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»Halt deine scheiß Fresse!«

Am Deutschen Theater Berlin erzählt Christopher Rüping mit »Romeo und Julia«, warum freie Menschen nicht lieben können

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 7 Min.

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Plötzlich flackert die Liebe auf. Es ist stockdunkel, nur zwei Feuerzeuge erhellen immer wieder für Sekundenbruchteile die Bühne, auf der sich die beiden Verliebten unter melancholisch dahinplätschernden Klängen fasziniert in die Augen schauen. Sie ziehen sich aus, bis sie nackt sind. Und doch berühren sie sich nicht. Zumindest nicht körperlich. Denn in der dezenten Intensität ihrer Blicke, in der zarten Verspieltheit ihrer Bewegungen und im verletzlichen Zauber dieses Augenblicks entfaltet sich eine romantische Kraft, der sich wirklich niemand entziehen kann. Es ist eine der am Theater leider kaum mehr existenten Szenen, die zu Tränen rühren. Wäre der Kontext, in dem sie steht, nicht so abgedreht und traurig zugleich, man müsste diesen kleinen Moment als heillosen Kitsch abtun.

Denn er ist Teil einer Inszenierung der größten Liebesgeschichte aller Zeiten in den Kammerspielen des Berliner Deutschen Theaters, die außer der erwähnten Sequenz keine Hingabe, null Zärtlichkeit und keinerlei Gefühlswallungen aufkommen lässt. Jungregisseur Christopher Rüping degradiert Shakespeares »Romeo und Julia« zum Theater der abgeschalteten Gefühle, in dem das romantische Liebesideal im real existierenden Kapitalismus erst grotesk illustriert, dann zynisch zertrümmert und schließlich sachlich beerdigt wird.

Als erster Eindruck ist da aber diese beängstigende Atmosphäre. Binnen weniger Minuten wird in einer Art Prolog die dramatische Story von im Hintergrund hinter Mikrofonständern stehenden Schauspielern nüchtern über die auf der Bühne sichtbare Holzsarglandschaft geleiert. Romeo und Julia lernen sich in der italienischen Stadt Verona kennen - und wissen sofort, dass sie füreinander in Liebe sterben würden. Heimlich lassen sie sich von Pater Lorenzo trauen. Das Problem: Sie gehören den schwer verfeindeten Familien Capulet (Julia) und Montague (Romeo) an. Weil Romeo mit Theobalt Capulet in Streit gerät und ihn im Kampf umbringt, wird er aus Verona verbannt. Julia, die gegen ihren Willen mit Graf Paris verheiratet werden soll, gelangt an einen Trank, der sie in einen todesähnlichen Schlaf versetzt, um die geplante Hochzeit verpennen zu können. Romeo erfährt davon, eilt zu seiner Herzensdame, hält sie für tot und vergiftet sich voller Verzweiflung. Als Julia erwacht und ihren leblosen Liebsten sieht, erdolcht sie sich.

Beide ahnen sie im Laufe der gerade mal vier Tage andauernden Handlung ständig, dass ihre Liebe grundsätzlich nicht anders enden kann als tödlich. Eben darum kann sich ihre Geschichte nur in der Kunst abspielen. Das weiß Rüping, weshalb er gar nicht erst versucht, dem Stoff irgendeine Aktualisierung einzuhauchen. Er weiß aber auch: »Romeo und Julia« mag keine realistische Geschichte sein, ästhetisch real fassbar ist sie allemal. Und so lässt er die Story in drei Kapiteln erzählen: Zuerst aus Sicht der Capulets, dann aus jener der Montagues und schließlich im Erleben Romeos und Julias. Was dank der Zusammenfassung nach Art handelsüblicher Lektürehilfen schon ersichtlich wird, stellt spätestens diese Struktur klar: Um die Handlung an sich geht es hier nicht. Wichtiger ist die durch diesen Zugriff mögliche Aufwertung der Nebenfiguren.

Gleich im ersten Teil gibt Natalia Belitski die im gülden schimmernden Korsett eingeschnürte Lady Capulet als manisch-depressive Schnepfe, die zur Wahrung des äußeren Scheins mit ihrem werten Gatten italienische Opernarien anstimmt, nur um danach fuchsteufelswild ihre Ehe zum berstenden Scherbenhaufen zu erklären. Derweil verortet Michael Goldberg den ollen Capulet großartig zwischen putziger Virilität und garstigem Gebietertum. Wie er seiner Frau permanent ein »Halt deine scheiß Fresse!« entgegenschmettert, obwohl er eigentlich damit beschäftigt ist, den wortlos auf dem Piano herumklimpernden Grafen Paris (Christoph Hart) auf Knien zu verehren, damit dieser seine Tochter ehelicht, ist in erster Linie platt komisch.

