Armut ist ein Feind der Versöhnung

Die Bewältigung des Völkermords von 1994 in Ruanda ist ein Zukunftsprojekt. Von Stephanie Schiller

  • Von Stephanie Schiller
  • Lesedauer: 7 Min.

Françoise ist 40 Jahre alt. Seit 2008 verkauft sie im kongolesischen Goma Tomaten und Auberginen. Anfangs ging sie als selbstständige Händlerin mit einem Korb voller Gemüse über die Grenze vom ruandischen Gisenyi hinüber ins Nachbarland. Heute sind es oft mehr als sechs Körbe, die sie früh morgens in den Bus hievt. Eine knappe Stunde später, beim Ausladen in Goma, hat sie Helfer. »Die nennen mich jetzt Boss!«, sagt sie. Sie sitzt mit den anderen knapp 20 Geschäftsfrauen aus der Nachbarschaft, die hier am Kiwusee im Nordwesten von Ruanda grenzüberschreitend Handel treiben, auf der Wiese vor dem Gemeindehaus und schaut immer wieder auf das Mobiltelefon in ihrer Hand. Ihre Augen strahlen.

Christine ist 48 und eine von 20 Frauen, die im etwas außerhalb von Gisenyi gelegenen Dorf Gora eine landwirtschaftliche Kooperative gegründet haben. Sie bauen hauptsächlich irische Kartoffeln an, lagern diese in einer eigens dafür errichteten Halle und stellen so sicher, dass sie und ihre Kinder das ganze Jahr über regelmäßig zu essen haben. Darüber hinaus werden die Einnahmen aus Verkäufen zusammengelegt. Die Frauen geben sich untereinander Kredite. Sie können ihre Häuser reparieren und Schulgeld für ihre Kinder bezahlen. »Früher haben wir das Geld, das wir Frauen hatten, ausgegeben. Doch wir haben gelernt zu sparen und uns gegenseitig zu unterstützen«, sagt Christine. Ihr jüngstes Kind von Fünfen sitzt auf ihrem Schoß, hört der Mutter aufmerksam zu, auch wenn es die Bedeutung ihrer Worte noch nicht versteht: »Heute sind wir auch unabhängig von unseren Männern.« Versöhnung in Ruanda - 21 Jahre nach dem Genozid - ist auch eine Frage des Geldes. »Faranga« ist das kinyarwandische Wort für Geld. Und Kinyarwanda ist die Sprache, die in Ruanda alle Menschen verstehen.

Versöhnung hat in Ruanda, dem Land, in dem 1994 innerhalb von nur 100 Tagen geschätzt mehr als eine Million Tutsi und gemäßigte Hutu einem grausamen Völkermord zum Opfer fielen, viele Gesichter. Der Kampf gegen die Armut ist eines davon. Ein Kampf, dem sich Präsident Paul Kagame mit seiner Politik verschrieben hat. In 15 Jahren Regierungszeit hat er Ruanda einen wirtschaftlichen Boom beschert - mit Wachstumsraten von durchschnittlich sieben Prozent pro Jahr. Er hat das Schulsystem reformiert und Kampagnen zur Bekämpfung der Korruption gestartet. Seine Regierung fördert regenerative Energien und ein funktionierendes Gesundheitssystem. Die Armutsrate ist in den letzten Jahren auf unter 50 Prozent gesunken. Und sie soll weiter sinken.

Immaculate Gasengaire glaubt ebenfalls an Versöhnung durch Armutsbekämpfung. Sie arbeitet für die deutsche Hilfsorganisation Kindernothilfe in Ruanda und ist vom Erfolg des »Prinzips Selbsthilfegruppe« überzeugt, um ein friedliches Zusammenleben der Ruander zu unterstützen. Seit dem Genozid dürfen die ethnisch unterschiedenen Bevölkerungsgruppen Hutu, Tutsi und Twa nicht mehr unterteilt werden - sie sollen sich per Anordnung durch Präsident Kagame als gleich verstehen. Während der schrecklichsten 100 Tage, die ihr Land wohl je erschütterten, lebte die heute 44-Jährige in Uganda, wie etwa eine Million anderer Ruander auch. Seit der Unabhängigkeit ihrer Heimat im Jahr 1962 hatte es immer wieder Pogrome gegen Tutsi gegeben. Viele Familien flohen damals in das Nachbarland im Norden.

Regelmäßig besucht Immaculate von der ruandischen Hauptstadt Kigali aus die Kooperativen und koordiniert deren Arbeit. Sie kennt die Frauen, man spricht die Landessprache Kinyarwanda, lacht, tanzt, singt. Auch für sie selbst ist das jedes Mal aufs Neue ein »Training der Heilung«. Sie ist überzeugt: »Der größte Feind der Versöhnung ist Armut. Wenn es die nicht mehr gibt, wird so etwas wie der Völkermord von 1994 in unserem Land nicht mehr möglich sein.«

