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»Der Feind auf deinem Kopf«

TV-Tipp: Ulrich Tukur als Bernhard Grzimek in der gleichnamigen Fernsehbiografie in der ARD

Herr Tukur, mit »Grizmek« spielen Sie mal wieder eine Figur, für die Sie sich optisch kaum verändern müssen, um Ähnlichkeit zu entwickeln.

Schmeichelhaft, aber unterschätzen Sie nicht die subversive Kraft der Maske. »Grzimek« war eine Perücken-Orgie! Und bei Kunsthaar, das fast nie hundertprozentig sitzt, kämpfst du immer gegen den Feind auf deinem Kopf. Persönlichkeit lebt vor allem durchs Wesen, hat man es begriffen, kann man auf viele Hilfsmittel verzichten.

Was unterscheidet Grzimek von all den extremen Figuren, die Sie zuletzt gespielt haben?

Das Spannende an Grzimek ist seine Widersprüchlichkeit. Bürgerlich, autoritär, wertkonservativ, zugleich leidenschaftlich, eitel, kämpferisch, mit fast kriminellem Hang zur Aktion. Noch als über Siebzigjähriger steigt er in eine Legebatterie, filmt die Tierquälerei und stellt sie ins Fernsehen. Er bricht mit seiner Frau, heiratet die Witwe seines tödlich verunglückten Sohnes und adoptiert seine Enkel. Das ist starker Tobak!

Gibt das dem Biopic eine moralische Stoßrichtung?

Moralisch, ich weiß nicht. Eher politischen Kontext. Grzimek spricht aus, was bis dahin so noch nicht gesagt wurde, macht Filme, sammelt Geld und reist immer wieder nach Afrika, um sich für die Serengeti und andere Projekte einzusetzen. Er war ein Kämpfer, als Mensch fehlbar, aber unbeirrbar in seinem Weg. An eine solche Persönlichkeit zu erinnern, könnte doch in diesen Zeiten der Anpassung und Gleichgültigkeit durchaus etwas bewirken.

Auch wenn der Film am Ende einsteigt, wo Grzimek sagt, sein Kampf sei hoffnungslos?

Auch dann. Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Ist das auch Ihre Maxime?

Ja. Ich weiß doch, dass am Ende meines nicht mehr so furchtbar lange währenden Lebens der Tod steht. Und danach wird nicht mehr viel sein. Trotzdem gehe ich auf die Bühne und singe vom Zauber einer Mondnacht oder spiele wie jetzt eine Komödie über einen melancholischen Versicherungsbeamten. Ich mache immer weiter, weil ich der Überzeugung bin, dass wir ein wunderbares Geschenk namens Leben bekommen haben und jeden Tag nutzen sollten, um es zu verzaubern. Wenn ein Mensch wie Grzimek einen Kampf kämpft, von dem er ja wissen muss, dass er nicht zu gewinnen ist, hat er meine größte Bewunderung.

Welche Erinnerungen haben Sie persönlich an Grzimek?

Wenige. Im Elternhaus gab es keinen Fernsehapparat. Ein paar Mal bin ich über den Zaun zu den Nachbarskindern gestiegen und habe mir »Ein Platz für Tiere« in fremden Wohnzimmern angesehen. Für mich war Grzimek ein betulicher Fernsehonkel mit bunter Krawatte und großer Brille, der immer ein interessantes Tier auf dem Schreibtisch hocken hatte.

Sie haben in den letzten drei Jahren den Nazi-General Rommel, den Päderasten Pistorius und nun den Naturfreund Grzimek gespielt. Wie geht man so verschiedene Typen an?

Im Theaterstück Leben stehen manchmal Protagonisten auf der Bühne, die viel übers Wesen unserer Spezies aussagen. Die drei erwähnten, haben eines gemeinsam - und das macht sie für mich interessant: Eine schillernde Oberfläche und darunter etwas Unwägbares, das es zu erforschen und zeigen gilt. Als Darsteller ist man dabei Verteidiger der Person, die man verkörpert. Man darf sie nicht beurteilen oder gar verurteilen, das soll der Zuschauer tun.

Sind Sie schon mal an einer Figur gescheitert, wo die Abscheu vor ihren Taten zu groß war, um den biografischen Ursprüngen auf die Spur kommen zu wollen?

Nein, bislang noch nicht. Es gab Figuren, die mir unsympathisch, sogar widerwärtig waren. Dazu gehörte sicher die des Herrn Pistorius von der Odenwaldschule. Aber selbst solche Menschen sind keine Monster, sie sind auf eine sehr unangenehme Art ein Teil von uns. Andere mochte ich sofort oder sie haben mich fasziniert. Unsere Geschichte kennt viele Figuren, die Beeindruckendes geleistet, aber auch Schreckliches getan haben. An den ein oder anderen sollte man vielleicht doch noch erinnern.

Im Sinne von würdigen?

Mehr noch - dem Vergessen entreißen. Vielleicht ist das mein Lebensthema: Die Erinnerung an Künstler und Persönlichkeiten wachzuhalten, die sonst im Wirbel der Moderne verschwinden würden. Wer vom Wind der Politik nicht umgeblasen werden will, muss sich in der Tiefe verorten und sehen wie andere Generationen mit den Anwerfungen ihrer Zeit umgegangen sind. Daraus kann man viel lernen und in unsere Zeit mitnehmen.

Empfinden Sie es als Privileg, dafür spielerisch werben zu dürfen?

Als Riesenprivileg! Und dann werde ich auch noch dafür bezahlt. Ich kann nur sagen: Danke!

ARD, 3.4., 20.15 Uhr

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