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»Zahnbürste« auf Rädern

Im Sommer fahren die ersten Elektrobusse ohne Oberleitung

Sie sind leise und umweltfreundlich: Die BVG lässt auf der Linie 204 zwischen Zoo und Südkreuz bald nur noch Elektrobusse fahren.

Rainer Bomba (CDU), Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, ist sich sicher: »In 20 Jahren werden in Berlin keine Busse mehr mit Dieselantrieb unterwegs sein.« Sondern nur noch solche mit Elektro- oder einem anderen alternativen Antriebssystem. Anlass zu diesem Optimismus sind die ersten vier Elektrobusse, die ab dem Sommer auf der Linie 204 zwischen den Bahnhöfen Zoo und Südkreuz fahren sollen und keine Oberleitung benötigen. An der Wendestelle in der Hertzallee entsteht derzeit die erste Ladestation, an der Endstation Südkreuz und im Betriebshof Indira-Gandhi-Straße folgen weitere.

Es werde die erste vollelektrische Buslinie Deutschlands sein, sagte BVG-Chefin Sigrid Nikutta am Mittwoch bei der Vorstellung des Projekts. Das wird vom Bund mit 4,1 Millionen Euro innerhalb seines »Schaufensters Elektromobilität« gefördert, Berlin gibt zwei Millionen Euro dazu. Denn die Busse als Spezialanfertigung haben ihren Preis: 750 000 Euro kostet jedes Fahrzeug, die vergleichbare Diesel-Variante ist für 250 000 zu haben. Dafür sind Wartungs- und Energiekosten der E-Busse geringer, die Lebensdauer höher. Würde eine größere Anzahl bestellt, würde auch der Anschaffungspreis sinken.

Aber erst wird - von der Technischen Universität wissenschaftlich begleitet - untersucht, ob das System funktioniert. Die vier Busse liefert der polnische Hersteller Solaris. Sie sind zwölf Meter lang und bieten 34 Sitz- und 40 Stehplätze. Dank der relativ leichten Batterie seien das ebenso viele wie in vergleichbaren Dieselbussen, sagt Jérémie Desjardins von Bombardier. Der Konzern hat die Ladetechnik entwickelt. Die funktioniert kontaktlos, ohne Stromabnehmer oder Kabel, »wie eine elektrische Zahnbürste«, so Desjardins. Die Ladeplatte wird in die Fahrbahn eingelassen, in der Regel an der Endhaltestelle. Sobald der Bus darüber parkt, senkt sich eine am Fahrzeugboden montierte Aufnahmespule ab, die den Strom über ein elektromagnetisches Feld empfängt und in die Batterie des Busses pumpt.

Der Ladevorgang soll höchstens sieben Minuten dauern, dann kann der Bus weiter fahren. Niemand muss befürchten, einen elektrischen Schlag zu bekommen, wenn er über die Ladestation spaziert. Der Strom fließt nur, wenn der Bus darüber steht. »Das Ganze ist völlig ungefährlich«, versichert Desjardins.

Die Teststrecke ist genau 6,1 Kilometer lang, 24 Minuten werden die Busse dafür benötigen. BVG-Buschef Martin Koller geht davon aus, dass die Busse auch bei Stau oder Demos nicht schlappmachen. »Die Batterieladung sollte selbst dann ausreichen, wenn wir eine Ladestation aus irgendwelchen Gründen mal nicht anfahren können.« Jetzt hofft Koller für den Test auf einen starken Winter. Bombardier verspricht, das die Technik bei jedem Wetter funktioniert.

Das Pilotprojekt soll ein Jahr dauern. Danach könnten die Busse auch auf der Linie 192 in Marzahn eingesetzt werden, die länger ist und näher am Betriebshof liegt. Der Bund wollte für diese Linie kein Fördergeld geben, weil sie ihm zu zentrumsfern war.

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