Wie viel mehr in dieser sonderbar karikaturgleichen Charakterzeichnung steckt, zeigt sich beim Auftritt Julias. Wiebke Mollenhauer hat hier ihre Paraderolle gefunden, denn ihr gelingt es fabelhaft, die weibliche Hauptfigur als junges Mädchen zu porträtieren, das seinen Freiheitswillen durchsetzen möchte und damit bei den Eltern konsequent auf taube Ohren stößt. Immerzu trällern sie »Amore« und begreifen doch nicht, wie sich vor ihren Augen die größte nur denkbare Liebesgeschichte abspielt. Sie wollen Julia buchstäblich Gefühle aufzwingen. Dem Töchterchen bleibt da nichts anderes übrig, als das Spiel mitzuspielen und ihr eigenes Ding hinter deren Rücken zu drehen.

Der Clou: Rüping zeigt nicht, wie Romeo und Julia das zu bewerkstelligen versuchen. Er lässt den Betrachter nur dem weitgehend nonverbal zur Schau gestellten Inneren der Protagonisten folgen. In seinem ersten Teil ermöglicht es der Abend dem Publikum noch, die Vergeblichkeit der Liebe historisch zu rahmen und gerade durch die mit vulgärer Gegenwartssprache gekoppelten Überzeichnung zu erkennen, wie wenig sich die Jetztzeit von dieser doch eigentlich so utopisch daherkommenden Sehnsucht nach der einen großen Liebe entfernt hat.

Wenn sich im nächsten Kapitel die Szenerie aus Sicht der Montagues neu entspinnt und die Überzeichnung mit der Splatter-Motivik teilweise in ein anderes Extrem wechselt, entpuppt sich diese Version der herzzerreißendsten Liebesgeschichte aller Zeiten aber schnell als brachiale Farce. Romeo (Benjamin Lillie) kommt als wüst verzogener Bengel mit »Ach Menno«-Trotz beim mit Schmollmundmiene erduldeten Trinken laktosefreier Milch daher. Dessen Freund Mercutio wird als burschikose Frau von Lisa Hrdina gespielt. Mit ihr und nicht mit Julia kaspert der Jüngling ein Spektakel vor, das dieses zuvor noch in Slapstick gepriesene Liebesideal effektvoll in die Tonne tritt.

Da schreitet Mercutio strammen Schrittes an den vorderen Bühnenrand und blökt vor dem gleichmütigen Romeo ins Parkett hinein, wie dämlich doch die Liebe sei. Und das soll man auch sehen. Flugs entblößt er/sie ein Schamhaar-Toupet, zieht dem schamhaft mit Eselskopf verkleideten Romeo die Hose runter, beschwört erfolglos dessen nackten Penis und kopuliert schließlich heftig mit ihm. Und Romeo lässt es gern geschehen, obwohl er doch erst tags zuvor bei Julia die Magie der Liebe auf den ersten Blick kennengelernt hat.

Feixend den Spiegel in der Hand hält bei all dem der Regisseur. Er zeigt: Konnten die Menschen zu Shakespeares Zeiten nicht lieben, weil die gesellschaftlichen Umstände es so wollten, können sie heute nicht lieben, weil sie zu wählerisch geworden sind. Immer muss der Geliebte, der Begehrte in gewisser Weise undurchschaubar, rätselhaft, undurchdringlich bleiben, sonst verliert sich blitzschnell das Interesse und einer der vielen vorhandenen alternativen Partner muss diese Lücke füllen inmitten der gebotenen Dauerregung. Die kann schließlich nur im Exzess münden, den Mercutio, Romeo und dessen Vetter Benvolio (Marcel Kohler) auf die Spitze treiben, indem sie Kunstblut aus Plastikflaschen trinken und es sich gegenseitig wild ins Gesicht spritzen.

Nein, subtil ist dieser Abend an keiner Stelle. Und das ist auch gut so. Wie sonst ließe sich ein wahrer Kern aus diesem romantischen Märchen herausschälen? Im letzten Abschnitt der knapp zweieinhalbstündigen Aufführung sehen wir denn auch Romeo und Julia, wie sie um ihre unendliche Liebe wissen und doch hadern, zaudern, zweifeln. Julias Balkon, auf dem sich eigentlich eine ergreifende Szene abspielt, ist hier nur eine industrielle Hebebühne. So wie wir alle uns im modernen Leben die große Romantik jenseits ökonomischer Verwertungszusammenhänge erträumen und trotzdem fast rund um die Uhr den Spielregeln der Wirtschaft gehorchen, die uns einimpft, dass wir uns im Alltag als ewig agile, stets erregte und immer interessante Marken profilieren müssen.

Es bleibt dabei: Liebe ist die einzig angenehme Tyrannei. Sie verlangt bedingungslose Unterwerfung aus tiefster Überzeugung. Sie bleibt aber utopisch in einer ökonomisierten Welt, die es uns »Halt deine scheiß Fresse!« schreiend unmöglich macht, eine solche Liebe in den Alltag überzuführen. Wenn am Ende alle nebeneinander aufgereiht mit kunstblutverschmierten Leibern in ihren Holzsärgen liegen, dann ist es also zuvorderst die romantische Liebe, die hier abermals zu Grabe getragen wird.

Nächste Vorstellungen: 2., 3., 9. April.

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