Der angenehme Schmerz des übersteifen Teils

In der Literatur geht es oft untenrum zur Sache. Rainer Moritz hat einschlägige Stellen gesucht und gesammelt

Die Muskulatur schwoll. Sein Geschlechtsteil wollte auf sich aufmerksam machen. Außer ihm sollte nichts mehr spürbar sein. Der angenehme Schmerz des übersteifen Teils. Endlich wieder einmal. Ihm war nach Fortpflanzung.« Brechen wir hier erst einmal ab, denn das Wie des Fortgangs der Szene dürfte dem Leser kein allzu großes Rätsel aufgeben. Anzunehmen ist, dass der Dichter dieser Zeilen, der große und bis heute unterschätzte Humorist Martin Walser, Abhilfe schaffen wird, was das übersteife Teil angeht, dem nach Fortpflanzung ist. Verraten sei hier zumindest so viel: Später findet es seinen Weg in das »Dunkel« einer »Scheidenschlucht«, die »überschwemmt« und »geschlämmt« wird. Wir sehen: Martin Walser interessiert sich für Geomorphologie, Gartenbau und Gewässerreinigung genauso sehr wie für Fragen der literarischen Technik.

Der Leiter des Literaturhauses Hamburg, Rainer Moritz, legt hier ein hübsches Buch vor, in dem Passagen wie die oben wiedergegebene zuhauf zu finden sind. Heute wird ja dem Leser, anders als zu Flauberts und Fontanes Zeiten, nichts mehr erspart. In Zeiten, in denen Charlotte Roche in ausverkauften Hallen vor grölendem Publikum aus der wissenschaftlichen Studie »Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern« liest, wird in Erzählliteratur jede Körperregion gnadenlos ausgeleuchtet.

Vor dem Leser breitet Moritz genüsslich zahlreiche von ihm selbst gesammelte erotisch gemeinte Stellen aus erzählenden Prosawerken aus (wobei dem 20. Jahrhundert entstammende Werke überwiegen) und kommentiert sie ausgiebig - mal mehr, mal weniger geistreich, hie und da auch mal mit ein wenig angestaubtem Herrenrundenhumor dort, wo literaturwissenschaftlicher Sachverstand notwendiger gewesen wäre. Immer aber, das merkt man, schreibt Moritz, aufgewachsen in der ebenso stockkonservativen wie trostlosen südostfränkisch-schwäbischen Provinzstadt Heilbronn, als Literaturliebhaber und als Freigeist, der erkennbar Vergnügen daran hat, wenn er etwa erzählt, dass noch in den 1960er Jahren die »imposanten Onanierfertigkeiten« des Helden einer Novelle von Günter Grass Gegenstand ernsthafter juristischer Auseinandersetzungen waren und es seinerzeit »geschulte Verteidiger« brauchte, um dem beherzten Wichsen einer literarischen Figur »Kunstcharakter« nachzuweisen.

»Good sex is impossible to write about«, sagte schon der englische Schriftsteller Martin Amis. Kurt Tucholsky sprach von der »Unfähigkeit« insbesondere »der Deutschen«, Erotisches »nicht klebrig wiederzugeben«.

Tatsächlich ist es immer wieder der groteske, der scheiternde Sex, der von gesellschaftlicher Entfremdung durchdrungene, für den in der Literatur die passenden Worte gefunden werden, nicht die erfüllte Sexualität. Elfriede Jelinek oder Gisela Elsner, beide Großmeisterinnen im Schildern trostloser Geschlechtsakte, haben das vielfach in ihren Romanen bewiesen. Umso bedauerlicher ist, auch in Anbetracht des boulevardesken Buchtitels (»Wer hat den schlechtesten Sex?«), dass die eine (Elsner) gar nicht vorkommt und die andere (Jelinek) mit wenigen Zeilen abgefertigt wird. Jelineks Poetik, schreibt Moritz ebenso apodiktisch wie ahnungsfrei, habe »am Sexuellen im engeren Sinn leider kein Interesse«. Man muss davon ausgehen, dass der Mann kaum etwas von der österreichischen Schriftstellerin gelesen hat. Wenn beispielsweise in Jelineks Roman »Die Klavierspielerin« ein junger Mann »in Erikas Innereien herumwühlt, als wollte er sie ausnehmen, um sie auf neue Art zuzubereiten«, oder »wahllos an Erika herumbeißt« oder ein anderer in ihr »werkt wie im Akkord«, handelt es sich dabei nicht nur um Sexuelles im engeren Sinne, sondern auch um den literarischen Versuch, die Warenförmigkeit der Figuren bloßzulegen, »zwei Stück Fleisch (…) mit der rosigen Schnittfläche dem Publikum zugewandt« (Jelinek).

Die literarische Darstellung des Beischlafs hat schon die Kunstfertigkeit vieler auf eine harte Probe gestellt. Und nach allem, was man weiß, gelingt sie äußerst selten.

Schriftstellerinnen und Schriftsteller mühen sich beim Versuch, vom Sexualakt zu erzählen, häufig, ihn vom vermeintlich Profanen zu reinigen, ihn gewissermaßen zu veredeln, einen »Nebel von Bedeutsamkeit über den Geschlechtsakt zu legen« (Moritz), und stolpern so auf direktem Weg in den Kitsch. So sehr sie sich mühen, das Geschlechtliche als besonderes, individuelles, erschütterndes Erleben zu markieren, desto grotesker und lächerlicher geraten oft die Ergebnisse. »Sie platzte wie eine reife Kiwi aus der Schale« (Else Buschheuer), »Er kam wie ein trinkendes Pferd« (James Salter).

