Ein Wölkchen am Montblanc

Martin Leidenfrost über Engländer, die am Genfer See die Gentrifizierung vorantreiben

  • Von Martin Leidenfrost
  • Lesedauer: 4 Min.

An einem sonnigen Freitag gegen Feierabend interessiere ich mich ausnahmsweise für arme Schweizer. Man empfindet ja nicht so leicht Mitleid für Zeitgenossen, denen in jedem beliebigen Nachbarland vor Kauflust die Augen übergehen, so billig sind wir für sie. Zu Hause haben die Schweizer jedoch Schweizer Preise. Eine Fernsehreportage brachte mich auf Migrationsströme neuer Art: Seit sich am Genfer See immer mehr Zentralen multinationaler Konzerne ansiedeln, suchen deren hoch bezahlte Mitarbeiter angemessenen Wohnraum. Dabei ziehen sie inzwischen auch in abgelegene Dörfer am Südhang des Berglands Jura hinauf. Einheimische können diese Mieten nicht mehr bezahlen und müssen fort. Manche fliehen sogar ins Ausland, in Grenzgemeinden nach Frankreich. Ich sah in der Reportage Bauern aus dem Juradorf Bassins: »Wir sind bei uns nicht mehr zu Hause.« Der Bürgermeister sagte: »Man hat das soziale Gewebe zerstört.« Und eine Floristin, welche für die Schweiz kümmerliche 3000 Franken verdient: »Ich fühle mich verjagt.« Das haben sie von ihrer Aussicht auf den 400 Meter tiefer liegenden Genfer See und auf den verdammten Montblanc.

Ich fahre in den Jura hinauf. Bassins, Kanton Waadt, 1300 Einwohner. Äcker, Vieh, Milch, Forste. Graubraune Steinhäuser mit Fensterläden, einige Wirtschaftshallen, eine schlichte reformierte Kirche. Vor dem Rathaus läuft auf einer Digitaltafel das Gemeindeblatt. Trotz des Zuzugs ist das Gasthaus, das seit 1703 bestehende »Hotel de la Couronne«, geschlossen.

In der Bäckerei verkauft man mir ein Kaffeepad für die Espressomaschine. Die junge Chefin mit Kinderwagen, hinter dem Pult ihre Schwiegermutter. Als ich mit der Formulierung des Schweizer Fernsehens nach den »neuen Kolonisten« frage, verstehen sie mich nicht. Dann aber: »Ah, die Engländer!« Ja, einige Freunde seien schon weggezogen. Die Gemeinden Richtung Genf seien »noch anglisierter«. Mancher Vermieter zeige Verständnis: »Ein Bekannter wohnt in einem Doppelhaus neben einem englischen Bankier. Der Schweizer zahlt 2500 Franken, der Engländer für dieselbe Fläche 8000. Meistens passen sich die Vermieter aber dem Markt an.« Die Engländer kämen vereinzelt in die Bäckerei, am Wochenende. »Die meisten bemühen sich, Französisch zu sprechen. Natürlich nicht perfekt.«

Ich durchstreife die neuen Siedlungen über dem Dorf. Die gewaltigen SUVs aus der TV-Reportage schrumpfen auf zwei, drei mittelschwere Modelle. Sonst Kleinwagen, Kompaktausführungen von Premiummarken, zwei Wohnwagen mit Fahrrädern drauf. Einige Einfamilienhäuser tragen Namen, »Dream«, »Le Green«. Vorwiegend angelsächsische Familiennamen, aber auch russische und deutsche. Keine Nationalsymbole, nur der freistehende Briefkasten von Misses McCauley zeigt das Schweizerkreuz. Einer hat ein lustiges Schild im Rasen stecken: »Forget the dog! Beware of the kids!« Die Villen liegen meist an Privatstraßen, die in Sackgassen münden. Auf einer der glatten Rasenflächen sehe ich einen schwarzen Rasenmäher-Roboter im Knight-Rider-Design fahren. Der Rasen ist schon perfekt gemäht, der Rasenmäher führt aber weiter erratische Drehungen aus, beinahe lautlos. Die Häuser selbst sind nichts Besonderes. Groß ist nur die Aussicht: Da ist man ohnehin ein große Nummer in einem Headquarter, und dann liegt einem auch noch der feine Geldsee zu Füßen, dahinter auf Augenhöhe der höchste Berg Europas.

Bassins hat kein Café mehr, dafür ein neues Hallenbad. Die Kassa ist automatisch wie im Parkhaus, auf Höhe der Wasserfläche beginnt eine Glasfront. Drinnen höre ich nur Französisch. Ich gehe schwimmen. Das Becken ist hinten 2,30 Meter tief, an der Panoramafront aber nur 80 Zentimeter. Das zwingt mich, bei jeder Kehrtwende vor dem Montblanc zu knien. Er strahlt in einem unbefleckten Weiß.

Anschließend plaudere ich mit dem würdevollen Monsieur, der den Badewart macht. »Sehen Sie die Wolke am Gipfel des Montblanc?«, fragt er mich. Das Wölkchen, hellgrau und harmlos, ist mir nicht aufgefallen. »Das bedeutet, dass wir morgen schlechtes Wetter haben. Das geht sehr schnell. Wenn jetzt ein Alpinist im Berg ist, ist er erledigt.« Ich verlasse Bassins, rolle über Serpentinen in den »Park der Multinationals« hinunter. Ohne dass sonst irgendwo auch nur ein Hauch von Abendrot aufgezogen wäre, leuchtet der Montblanc orange.

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