas über die Hintergründe des Polizistenmordes zu wissen. Gegenüber Mitschülern sagte er, dass Neonazis auf Kiesewetter und ihren Streifenkollegen Martin Arnold geschossen haben, teilte Heiligs damalige Ausbildungsleiterin mit. Doch sie habe das den Behörden erst im Dezember 2011 erzählt. Bis dahin glaubte sie, »der Florian wollte sich nur wichtig machen«.

Es sei, so sagte eine Zeugin vom Stuttgarter Landeskriminalamt (LKA), in der rechten Szene üblich, »mit Mord und Totschlag zu prahlen«. Der mutmaßliche Neonazi-Aussteiger sagte dabei auch, es gebe neben dem NSU eine Neoschutzstaffel (NSS). Die Polizei glaubt auch das nicht. Heilig führte die Beamten sogar in ein Haus in Öhringen, in dem ein Treffen zwischen dem NSU und der sogenannten NSS stattgefunden haben soll. Doch man bleibt im LKA dabei: Heiligs Aussagen seien unpräzise, ausweichend und letztlich substanzlos. Im Übrigen sei es nicht Aufgabe des LKA gewesen, dem nachzugehen - »weil wir nicht in der rechten Szene ermitteln sollten, sondern nur zum Mord in Heilbronn«. Deutlicher kann man die von der Landesregierung gedeckte Unfähigkeit der Ermittler kaum darstellen. Gleiches ist ihnen übrigens auch in Bezug auf den Ku-Klux-Klan vorzuwerfen, bei dem Polizisten aus Kiesewetters Einheit Mitglied waren.

Man bestellte Heilig im September 2013 nochmals zu einer Vernehmung. Just an dem Tage starb der Zeuge. Vollgepumpt mit Medikamenten, soll er sich in seinem Auto angezündet haben. Selbstmord, sagt die Polizei. Die Eltern widersprechen. Wenn, dann sei ihr Sohn in den Tod getrieben worden. Sie haben kein Vertrauen zu den Ermittlern, die hätten sich ja nicht einmal für Florians Handy und Laptop interessiert. Die Familie will die Geräte nun dem Parlamentsausschuss übergeben.

Dass die Staatsschützer auch in Baden-Württemberg nicht die informiertesten sind, zeigte die Vernehmung eines Kripo-Beamten aus Heilbronn, der für die rechte Szene zuständig ist. Der behauptete ernsthaft, es gebe in der Region allenfalls »Trinker - Rechte, Linke, Punks, alle auf einem Fleck«. Der Beamte kannte nicht einmal deutschlandweit agierende Skinhead-Gruppen, die ihren Stammsitz in seinem Revier haben. NSS? Nie gehört!

Der Name jedoch taucht - wie nun bekannt wird - in verschiedenen SMS auf. Auch der von Heilig benannte Neonazi, der mit ihm bei dem angeblichen Treffen von NSU und NSS gewesen sein soll, ließ sich plötzlich identifizieren: »Matze«, also Matthias K. aus Neuenstein im Hohenlohekreis, habe man durch eine Aussage vor dem Untersuchungsausschuss finden können, erklärte ein Beamter der früheren Ermittlungsgruppe »Umfeld«.

Der Ausschuss erwägt nun, »Matze«, der Florians Leitfigur gewesen sein soll, zu laden. Der Ausschussvorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) ist dafür, CDU-Obmann Matthias Pröfrock auch, Grünen-Kollege Jürgen Filius hofft, dass sich so »noch andere Bezüge« ergeben. Sollte man den Neonazi laden, wird er wohl Sonderurlaub beantragen müssen. Laut »Stuttgarter Nachrichten« ist er zurzeit Soldat der Bundeswehr. Der Ausschuss setzt seine Untersuchungen an diesem Montag fort.

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