Schuld und Schulden

Tom Strohschneider über die Debatte um die Rückzahlung einer durch die Nazis abgepressten Zwangsanleihe an Griechenland

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 3 Min.

Je höher die Wellen einer Debatte schlagen, umso mehr politisches Sediment wird vom trüben Grund, auf dem die allgemeinen Auffassungen ruhen, aufgewirbelt. Die Forderung Griechenlands nach Rückzahlung eines von den Nazis abgepressten Zwangskredits ist dafür ein Beispiel.

Während sogar die NS-Besatzer bis kurz vor Kriegsende die Tatsache der damit einhergehenden »Reichsverschuldung« nicht abstritten, wehrt die Bundesregierung bis heute sogar das Athener Begehr ab, darüber wenigstens zu reden. Davon fühlen sich dann auch jene bestätigt, die schon länger gegen einen angeblichen deutschen »Schuldkomplex« polemisieren - wie etwa in Kommentaren zu einer Bundestagspetition, die sich für die Entschädigung Griechenlands einsetzt.

Was man da an Reaktionen lesen konnte, ist auf klassische Weise reaktionär: Da tobt jener gekränkte Nationalismus, der sich nicht an die Verbrechen der Nazis erinnern lassen möchte. Vergangenheit wird mindestens als »erledigt« betrachtet, eher geht die Abwehr von Schuld noch darüber hinaus: Sie wird geleugnet.

In den Kommentaren zur Petition zeigt sich aber noch etwas anderes: Der Frage der Schuld wird der Fakt von Schulden gegenübergestellt - also jene Verbindlichkeiten Athens, die im Zuge der Krisenpolitik aufgelaufen sind. Man könnte das für eine neoliberale Variante halten: Nicht die Verbrechen der Nazis werden in Abrede gestellt, ebenso wenig wird die bis heute bestehende deutsche Verantwortung dafür geleugnet - nur heißt es jetzt: Wir haben doch schon genug bezahlt. »Der Staat Deutschland hat dem griechischen Staat gegenüber, alleine aus der Nettobetrachtung der EU-Transfers, schon jede Menge Geld gegeben«, lautet die Argumentation.

Auf diesen Gedanken trifft man in vielfältiger Form; mal sind es die in die EU eingebrachten »deutschen Gelder«, mal die direkten Kredite an Griechenland im Zuge der Eurokrise. Die eigene Schuld wird mit den seither von »den anderen« gemachten Schulden verrechnet. Der Gedanke hallt noch dort nach, wo die Berliner Politik zur Ermahnung den Zeigefinger gen Athen erhebt und ruft: Man darf die Forderung nach Entschädigung nicht mit der Debatte um das Kreditprogramm vermengen.

Hat die griechische Regierung das wirklich getan? Zuletzt hat Premier Alexis Tsipras hervorgehoben, dass es zuvörderst um eine Frage der Moral geht - also um die Anerkennung von deutscher Schuld, und nicht so sehr um die konkreten Schulden etwa aus dem 1942 abgepressten Zwangskredit. Man kann es so sagen: Der griechischen Regierung geht es um die Möglichkeit, über Vergebung nachzudenken - nicht um einen Preis, den Deutschland dafür zu zahlen hat.

Dazu müsste Berlin sich bewegen. Erst eine solche Bereitschaft der Bundesregierung, so hat es der Historiker Hagen Fleischer formuliert, könnte »dem absurden Zustand ein Ende« setzen, »dass die konkrete ›deutsche (Teil-)Schuld‹, die sogar von den Nazis anerkannt, berechnet und bedient wurde, von allen demokratischen Regierungen bestritten wird«.

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