Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Scheeres will Personal in den Jugendämtern aufstocken

160 zusätzliche Stellen sollen die Behördenmitarbeiter entlasten

Die Fälle von akuter Kindeswohlgefährdung in Berlin nehmen zu. Auch, weil die Menschen aufmerksamer geworden sind. Jetzt will der Jugendsenat bei der Arbeitsbelastung in den Ämtern nachsteuern.

Die weißen Fahnen, sie waren die Spitze des Eisbergs. Vor mehr als einem Jahr hingen sie aus den Fenstern der Jugendämter. Es geht nicht mehr, so die klare Botschaft. Vorsitzende der Jugendhilfeausschüsse schrieben Brandbriefe an den Senat. Es folgten Schreiben der Jugendamtsleiter aus den Bezirken. Knapp ein Jahr hat die Senatsverwaltung nun mit den Bezirken und ihren Jugendstadträten beraten, was getan werden muss, um die Behördenmitarbeiter endlich zu entlasten. Am Freitag verkündete Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) nun, dass sie insgesamt 160 neue Stellen in den Bereichen des Regionalen Sozialpädagogischen Dienstes (RSD), der sich im Jugendamt mit dem Kinderschutz beschäftigt, und der Elterngeld- und Kitagutscheinstelle schaffen will.

Als »fast schon ein Stück historisch« bezeichnete Falko Liecke (CDU), Jugendstadtrat aus Neukölln die Einigung auf Fallobergrenzen. Mehr als 65 verschiedene Schicksale soll ein Mitarbeiter künftig nicht mehr bearbeiten. Normal sind momentan 80 Fälle, manche bearbeiten jedoch über 100. Kommen noch Beratungsleistungen hinzu, die mit der reinen Sachbearbeitung nichts zu tun haben und gerade verhindern sollen, dass Familien zu einem Aktenfall werden, dann sollten es sogar nur 43 Fälle pro Mitarbeiter sein. Die zusätzlichen Stellen würden Kosten von etwa acht Millionen Euro verursachen. Vorausgesetzt, die Jugendamtsmitarbeiter werden weiter in der Gehaltsstufe bezahlt wie bisher. Bekämen sie gleich viel wie Kollegen in anderen Bundesländern, wären es noch einmal 300 Euro pro Stelle mehr. Auch bei den Gehältern will die Senatsverwaltung nachbessern. Zulagen, wie sie in anderen Bundesländern gezahlt werden, stünden aber zunächst nicht zur Debatte, so Scheeres.

Weil, wie Jugendstadträtin Sabine Smentek für den Bezirk Mitte erklärt, fast ein Viertel ihrer Mitarbeiter das Jugendamt in den letzten Jahren verlassen hat, will der Senat verstärkt auf Weiterbildungen und zusätzliche Qualifizierung durch erfahrenen Kollegen setzen, um die Abbruchquote unter den jungen Sozialarbeiter zu senken.

»Die Absprachen, die wir mit der Senatsverwaltung getroffen haben, sind eine gute Ausgangsposition«, sagt Liecke. »Aber nicht das Ende der Fahnenstange.« Ähnlich sieht das auch die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, die seit Jahren, zusammen mit der Opposition, eine bessere Personalausstattung und Bezahlung in den Jugendämtern fordert. »Dass es endlich eine konkrete Anerkennung der Leistung von Jugendamtsmitarbeitern über die Fallbegrenzung gibt, begrüßen wir«, sagt der Berliner GEW-Sprecher Tom Erdmann. Die GEW kalkulierte bisher allerdings mit 28 Fällen als Belastungsgrenze für einen Jugendamtsmitarbeiter.

Die große Unbekannte in den Ankündigungen aus der Senatsjugendverwaltung bleiben jedoch die kommenden Haushaltsverhandlungen. Ob sich Senatorin Scheeres in Gänze mit ihren ambitionierten Forderungen bei Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) durchsetzen kann, wird sich zeigen. Ein positives Zeichen aber gibt es: Kollatz-Ahnen hatte den zwölf Bezirksbürgermeistern erst in der vergangenen Woche zugesagt, Geld für mehr Personal freizugeben. 360 zusätzliche Stellen in den Bezirksämtern könnten so entstehen.

Dass unbedingt Handlungsbedarf besteht, ist den Bezirksvertretern, die am Freitag zusammen mit Scheeres die Ergebnisse aus ihren Beratungen vorstellten, anzumerken. Jede Woche gebe es in ihrem Amt zwei Überlastungsanzeigen im RSD, erzählt Juliane Witt (LINKE) Jugendstadträtin in Marzahn-Hellersdorf. Insgesamt sind die Fälle, in denen es um die akute Gefährdung von Kindeswohl geht, in den letzten Jahren von 1603 Fällen im Jahr 2012 auf 1984 im Jahr 2013 gestiegen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln