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Autonom feministisch mit Marx

Frigga Haug dokumentiert die Entstehung des Marxismus-Feminismus, die zugleich ihre eigene Geschichte ist

  • Von Regina Stötzel
  • Lesedauer: 5 Min.

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Irgendwo zwischen den Zeilen, zeitlich mitten in Frigga Haugs Buch, sieht man sich selbst in die Uni stolpern. Ein Streik für bessere Studienbedingungen war im Gange, aber diskutiert wurde vor allem über Sexismus, denn bei der Institutsbesetzung hatte es Übergriffe gegeben. Die Erkenntnis, dass diese beiden Themen nicht voneinander zu trennen waren, kam, aber ließ auf sich warten, obwohl andere kluge Frauen dies längst erfasst hatten. Die Autorin dieser Zeilen ist heilfroh, dass sie zu jener Zeit keine politischen Texte schrieb.

»Mit dem Anfang zu beginnen«, wie es Frigga Haug tut, ist mutig. Die Soziologin und Psychologin prüft ihre frühen Texte auf Mark und Bein, entdeckt Argumente bei sich selbst, die sie glaubte, nur von politischen Gegnerinnen zu kennen. Dennoch: »Gerade weil ich Marxistin war, bevor ich mich als Feministin denken konnte, musste ich die von mir gegen feministische Versuche von anderen verfassten Polemiken an den Anfang dieses Buches stellen.«

Frigga Haugs Anfang ist ein vernichtendes Urteil über den Feminismus in seinen damaligen Erscheinungsformen, »reduzieren sie sich doch ihrem Wesen nach allesamt auf die Auffassung des Geschlechterkampfs als Gesellschaft konstituierende Beziehung, sind sie in ihrer Wirkung demnach prinzipiell unpolitisch und in diesem Sinne antisozialistisch«. Kate Millett, Alice Schwarzer und Susan Sontag leiten für sie aus der berechtigten Empörung über die Situation von Frauen Handlungsaufforderungen ab, »deren Befolgung die Bewegung praktisch irrelevant machen würde«.

Als Marxistin ist Haug die »Identifizierung von Herrschaft und Ausbeutung mit dem männlichen Geschlecht« und die sich aufdrängende Parallele zwischen Frauen und Proletariat mehr als suspekt. Viele der Feministinnen warnen überdies ausdrücklich vor dem Sozialismus - während bei den männlichen Genossen die Frauenfrage stets zurückstehen muss. Es ist dieser Widerspruch, der sich für Frigga Haug als äußerst anregend erweist.

Wie auch die eigene Biografie: Haug beschreibt, wie ihr nach dem Ende einer Stelle als Assistentin am Psychologischen Institut der FU Berlin die Arbeitslosenunterstützung verweigert wird, da sie wegen ihres Kindes angeblich dem Arbeitsmarkt nicht vollständig zur Verfügung stehe und außerdem ihr Ehemann für sie sorgen könne. »Es lässt sich lernen, dass, wo sich aus marxistisch fundierter sozialwissenschaftlicher Forschung keine Notwendigkeit zu ergeben scheint, die Geschlechterfrage in ein Forschungsprojekt einzubeziehen, dies unweigerlich aus der Bewältigung des Alltags kommen wird, aus der Dialektik der Sache selbst.«

Erinnerungsarbeit wird ein zentrales Thema für Frigga Haug, ganz nach der Devise »Das Persönliche ist politisch«, ebenso die Arbeitsforschung. Immer nähert sie sich von zwei Richtungen dem Thema an, das noch nicht zu einem geworden ist. Gleichzeitig entfernt sie sich »immer weiter von einer Forschungsweise, die in einen üblichen Wissenschaftsbetrieb hätte aufgenommen werden können«. Obwohl - oder gerade weil - Frigga Haug zu einer »linken Symbolfigur« wird, für deren Einstellung Studierende in den Streik treten, ist ihr keine steile akademische Karriere vorherbestimmt.

