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Schandort Deutschland

In seinem überraschend politischen Buch »Kommt, Geister« plädiert Daniel Kehlmann leidenschaftlich für das Lesen

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 7 Min.

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Am wolkenverhangenen Himmel zeichnen sich in weiter Ferne die gletscherweißen Berge ab. Nur der böige Wind bildet eine beiläufige Geräuschkulisse vor diesem kleinen, abgeschiedenen Haus hoch oben im Schweizer Land. Hier kann man die Stille hören. Es ist 1984, und der neunjährige Daniel Kehlmann verbringt die Ferien mit seinen Eltern in einem verschlafenen Glarner Bergdorf. Wie nicht anders zu erwarten, will es dem Jungen nicht so recht gelingen, sich der betörenden Ruhe dieses Ortes hinzugeben. Er empfindet sie eher als Gefangensein inmitten trostloser Ödnis. Wie gut, dass ihm in einem wackligen Regal unbewacht und vergessen die verstaubte Lederausgabe eines Buches mit für einen Lausbub wie ihn nur allzu verlockendem Titel auffällt: »Die schwarze Spinne«.

Jeremias Gotthelfs düstere Novelle spielt ebenfalls in einem Schweizer Bergdorf. Der Teufel in Gestalt eines Jägers erweist den Einwohnern einen Gefallen und fordert im Gegenzug ein ungetauftes Kind. Der Pakt wird mit einem Kuss auf die Wange einer jungen Bäuerin besiegelt. Das Kind wird geboren, und entgegen der Absprache tauft es der Pfarrer, weshalb der jungen Frau augenblicklich schwarze Spinnen übers Gesicht kriechen, unheilvoll in die Nacht entschwinden und einen bedrückenden Fluch in Gang setzen. Was folgt, ist eine Geschichte, die dem jungen Kehlmann »böse, schwarz, krank, meisterhaft« erscheint: »Noch nie hatte ich mich so gefürchtet. Nie zuvor solche Albträume, nie so eine Intensität der Angst.« Es ist ein Werk, von dem er fortan nicht mehr loskommt - und das ihn selbst zum Schriftsteller machen wird.

Ein beflügelndes Initiationserlebnis als Fundament für ein kühnes Lese- und Schreibleben: So plastisch und nachvollziehbar und dabei doch so ausdrucksstark und kunstvoll wie wenige es können, beschreibt Kehlmann seinen Zugang, seine Perspektive und seine Haltung zur Literatur anhand greifbarer Beispiele in den fünf Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die jetzt als Buch erschienen sind. Im Titel »Kommt, Geister« rekurriert er auf William Shakespeare, in dessen »Macbeth« die Ehefrau des Protagonisten beschwörend ausruft: »Kommt, Geister, die ihr lauscht / Auf Mordgedanken.«

Kehlmann, der seit seinem riesigen Romanerfolg »Die Vermessung der Welt« (2005) als arrivierter Großliterat gilt, hält sich also gar nicht erst mit den kleinen Schrippen auf. Nicht nur der größte aller Dichter, sondern auch andere Texttitanen wie Grimmelshausen, Leo Perutz, J.R.R. Tolkien oder Stephen King sind seine Referenzpunkte. Kings Stärke sieht er etwa dort, wo man sie eigentlich gar nicht vermuten würde: im Realismus. »Buch um Buch wagt er sich dahin, wo man nicht sein möchte, in eine Welt des Alkoholismus und der täglichen Gewalt, der bitteren Armut, der allgegenwärtigen Gemeinheit.«

Das wahre Zentrum von »Shining« bilden für Kehlmann nicht jene Geisterstimmen, die Jack befehlen, seine Familie zu ermorden, sondern der in einer Rückblende erzählte Moment, in dem er seinen Sohn so fest am Arm packt, dass dieser bricht. In »Friedhof der Kuscheltiere« schildere King jenseits des Grauen gebärenden Indianerfriedhofes im Kern das Leiden eines Vaters, der sein Kind verliere, und das auch noch »quälend ausführlich«. In »Es« erscheine der diabolische Bösewicht nicht zufällig als Clown - und damit als Figur, die das menschliche Talent zum maskenhaften Verstecken wahrer Absichten und Gefühlszustände versinnbildliche. Die Schrecken des Stephen King finden ihren Ursprung damit immer in irdischen Phänomenen, in denen »es kein Spiel, keine Form und keine Befreiung jenseits der kurzen Zufriedenheit durch Bier, Baseball und Fernsehen gibt«.

Darin liegt für Kehlmann auch die Erklärung für den erstaunlichen Erfolg, der seit einigen Jahren all den Zombie-Geschichten beschieden ist. In ihnen seien nicht die Untoten die Hauptfiguren, sondern die durch sie Verfolgten. An ihnen ließe sich studieren, wie leicht Menschen anthropologische Konstanten wie Mitleid und Empathie ausschalten können, wenn es ums nackte Überleben geht. Es sei ein sich ständig wiederholendes Prinzip: Der Verfolgte stehe vor einem Menschen, dem er kurz vorher noch nahestand und der nun zum Zombie geworden sei. Ohne Zögern hebe der Gejagte seine Schrotflinte und knalle ihn eiskalt ab. Er tue dies nur, weil er wisse, dass der Zombie eben nicht (mehr) über diese Fähigkeiten verfüge.

