»Sonst bleibt nur der Zynismus«

Das Kloster Ettal bemüht sich, den Missbrauchsskandal aufzuarbeiten. Von Rudolf Stumberger

  • Von Rudolf Stumberger
  • Lesedauer: 5 Min.

München, diesen März. Das Landgericht II verurteilt einen Pater des oberbayerischen Klosters Ettal wegen sexuellen Missbrauchs von Schülern zu einer Strafe von einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung. Zudem muss sich der 45 Jahre alte Benediktinermönch einer ambulanten Sexualtherapie unterziehen. Zu den Vorfällen war es in den Jahren 2001 bis 2005 gekommen. Laut Anklage ging es um mindestens 20 Fälle, der Angeklagte hatte vor Gericht sexuelle Übergriffe auf zwei Jungen und den versuchten Missbrauch eines weiteren Schülers eingeräumt. Dafür war dem ehemaligen Internatslehrer eine Bewährungsstrafe zugesichert worden.

Kloster Ettal, im April 2010. In einer schriftlichen Erklärung bat der ehemalige Abt des Klosters um Vergebung. Alt-Abt Edelbert Hörhammer hatte das Benediktinerkloster im oberbayerischen Ettal von 1973 bis 2005 geleitet. In dem Kloster war es laut dem Bericht eines externen Sonderermittlers über Jahrzehnte hinweg zur körperlichen Misshandlung von Kindern gekommen, zum Teil auch zum sexuellen Missbrauch. Schüler hatten von Schlägen mit einem Bambusstock und anderen schmerzhaften Bestrafungen berichtet. Daran beteiligt war auch der Alt-Abt. Seine Züchtigungen hätten unter anderem darin bestanden, »dass er die Köpfe der Schüler in Fällen von Unaufmerksamkeiten von hinten und mit großer Kraft wiederholt auf das Pult und auch auf die Tischkanten geschlagen hat«, so der Bericht.

Die Erzieher hätten ihre Fürsorgepflicht auch bei Übergriffen unter Schülern grob vernachlässigt, war das Fazit einer wissenschaftlichen Studie, die 2013 im Auftrag des Klosters veröffentlicht wurde. »Es fehlte eine reflektierte und professionelle Internatspädagogik, und es herrschte ein Normalitätsverständnis von Erziehung, das Körperstrafen als legitimes pädagogisches Mittel verstand«, so die Untersuchung. Die Pädagogik habe dazu gedient, »ein System der Unterdrückung aufzubauen und zu bewahren, mit dem der Wille der Schüler gebrochen werden und deren Anpassung an die vorgegebenen Regeln erreicht werden sollte«. Sexuelle Übergriffe seien »eine spezifische Variante der Gewalt« gewesen.

Den sexuellen Missbrauch im Klosterinternat führten die Autoren auch auf das Fehlen einer reflektierten Einstellung der Patres zu deren eigener Sexualität zurück, die der »angstbestimmten Selbstkontrolle« der Mönche überlassen worden sei. »Dort, wo diese Kontrollen nicht funktionierten, bot das Internat genügend Möglichkeiten, sich an Schülern zu vergehen.« 2011 entschädigte das Kloster 70 Opfer von sexuellem Missbrauch und körperlicher Misshandlung mit insgesamt 700 000 Euro. Der Mindestbetrag lag bei 5000 Euro, in Einzelfällen seien es bis zu 20 000 Euro gewesen.

