Mutter-, Vaterland

Verein »Russenkinder« hilft Betroffenen, ihre Wurzeln zu akzeptieren - und zu finden. Von Gabriele Oertel

  • Von Gabriele Oertel
  • Lesedauer: 7 Min.

Zugegeben, Anatoly Rothe hat ein seltenes Gemüt. Lacht gerne und viel, meist ziemlich laut und lang andauernd, nur manchmal etwas verhaltener mit Ironie oder gar Sarkasmus. Dabei hätte es in den 68 Jahren seines Lebens manchen Grund gegeben, das Lachen vorübergehend einzustellen. Aber schon diesen Satz würde der gelernte EDV-Spezialist, der in DDR-Betrieben die Datenverarbeitung eingeführt hat und in den 60er und 70er Jahren immer wieder auf noch zahlreiche Vorbehalte gegen den technischen Fortschritt gestoßen ist, nicht unterschreiben. Zwar wurde auch in seiner Familie über die Tatsache, dass er ein »Russenkind« ist, lange Zeit geschwiegen. »Aber weil ich Anatoly Nicolai hieß, war die Sache von Anfang an für mich geklärt.«

Nein, einen Grund mit Mutter oder Großeltern zu hadern oder zu einer großartigen Vergebensgeste auszuholen, hat Rothe nie ausmachen können - auch wenn er Gewissheit erst nach dem »Verplappern« einer Tante hatte, als er mitten in der schönsten Pubertät war. Schließlich war da eine große Familie, ein »großartiger Großvater und eine Großmutter, die über alle ihre neun Kinder und die zahlreichen Enkel ihre nicht enden wollende Liebe ausschüttete«. Anatoly sagt, er habe in den Kindheitstagen in Dippoldiswalde nichts vermisst. Und als die Mutter einen Mann »vom Film« heiratete und den bei den Großeltern aufgewachsenen Sohn 1953 nach Berlin holte, habe ihn sein sächsischer Akzent weitaus mehr beschäftigt als sein »Russen-vater« aus Kasachstan.

Das kam erst später. Und hat den heute in Berlin-Niederschönhausen lebenden Mann nicht mehr losgelassen. Erst seit Ende November gibt es seinen Verein »Russenkinder«, der inzwischen Mitglieder auf drei Kontinenten hat. Eine Gemeinschaft von um die 70-Jährigen, die freilich nicht alle so gelassen über ihre Herkunft reden wie Anatoly Rothe, zum Teil eine traurige, wenn nicht traumatisierende Kindheit erlebten, aber dennoch nicht nur auf die gängigen Stereotype von den rohen Vergewaltigern der russischen Besatzungsmacht reduziert werden wollen. Die oft Jahrzehnte ihre »Entstehungsgeschichte« für sich behalten haben, weil sie die hinter vorgehaltener Hand verbreiteten Vorbehalte kannten. Die von den Müttern und Großeltern oft im Ungewissen und deshalb allein gelassen wurden - und von ihren Ländern auch.

Denn machen wir uns nichts vor, was in der alten Bundesrepublik ganz und gar geächtet wurde - ein Russe als Vater -, war in der DDR tabuisiert, weil in der »ewigen und unverbrüchlichen« deutsch-sowjetischen Freundschaft für derlei Schicksale offenbar kein Platz war. Doch das Leben nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war vielgestaltiger, als von Politik und Gesellschaft in mehr als vier Jahrzehnten nach dem Krieg hier wie da eingestanden wurde, und ganz und gar facettenreicher, als heute bisweilen im Rückblick publizistisch wahrgenommen wird.

Nehmen wir nur Anatolys Geschichte als »Russenkind«. Die beginnt, als der Großvater mit der vor den Nazis geretteten roten Fahne in der Hand der Roten Armee entgegengeht - ein Kommunist, der stets ein offenes Haus für die von vielen Landsleuten gehassten Rotarmisten hatte und an deren Besuchen einschließlich Lebensmittelhilfe wie der sich irgendwann anbahnenden Liebe zwischen einer seiner Töchter und einem sowjetischen Offizier partout nichts finden konnte. Oberleutnant Amentai Mustapajewitsch Nuralijew wurde wenig später - Anatoly war bereits unterwegs - denunziert und von seinem Vorgesetzten zur Abwendung drohender drakonischer Disziplinarmaßnahmen nach Hause zwecks Ehelichung einer Landsmännin geschickt. In Anatolys Erinnerungen liest sich das Dilemma so: »Der Oberleutnant war verzweifelt. Wenn ihm der Kommandant nicht hilft, ist er verloren. Er sprach mit dem Großvater darüber. Der antwortete ihm: Bleib ruhig! Mach keine Dummheiten, mach, was der Major gesagt hat. Alle hatten verstanden, es hatte genug Leid gegeben, als dass jetzt durch eine solche Geschichte noch eines hinzugefügt werden sollte.« Nuralijew tat, wie ihm von Vorgesetzten und väterlichem Freund geheißen, kam mit seiner kasachischen Frau noch einmal zurück nach Sachsen, besuchte mit ihr gemeinsam seinen neugeborenen Sohn und dessen Mutter im Krankenhaus - um wenig später zurück nach Hause versetzt zu werden.