Da wir nun alle instinktiv spüren, dass Empathielosigkeit eine reale Möglichkeit ist, seien Zombie-Plots immer zutiefst realistische Kunst. Denn schließlich sei Lesen eine aktive Tätigkeit, in der wir uns spiegeln und die uns gerade deshalb aufwühlen, aufrütteln, aufwecken könne. »Jedes Leben«, schreibt Kehlmann, »hat seine nicht bewältigten Schrecken, die wir mit uns tragen und verdrängen und doch nicht vergessen können.« Beim Lesen brechen die eigenen Dämonen hervor, es lässt unser Unbewusstes auftauchen, was uns auch noch genussvoll anmutet. Lesen als Therapie - neu ist der Gedanke nicht, aber er wurde selten so originell aufbereitet wie in »Kommt, Geister«.

Nicht zuletzt, weil Kehlmann sich im Gegensatz zu seinem bisherigen literarischen Werk in seinen Vorlesungen überraschend auch als eminent politischer Mensch präsentiert. Wenn er seinen Eröffnungsvortrag mit einer beklemmenden Schilderung von Peter-Alexander-Filmen beginnt, bei deren Ansehen man sich schon nach kurzer Zeit »regelrecht misshandelt« fühle, dann entsteht ein bildhafter Eindruck von den beängstigend »normalen« deutschen Nachkriegsjahren, deren filmischer Ausschuss noch schwerer erträglich ist als Nazipropaganda-Filme: Während in Letzteren konsequent geschwiegen und verdrängt wurde, fahre das Verdrängen in die bemüht lustigen Nachkriegsfilme aktiv ein und avanciere sogar zur wichtigsten Quelle der platten Komik.

Komme Peter Alexander etwa in einer seiner Schmonzetten unerwartet zu Geld, dann tue er so, als sei er ein reicher Rinderfarmer ausgerechnet aus Argentinien - einem Land, in dem ausnehmend viele faschistische Verbrecher ab 1945 mithilfe der Katholischen Kirche Zuflucht fanden. Kehlmann entdeckt noch mehr in dieser »Geisterwelt der Schatten und Echos«: So werde ein Hoteldirektor namens Adler nicht etwa Adli genannt, sondern ausgerechnet Adi. Auch träten dauernd pensionierte Offiziere auf, die in den Zwanzigern noch als lustige Gesellen im netten Schwank vertretbar gewesen sein mögen, aber wohl kaum mehr in den Fünfzigern, in denen deutsche Militärs »Dinge hinter sich hatten, die man wohl unaussprechlich nennen muss«.

Peter Alexander erklomm den filmischen Olymp der BRD 1959. In jenem Jahr also, in dem sich der Staatsanwalt Fritz Bauer an die schier aussichtslose Aufklärung des Holocaust machte, in deren Folge nur sechs der zweiundzwanzig Angeklagten lebenslänglich hinter Gitter wanderten, die meisten nur zwischen zwei und sieben Jahren einsitzen sollten und es nicht etwa ein selten zu beobachtendes Schauspiel war, dass die vor Gericht diensthabenden Polizisten vor den Angeklagten beim Betreten des Saales ehrfürchtig salutierten. Vor diesem Hintergrund erscheint Kehlmanns reichliche Würdigung der »gewaltigen Verdienste« der »Gruppe 47« und vor allem des derzeit aufgrund seiner politischen Äußerungen nicht gerade wohlgelittenen Günter Grass im Sinne einer demokratischen Entwicklung des »Schandorts Deutschland« wichtig und richtig.

Es geht Daniel Kehlmann letztlich darum, den deutschen Kern seiner poetischen Betrachtungen nicht nur als für sein eigenes Werk inhärent herauszuschälen, sondern ebenso die Literatur selbst für ihre grandiose Fähigkeit zu feiern, nichts weniger sein zu können als eine wahrhaftige Einübung in Empathie. Literatur kann Geister bannen. Sie kann sie aber auch beschwören. Und genau das ist es, was Kehlmann umtreibt. Ihn interessiert, woraus die Welt gemacht ist und weniger, was sie im Innersten zusammenhält. Ihm gehen beim aufmerksamen Lesen wie beim passionierten Schreiben ständig die großen philosophischen Fragen im Kopf herum. Warum handeln Menschen, wie sie handeln? Was ist der Mensch eigentlich?

Sein Vater, der bekannte Film- und Theater-Regisseur Michael Kehlmann, war getaufter Jude. Sein Leben hat das Denken und die Arbeit des Sohnes wohl mehr geprägt, als man bisher annahm. Als Teil einer verfolgten Familie sehnte sich Kehlmann senior zur Nazi-Zeit mit aller Kraft in die sichere Schweiz. Eben darum zog es ihn als Erwachsenen alljährlich zum Urlaub ins Land der Eidgenossen. Hier, wo Daniel Kehlmann als neugieriger kleiner Junge unvermittelt Zugang fand zu einem Buch, das ihn vielleicht schlecht schlafen ließ, ihm aber letztlich doch den Kompass seines literarischen Schaffens schenkte, der in »Kommt, Geister« als Prämisse deutlich aufscheint: Ästhetik und Ethik lassen sich nicht trennen.

Daniel Kehlmann: Kommt, Geister. Frankfurter Vorlesungen. Rowohlt. 176 S., geb., 19,95 €.

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