München, Öttingenstraße 26. Die Adresse ist Sitz des Vereins »Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer e.V.«: »Wir sind ein Zusammenschluss von Alt-Ettalern, die in Ettal waren und sowohl die guten als auch Schattenseiten des Internates und der Schule kennengelernt haben. Dies betrifft sowohl sexuellen Missbrauch als auch physische und psychische Gewalt.«

Vereinsvorsitzender ist Robert Köhler. Nach jahrelangem Kampf mit dem Kloster um die Anerkennung der Missbrauchsfälle hat der 51-Jährige vor kurzem Bilanz gezogen: »Bei uns ist der ganze Prozess sehr gut verlaufen. Wir haben keine offenen Punkte mehr. Ich wüsste nicht, was das Kloster noch weiter tun könnte.«

Und wie ist es mit der Vergebung, um die der Alt-Abt bat? »Vergebung«, sagt Köhler, »da bin ich sehr, sehr vorsichtig.« Nein, mit dem Kloster als Organisation sei man im Reinen. Wichtig seien die Anerkennung der Missbrauchsfälle und die Entschädigung gewesen, als konkretes Zeichen. Auch die wissenschaftliche Studie habe geholfen. »Nicht wir mussten mehr erklären, was los war«, erklärt Köhler. Aber Vergebung im persönlichen Bereich? »Vergebung geht nur, wenn es dem Täter leid tut, wenn er seine Schuld anerkennt.« Und wenn das nicht der Fall ist? »Dann bleibt nur die Distanz.«

München, Kaulbachstraße 31. Der Jesuit Prof. Michael Bordt ist Vorstand des Instituts für Philosophie an der Philosophischen Hochschule. Er sagt: »Der Heilungsprozess wird erleichtert, wenn man spürt, dass um Vergebung gebeten wird.« Bei der Heilung geht es um die seelischen wie körperlichen Schmerzen und Wunden, die einem durch andere Menschen zugefügt wurden. Der Philosophieprofessor sieht die Vergebung als eine der grundlegenden Bedingungen für das Zusammenleben, für die Gesellschaft: »Wir Menschen stehen vor der Wahl, zu hassen oder zu vergeben.« Dem Menschen sei eine tief verankerte Sehnsucht zu eigen, sich zu bejahen, seine eigene Identität zu bejahen. Und alles was wir ablehnen, was wir hassen, sei ein Hindernis für diese Bejahung. »Für meine seelische Gesundheit ist die Vergebung wichtig«, sagt Bordt, »Vergebung ist der Versuch, sich auf den Weg der Bejahung, der Versöhnung zu begeben.«

Kloster Dietfurt im Altmühltal. Es ist bekannt für seine Verbindung zur Zen-Meditation. »Die Zen-Stille ist der Versöhnungsweg, um mit seinen Wunden zurechtzukommen«, sagt Pater Samuel Heimler. Vergeben, dabei geht es auch um den inneren Weg der Versöhnung. Etwa mit dem eigenen Leben und was daraus im Vergleich zu den Jugendträumen geworden ist. »Vergeben und Versöhnen«, sagt der 51-Jährige, »das ist, wenn man sich aufrappelt, um das eigene Leben anzunehmen.« Und dabei seien Trauer und Vergebung sehr nahe beieinander. Und ebenso wie Robert Köhler findet er es wichtig, dass Täter ihre Taten bereuen. »Die Bitte um Vergebung ist ein Schuldeingeständnis. Erst dann kann der Geschädigte loslassen.« Der Pater sagt aber auch: »Die Versöhnung hat ihren Preis.« Den des erlittenen Leids. Auch er sieht in der Vergebung ein Grundprinzip von Gesellschaft: »Ich selber brauche immer wieder Vergebung und muss vergeben. Die Menschen ringen in ihrem Alltag um dieses Prinzip, ohne dass es groß thematisiert wird. Ansonsten bleibt nur der Zynismus.«

München, Öttingenstraße 26. Für Robert Köhler ist die emotionale Verbindung zwischen Opfer und Täter fast unauflösbar: »Nichts verbindet Menschen mehr als Hass oder Liebe.« Und die Opfer-Täter-Beziehung sei eine Mixtur aus tiefen Hass und enttäuschter Liebe. Seine Erkenntnis: »Wichtig ist, dass man nicht dem Hass verbunden bleibt.« Man müsse vielmehr den Weg nach vorne suchen.

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