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Als die sowjetischen Soldaten kamen

Vier Senioren erinnern am 19. April bei einem Zeitzeugenspaziergang in Weißensee an die Befreiung vom Faschismus

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.
Eine Frau und drei Männer, die 1945 zwischen zehn und zwölf Jahre alt waren, laden ein zur Entdeckungstour am 19. April, Treff um 15.45 Uhr an der Lehderstraße.

Hildegard Stadlich kann sich noch ganz genau erinnern. Es war die Nacht zum 21. April 1945, als die sowjetischen Truppen beinahe kampflos in Berlin-Weißensee einrückten. Nur vereinzelt wurde geschossen. Der faschistische Rundfunk behauptete, der Stadtbezirk werde von der Bevölkerung erbittert verteidigt und die Russen hätten deutsche Frauen als menschliche Schutzschilde auf die Panzer gebunden.

Aber das war glatt gelogen, erzählt Arno Kiehl. Der 80-Jährige hatte die Idee, zum 70. Jahrestag der Befreiung einen Zeitzeugenspaziergang anzubieten. Dafür gewann er seine 82-jährige Nachbarin Stadlich, die wie er selbst nd-Leserin ist. Außerdem überzeugte er Dietbert Spinka, mit dem er in die Lehre ging, und Rolf Mittelstädt, mit dem er gemeinsam die Schule besuchte. Diese beiden Männer sind inzwischen 81 Jahre alt.

Im gemütlichen Galeriecafé »Emma T« in der Lehderstraße 45 sitzen die vier nun beisammen und besprechen bei Kaffee und Kuchen den Weg, den sie beim Spaziergang am 19. April gehen wollen. Der Treffpunkt wird um 15.45 Uhr draußen auf der Lehderstraße sein, ungefähr auf Höhe des Cafés. Ungefähr anderthalb Kilometer sollen Interessierte herumgeführt werden. Maximal anderthalb Stunden werde das dauern, sagt Kiehl. Als die Rote Armee kam, saß er mit seiner Mutter im Bunker in der Goethestraße. Der erste Soldat, der dort eindrang, schoss mit einer Pistole an die Decke. Die Kugeln spritzten umher. Die Bunkerinsassen duckten sich ängstlich. Doch Kameraden entwanden dem Soldaten die Waffe und riefen beruhigend: »Kinder gut. Alles gut. Faschisten wo? Hitler kaputt!« Das hat Kiehl noch genau im Ohr. Er imitiert den russischen Akzent. Er wird es nie vergessen. Nachdem sich die Soldaten überzeugt hatten, dass sich keine Wehrmachtseinheiten im Bunker versteckten, machten sie kehrt.

Arno Kiehl lief ihnen nach und beobachtete dann, wie Hitlerjungen von Hausdächern auf die Rotarmisten schossen. Per Lautsprecher wurden die fanatisierten Jugendlichen aufgefordert: »Kinder domoi, nach Hause. Hitler kaputt!« Doch sie stellten das Feuer nicht ein. Schließlich wurde ein Maschinengewehr in Stellung gebracht, das die Dächer bestrich. Kiehl hat gesehen, wie die Jungen tödlich getroffen herunterfielen. Einer blieb mit dem Genick an einer Regenrinne hängen und baumelte dort oben.

Danach entdeckte Kiehl mit einem Freund einen Mann, der in einem Geschäft geplündert hatte und einen Sack Zucker auf dem Rücken schleppte. Sie schlitzten den Sack unbemerkt mit einem Messer auf und ließen den Zucker in ihre aufgehaltenen Pullover rieseln. Doch plötzlich schlug ein aus der Innenstadt abgefeuertes Schrapnell ein. Die Kinder warfen sich instinktiv auf den Boden. Sie blieben unverletzt, aber der Zucker lag im Dreck. Schnell lief der zehnjährige Arno zurück in den Bunker. Seine Mutter hatte Ängste um ihn ausgestanden. Sie empfing ihn mit einer Ohrfeige.

Rolf Mittelstädt schildert seine erste Begegnung mit einem sowjetischen Soldaten so: Er öffnete die Tür des Kellers, in dem die Hausbewohner Schutz suchten. Da stand ein Uniformierter vor ihm, an dem er langsam hinaufblickte. Wie ein Riese kam ihm der Soldat vor, der nur kurz nach feindlichen Kämpfern suchte und dann wieder verschwand. Auf der Straße erblickte Mittelstädt Jeeps mit der Aufschrift »USA«, die aus Waffenlieferungen an die Verbündeten stammten. »Wir Kinder konnten deswegen erst gar nicht glauben, dass wirklich die Russen gekommen sind.«

Die Kinder haben sich damals dann tagsüber »prinzipiell« bei den Sowjets aufgehalten, sagen alle vier Zeitzeugen. »Das war interessant und es gab immer etwas zu essen.« Die Rotarmisten seien zu den Kleinen stets freundlich gewesen. Spinka berichtet, wenn Suppe oder Brot an die Bevölkerung ausgeteilt wurde, habe es immer geheißen: »Kinder zuerst.« Auch wurden die Zivilsten aufgefordert, sich im nahen Schokoladenwerk und in der Fleischfabrik zu bedienen. Die Kinder bekamen mit, dass in den ersten Tagen Frauen vergewaltigt und Uhren gestohlen wurden. Später wurden Marodeure dann schwer bestraft. Als eine Streife der Geheimpolizei einen Rotarmisten beim Plündern erwischte, führte sie ihn an die Straßenecke, ließ ihn die Taschen ausräumen und liquidierte ihn. »Da wurde kurzer Prozess gemacht.« Die Anwohner hörten den Knall und sahen die Leiche.

Als Befreiung vom Faschismus haben die Kinder die damaligen Ereignisse nicht sofort erkannt. »Da haben wir noch nicht durchgesehen«, sagt Spinka. »Aber wir waren glücklich, dass der Krieg vorbei ist und die Bombennächte aufhören.«

Im Spätsommer ging er wieder zur Schule. Fast ein Jahr lang war der Unterricht ausgefallen, so dass Spinkas Generation eine Klasse wiederholen musste. Im Rückblick wundert sich Hildegard Stadlich, wie schnell mit Hilfe der sowjetischen Militäradministration das öffentliche Leben im schwer zerstörten Berlin wieder in Gang kam, U-Bahnen wieder fuhren, Theater wieder Vorstellungen gaben.

»Das Schlimme ist: Die Welt hat ja nichts gelernt«, bemerkt Hildegard Stadlich mit Blick auf aktuelle Kriege. Die drei alten Herren pflichten ihr bei. Wenn sie an das Fernsehprogramm heute denken, an Spielfilme und Dokumentationen zum Zweiten Weltkrieg, dann komme es ihnen so vor, als sei Berlin gar nicht von den Russen befreit worden, sondern von den Amerikanern, schmunzeln sie.

Nicht zuletzt, um diesem falschen Eindruck zu begegnen, laden sie ein zum Zeitzeugenspaziergang. Dabei können sie Orte zeigen und ihre Erinnerungen erzählen, die hier nur bruchstückhaft wiedergegeben sind. Kriegszerstörungen sind nicht zu sehen. Glücklicherweise sind die Trümmer längst beseitigt. An der Goethestraße befindet sich allerdings eine seltsame Auffahrt für eine Autowerkstatt. Jüngere Anwohner und Passanten haben wahrscheinlich noch nie über diese Auffahrt nachgedacht. Arno Kiehl kennt den historischen Hintergrund. Als Fundament dient der alte Bunker, in dem er im April 1945 die Befreiung erlebte.

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