Sei es nun, dass in dem von der Kritik mit Lob überhäuften Roman »Kruso« von Lutz Seiler das mit Oralverkehr nicht selten einhergehende »leise Schmatzen« geschildert wird, sei es, dass in Romanen von Peter Härtling ein Geschwurbel anklingt, als handle es sich um die »Gebrauchsanweisungen eines esoterisch angehauchten Erotikratgebers« (Moritz): Viele Autorinnen und Autoren tun sich schwer, sind traditionell mit der Beschreibung sexueller Handlungen überfordert, greifen zu albernen Bildern, ebenso hoch- wie hohltönenden Metaphern oder unfreiwillig komischen Vergleichen. Rainer Moritz zufolge ist auffällig, dass Schriftsteller häufig »Fragen der Technik nicht zu lösen verstehen, sobald es um die Beschreibung sexueller Praktiken geht«.

Ein ganz anderer Fall dagegen sind die grüblerisch veranlagten Antihelden Wilhelm Genazinos, deren eher unbeholfene Bemühungen beim Sex vom Autor bewusst auf komisch-groteske Weise wiedergegeben werden.

Oder Autorinnen und Autoren verfassen gleich mit Vorsatz eine Art rüde, extrem holzschnittartige, zackig nach vorne polternde Hau-drauf-und-Schluss-Pornographie, die die Herkunft ihrer jämmerlichen Bilder des Hämmerns und Bohrens aus der Arbeitswelt nicht verhehlt und im Vergleich zu der noch eine dreinschlagende Axt als Geste der Zartheit durchginge: Er »treibt ihr seinen Schwengel hinein« in die »schleimende Fotze«, so lesen wir etwa bei einem vor allem in den siebziger Jahren populären Autor. Manchmal »rammt« der Protagonist auch »sein Faunshorn in die vor Erregung schnappende Möse«. Oder er »rutscht in ihrem geilen Schleim herum. Die Augen auf die schnappende Fotze gerichtet« bzw. auf die »saugende schmatzende Scheide Kim-Anastasias«. Es scheint hier um die Beherrschung und Zähmung bedrohlicher unkontrollierbarer Naturgewalten zu gehen, amorphen obendrein, denen nur mittels des beherzten Hineinrammens schwerer Gerätschaften beizukommen ist. Wohlgemerkt, es handelt sich bei den soeben zitierten Stellen, die eher an eine Großschlachterei gemahnen als an Sex, um Auszüge aus dem Werk eines bekannten gesellschaftskritischen Schriftstellers namens Gerhard Zwerenz (»Mir hingen die Eier dran wie zwei dicke Romane«), der in Moritz’ verdienstvollem Buch leider gar nicht vorkommt, obwohl gerade eine Sichtung seines Werks gewiss zahlreiche »Stellen« zutage gefördert hätte. Die Linkspartei, als sie noch PDS hieß, schnappte einst vor Erregung und vor Stolz, als sie den demnächst 90 Jahre alt werdenden Zwerenz zwischen 1994 und 1998 als Abgeordneten in den Bundestag schicken durfte.

Mittlerweile geradezu legendär und in eine ganz und gar andere Richtung als die Zwerenzsche weisend sind die Versuche des besonders unter deutschen Intellektuellendarstellern beliebten Uckermärkischen Tiefdenkers Botho Strauß, des Problems der Schilderung von Beischlafhandlungen Herr zu werden: »Er lehnte sich steif über meine Knie, umgab mich mit seiner Frosthaut und mitten im dichten Schwalm, unter erregtem Husten, öffnete mich sein rauher Zapfen. Kaum war sein Blut wieder ein wenig erwärmt, wuchs diese Mitte zu ihrer machtvollen Größe auf.« Statt auf Schwengel, die in Schnappendes gerammt werden, trifft man hier nun auf rauhe Zapfen, die mitten im dichten Schwalm umherstochern und Einlass begehren. Oder, nochmal Strauß: »Sie hob ihre dünne Wäsche und glitt auf meinen federnden Schaft. Dann (...) bestürmte mich ihre herrliche Fülle mit solcher Kraft und Eile, dass ich um den Erhalt des großen Bleibenden zu fürchten hatte.« Nun, der große Bleibende, davon ist auszugehen, wird früher oder später klein geworden sein und wohl auch das Bleiben aufgegeben haben. Doch genug davon. Auch die hier aus Strauß’ Werk zitierten Passagen kommen übrigens in Moritz’ Buch leider nicht vor. Man sieht: es gibt mehr als genug Material für einen zweiten Band.

In London wird übrigens seit über 20 Jahren ein Preis verliehen für die »schlechteste Sexszene«, die in der im jeweiligen Jahr erschienenen Erzählliteratur zu finden ist, der »Bad Sex in Fiction Award«, den auch Autoren wie Norman Mailer oder Tom Wolfe bereits erhalten haben. Vielleicht wäre es an der Zeit, dergleichen hierzulande einzuführen.

Rainer Moritz: »Wer hat den schlechtesten Sex?« Eine literarische Stellensuche. Deutsche Verlagsanstalt (DVA), 239 S., 17,99 €

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