Irgendwann in den 70er, 80er Jahren, als Anatoly längst erwachsen war, ist er zweimal in Berlin in die UdSSR-Botschaft gegangen, um sich nach seinem Vater zu erkundigen. Er wurde in hohem Bogen rausgeschmissen, was er heute als »erwartbar« einstuft. »Oder glauben Sie, der Honecker hätte dem Breshnew gesagt, wir müssen da mal reden«, fragt er feixend. Der Punkt, das Unternehmen Vatersuche ernsthaft zu starten, kam mit seinem 50. Geburtstag. Nicht nur, weil da DDR und Sowjetunion längst der Vergangenheit angehörten, sondern auch, weil das so ein Alter ist, in dem viele für sich abstecken, was ihnen das Leben noch so bringen soll.

Er jedenfalls wollte Gewissheit über seinen Vater, wollte ihn kennenlernen, fragen, umarmen. So schickte er Briefe nach Moskau und später in das ferne Kasachstan - und plötzlich bekam er eine Antwort aus Almaty, die zwar vom Tod des Gesuchten berichtet, aber dem Einzelkind Anatoly neun kasachische Schwestern beschert. Eine emsige Reisetätigkeit entwickelt sich ab 1999 hin und her, die sprichwörtliche Gastfreundschaft beeindruckt den neu hinzugekommenen Sohn ebenso wie die Selbstverständlichkeit, mit der er in den Kreis der kasachischen Familie aufgenommen wird. Immer wieder trifft er auf Menschen, die seine späte Suche nach den Wurzeln und ihr glückliches Ende zu Tränen rührt, die Anteil an dem Schicksal der nunmehr zehn Geschwister nehmen. Als aber der schon reifere Mann bei seinem Besuch eine Frau kennen- und lieben lernt, gibt es in seinem neuen »Vaterland« für ihn keine Arbeit und in seinem inzwischen anders gewordenen »Mutterland« für die kasachische Universitätslehrerin nur einen Job als Putzfrau - und also wie vor Jahrzehnten für Mutter und Vater keine Zukunft für die Liebe auch für ihn.

Anatoly hat sein Lachen unterbrochen. Er ist enttäuscht und fühlt sich von kasachischer wie bundesdeutscher Seite im Stich gelassen. Was ihn allerdings nicht davon abhält, weiter am Projekt »Russenkinder« zu arbeiten und andere zu ermutigen, auch jetzt noch die Suche nach Verwandten aufzunehmen und vor allem erhobenen Hauptes mit ihrer Geschichte umzugehen.

Natürlich weiß er, dass es nicht nur solche wie ihn gibt, die ohne Benachteiligung gelebt haben. Natürlich weiß er von dem Kummer manches Schicksalsgenossen, von teilweise schrecklichen Lebenswegen. Trotzdem hat er in einer seiner ersten Amtshandlungen als einer der Vereinssprecher ein Hohelied auf die tapferen Mütter angestimmt, die zumeist allein ihre Kinder aufziehen mussten. Auf manch andere Betroffene mag seine Argumentation von den Millionen Kindern, die in den letzten 50 Jahren ohne Väter aufgewachsen sind, fremd wirken - aber irgendwie entwaffnend ist sie. Der Mann hat zudem mitnichten ein Problem damit, die Leistungen der Väter als Befreier von den Nazis gerade im 70. Jubiläumsjahr öffentlich anzuerkennen, sie gar Helden zu nennen und akribisch aufzulisten, worin die Verdienste der Roten Armee bestehen.

Das bringt ihm, man ahnt es, freilich nicht nur Gegenliebe ein. Dass andere mit einem ähnlichen oder viel dramatischeren Schicksal Diskriminierungen erfuhren, ungeliebt waren, zu Verwandten abgeschoben, in Heime oder zur Adoption freigegeben wurden - er weiß es. Und die Einzelschicksale berühren ihn. Wie die Geschichte eines Mitstreiters aus dem tiefsten Westen, dessen Mutter sich in einen bei ihr einquartierten russischen Offizier verliebte, das aus dieser Liebe entstandene Kind aber auf Drängen des später aus dem Krieg zurückgekehrten Nazioffiziers in eine Psychiatrie gegeben hat, aus der er erst als Erwachsener entlassen wurde. Oder die tragische Konsequenz, mit der ein Russenkind bis heute mit der Mutter hadert, weil die vor 65 Jahren aus lauter Liebeskummer in die sowjetische Kommandantur gelaufen war - und der Vater deshalb in einem Gulag verschwand. Geschichten über Geschichten, für die sich heute kaum noch jemand interessiert, meint Anatoly.

Dennoch: Weil er gerade in jüngster Zeit erfahren hat, dass die »Russenkinder«, mit denen er es zu tun hat, ihre Schicksale nicht weiter verstecken wollen, lohnt sich für ihn die Arbeit des Vereins, der sich die Aufgabe gestellt hat, Betroffenen Optimismus und ein Beispiel zu geben, damit die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht von Hass zerfressen und - wenn auch sehr spät - so etwas wie »Normalität« im Leben möglich wird. Neulich waren sie im Kapitulationsmuseum in Berlin-Karlshorst, für die nicht aus Berlin stammenden Vereinsmitglieder ist der Treptower Park immer wieder eine Überraschung. »Wir haben nichts zu verlieren, nur zu gewinnen«, hat Anatoly die Losung ausgegeben. Und die Hilfe bei der Suche der Vorfahren oder der Familie gemeint. Vielleicht beginnen sich jetzt noch mehr zu trauen ...

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