Es ist die Radikalität ihrer politischen Forschung, die auch schockierende Ergebnisse und persönliche Verluste mit sich bringt. Verstörend wirkt die Erkenntnis, sich selbst »tief verwurzelt in eben den gesellschaftlichen Verhältnissen« zu finden. »Ich beschäftige mich mit der Frage, warum die Menschen (hier die Frauen) sich nicht wehren.« Haugs Erklärung ist die, dass Frauen nicht einfach von Männern unterdrückt werden, die man nur dazu überreden müsste, sich anständig zu verhalten, sondern dass sie als Täterinnen Teil des Ganzen sind. »Angewandt auf Frauen hieß das, dass also auch ihr gewöhnliches Sich-Opfern als ihre Aktivität verstanden werden muss.« Es ist Karl Marx’ Diktum »Selbstveränderung und Veränderung der Umstände fallen zusammen« aus der Dritten Feuerbachthese, das sie umtreibt und das von Mitstreiterinnen als Ketzerei aufgefasst wird. »So, wie es damals in der Studentenbewegung hieß, dass man als Verfassungsfeind erkannt wird, wenn man aus dem Grundgesetz vorliest, so konnte man in der kommunistischen Partei und ihrem Umkreis als Antikommunistin verstoßen werden, wenn man Marx zitierte.«

Gerade weil die Unterdrückung von Frauen älter ist als der Kapitalismus, untersucht Haug als sozialistische Feministin die Verbindungen, »welche die Profitinteressen mit den patriarchalischen Strukturen zur Befestigung und zum Ausbau ihrer Herrschaft eingegangen sind«. Denn sie selbst hat bereits wachsende Resignation darüber festgestellt, dass sich nicht viel ändert jenseits von alternativen Projekten und männerfreien Zonen.

Auf der einen Seite gibt es bereits die »neuen Feministinnen, die im Staat und an den Universitäten etwas geworden waren«, zwischen denen Haug sich fühlt »wie Aschenputtel im Souterrain«. Auf der anderen Seite treten mit der Wende ostdeutsche und osteuropäische Frauen auf den Plan, die mit Sozialismus nichts zu tun haben wollen. »Für die sozialistischen unter den Feministinnen war die Öffnung der Berliner Mauer als konkret erfahrbare Dimension der Selbstaufgabe der sozialistischen Länder eine zerreißende Erfahrung.« Zwischen Anekdoten, die die »kulturelle Fremdheit« zwischen Frauen aus Ost und West dokumentieren, wird der politische Einschnitt schmerzhaft spürbar, nicht nur weil für Haug nach 1989 »erst recht unmöglich war, als Marxistin auf einen Lehrstuhl zu kommen«.

Doch sie macht weiter, entwickelt maßgeblich die Grundzüge eines Marxismus-Feminismus. Ihr Buch ist dessen spannende Geschichte, einschließlich vieler Dokumente, die man sich nur in Inhaltsverzeichnis und Gesamttext besser gekennzeichnet wünschen würde. Haug entwirft ihre Vier-in-einem-Perspektive, ihr Projekt einer radikalen Demokratie. Ihre Erkenntnisse sind hilfreich bis zur aktuellen »Frage, warum sich die Menschen in der jetzigen Großen Krise nicht wehren, sondern zumeist diejenigen als Vertreter wählen, die diese Krise politisch eingebrockt haben«.

»Ist es am Ende notwendig, extra zu betonen, dass ich mir einen Feminismus ohne Kritik der kapitalistischen Produktionsweise ebenso wenig vorstellen kann wie einen Marxismus, der die Kritik der Geschlechterverhältnisse nicht einbegreift?« Nein. Das ist überzeugend erklärt.

Frigga Haug: Der im Gehen erkundete Weg. Marxismus-Feminismus. Argument Verlag, Hamburg 2015. 384 S., br., 24 €. Buchvorstellung am 22. März im Rahmen der Konferenz von Rosa-Luxemburg-Stiftung und InkriT »Die Kraft der Kritik: Wege des Marxismus-Feminismus« in Berlin (Franz-Mehring-Platz 1, 11 Uhr); Livestream zur Konferenz: livestream.rosalux.de

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