Die Frauen beider Kooperativen treffen sich regelmäßig in ihren Selbsthilfegruppen. Sie lernen, was sie über das Geschäftliche und das Bewirtschaften von Feldern wissen müssen, wie Mikrokredite funktionieren - und warum es so wichtig ist, keinen Unterschied mehr zu machen, wer 1994 welche Rolle spielte. Bei den Treffen wird nämlich vor allem miteinander geredet. Auch über das, was vor 21 Jahren passierte. Transparenz und Offenheit sind wichtig, überhaupt zu lernen, wie man Konflikte im Gespräch löst - und nicht mit Gewalt. »Ich glaube, der erste Schritt zur Versöhnung unter den Menschen in Ruanda sollte sein, dass wir uns die Wahrheit sagen«, sagt Immaculate. »Wer etwas Falsches getan hat, sollte dies offen aussprechen und um Vergebung bitten.« Die Täter sollten ehrlich bedauern, was geschehen ist. Und die Opfer sollten ihnen Vergebung gewähren. Das klingt einfacher, als es im Alltag ist. »Wir haben lange gebraucht, bis wir so offen miteinander sprechen konnten wie heute«, sagt Christine von der Selbsthilfegruppe in Gora. Sie erinnert sich noch gut, als 2006 hier in der Gegend die ersten Gacacas wieder eingerichtet wurden, also Dorfgerichte, vor denen es früher vor allem darum ging, Streitigkeiten zwischen Nachbarn zu schlichten. Auch der Genozid geschah unter Nachbarn, war aber weit entfernt davon, eine Streitigkeit zu sein. Der Unterschied zu heute ist für Christine, dass damals Täter und Opfer angehalten wurden, frei zu sprechen. 2006 sei dieser Impuls von außen gekommen. Die Frauen in Gora jedoch würden mittlerweile freiwillig miteinander reden. Ohne Unterschied, ob jemand aus einer Hutu- oder einer Tutsi-Familie stammt. Wichtig sei es, gemeinsam weiterzukommen. »In vielen Selbsthilfegruppen treffen alle drei ruandischen Bevölkerungsgruppen aufeinander«, sagt Immaculate. »Das heißt Täter und Opfer sind Teil derselben Gruppe. Aber sie beschäftigen sich nicht mit diesem Unterschied, sondern versuchen nur, den sozialen und ökonomischen Status jedes einzelnen Gruppenmitglieds zu verbessern. Das verbindet sie.«

Um sich mit der Vergangenheit zu versöhnen, helfen mitunter auch klare Regeln. Die Geschäftsfrauen von Gisenyi haben ihre eigenen aufgestellt - und halten sich daran. Erstens sollte niemand aus der Gruppe Quelle eines Konflikts sein. Wer etwas auf dem Herzen hat, spricht es vor allen aus. Zweitens darf, wer in der Gruppe bleiben möchte, in der Öffentlichkeit keinen Alkohol trinken. Wer dagegen verstößt, muss 1000 Ruanda-Francs in die Gemeinschaftskasse einzahlen. Das sind umgerechnet etwa 1,30 Euro. Wie sie auf diese Regel gekommen sind? »Nun, wer Alkohol trinkt und betrunken durch die Straßen geht, der tut, als sei er etwas Besseres«, sagt eine der Frauen aus der Gruppe. »Wir wollen keine Extravaganzen.« Die Sehnsucht nach Gleichheit sitzt tief.

Die dritte Regel ist vielleicht die wichtigste: »Jede von uns liebt die anderen Frauen«, sagt Françoise. »Dann wird nämlich niemand von uns irgendjemandem von uns etwas Schlechtes wünschen.« Ob diese dritte Regel direkt mit dem Genozid zu tun hat? Erst schweigen die Frauen, dann sagt eine von ihnen: »Wir haben uns schon vor dem Krieg geliebt, aber der Hass kam so plötzlich.« Wer die Frauen in Ruanda über Versöhnung reden hört, merkt schnell, dass diese für sie vor allem ein nach vorne gerichteter Vorgang ist: nie wieder solch ein Hass, nie wieder sollen Ruander untereinander so martialisch aufeinander losgehen.

»In unserem Land gibt es nirgendwo eine Gegend, in der nur Hutu oder Tutsi leben«, sagt Immaculate. »Und psychische Probleme haben Hutu genauso in sich wie Tutsi.« Vielleicht bietet es sich in diesem Land deshalb an, aus der Vergangenheitsbewältigung ein Zukunftsprojekt zu machen. Auch in Gora und Gisenyi. Schon früher hätte es Aktionen gegeben, wie die von überlebenden Frauen, die Täter in Gefängnissen besuchten. »Wenn sich der Genozid am 6. April zum 21. Mal jährt«, sagt Immaculate, »wollen die Frauen aus den Kooperativen diesmal etwas für die Überlebenden tun.« Alle wissen, wie schwer es für Überlebende ist, wenn Anfang April wieder landesweit die Gedenkwoche zum Genozid stattfindet. Dann wird es still im Land und in der Stille tauchen in vielen Menschen wieder unerträgliche Erinnerungen auf. Deshalb wollen die Frauen der Selbsthilfegruppen in diesen Tagen alle zusammen den Überlebenden in ihrem eigenen Dorf und in Gisenyi zur Seite stehen. Sie werden ihnen Geschenke bringen, Essen oder Nützliches wie Kleidung, Decken oder Töpfe. »Wenn ich von solchen Aktionen höre«, sagt Immaculate, »dann weiß ich, dass wir mit der Versöhnung auf dem richtigen Weg sind.« Versöhnung - auf Kinyarwanda heißt das Ubwiyunge.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung