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Miss Japan spaltet das Land

Konservative kritisieren die Wahl von Ariana Miyamoto, der Tochter eines Afroamerikaners

  • Von Felix Lill, Tokio
  • Lesedauer: 4 Min.

Ariana Miyamoto ist eine hübsche Frau. Ihr kräftiges schwarzes Haar wellt sich über ihre schmalen Schultern, ihre dunklen Augen sehen wie große Knöpfe aus, die Nase ist schmal und klein, die Lippen voll, ihr Lächeln wirkt herzlich. Alles passt zusammen, wie maßgeschneidert. Nun gewann die 20-Jährige aus Sasebo in der Präfektur Nagasaki die Wahl zur Miss Japan. Als ihr Sieg verkündet wurde, jubelte der Saal, die junge Frau war den Tränen nahe, alle waren glücklich - wie Modelentscheide eben ablaufen.

Die Wahl hat in Japan eine Debatte entfacht. Skeptische Kommentatoren fragen: Soll diese Frau wirklich beim Miss Universe-Wettbewerb für Japan antreten? Schließlich ist ihre Haut dunkler als die der Durchschnittsjapanerin, ihre Gesichtszüge etwas markanter. Einfach ausgedrückt: Sie sehe nicht japanisch genug aus. Was solle die Welt von Japan denken? In sozialen Medien wird gefragt: »Ist es okay, eine haafu (japanische Bezeichnung für Menschen mit gemischter Abstammung) als Repräsentantin Japans auszuwählen? Manchmal sind die Kriterien, nach denen sie für die Miss Universe auswählen, ein bisschen mysteriös.« Ein anderer schrieb: »Obwohl sie Miss Japan ist, sieht ihr Gesicht doch ausländisch aus. Egal, wie man draufschaut.«

Ariana Miyamoto hat einen afroamerikanischen Vater und eine japanische Mutter. Sie ist damit die erste, die mit einem für konservative Erwartungen nicht offensichtlich japanischen Aussehen zur schönsten Frau ihres Landes ernannt wurde. Dass dies nun so ist, spaltet offenbar das Land: Den einen gilt dies als Abkehr vom traditionellen Schönheitsideal Japans, geprägt unter anderem von sehr heller Haut. Für andere aber verkörpert sie einen Schritt hin zu mehr Multikulturalität. So ist der Sieg Miyamotos Skandal und Meilenstein zugleich.

Wie viele Japaner die Ernennung Miyamotos skeptisch sehen, steht nicht fest. Dass es sich aber um eine verschwindend kleine Minderheit handelt, ist unwahrscheinlich. Weniger als zwei Prozent der Bevölkerung Japans sind Ausländer, der Großteil kommt aus China und Südkorea. Da die Bevölkerung wegen sehr geringer Geburtenraten seit Jahren sinkt, herrscht akuter Arbeitskräftemangel, so dass auch weiteres Wirtschaftswachstum nur schwer zu erreichen ist. Eine offensichtliche Lösung des Problems wäre, sich stärker für Einwanderung zu öffnen. Aber keine der größeren Parteien macht sich für so einen Schritt stark, weil Umfragen zufolge die meisten Japaner keine weiteren Einwanderer im Land wollen.

Das häufigste Argument gegen mehr Einwanderung: es würde zu kulturellen Reibungen kommen. Obwohl organisiertes Verbrechen in großem Stil geschieht, machen Konservative gerne Ausländer für Kriminalität verantwortlich. Bis heute hat Japan auch kein Antidiskriminierungsgesetz, das vor ungerechter Behandlung aufgrund der Hautfarbe oder anderer äußerlicher Merkmale schützt. Und als die Regierung um die Jahrtausendwende doch mal eine Einwanderungsoffensive fuhr, um japanischstämmigen Brasilianern Jobs für einfache Tätigkeiten anzubieten, mangelte es an Integrationsprogrammen. Viele Neuankömmlinge wurden nicht recht heimisch. Als dann im Zuge der Finanzkrise ab 2008 viele Jobs gestrichen wurden, gab es ein Angebot: ein Handgeld mit einem Onewayticket nach Brasilien - unter der Bedingung, nicht wieder in Japan Arbeit zu suchen.

Pro Jahr nimmt Japan nur eine Handvoll Flüchtlinge auf, obwohl die Anzahl der Anträge um ein Vielfaches höher liegt. Die Regierung rechtfertigt dies damit, dass kaum ein Land mehr Geld für Entwicklungszusammenarbeit ausgebe. Man helfe eben lieber vor Ort, als Menschen mühsam in die eigene Gesellschaft einzugliedern. Denn die Integration in die japanische Lebensart stellt man sich für Ausländer nur schwer möglich vor. Schließlich schottete sich der Inselstaat einst für rund 200 Jahre völlig vom Rest der Welt ab. Bis zu seinen modernisierenden Reformen ab 1868 betrieb er so gut wie keinen Außenhandel und ließ die ganz eigene Kultur gedeihen. So unterscheidet man noch heute gern zwischen Japan und dem Rest der Welt, hält die eigene Kultur dabei für so einzigartig, dass Ausländer sie kaum verstehen können.

Nur trifft all dies kaum auf die offiziell schönste Frau des Landes zu. Ariana Miyamoto spricht perfekt und akzentfrei japanisch, soll die urjapanische Kunst der Kalligraphie beherrschen und scheint sich auch sonst auf dem Gebiet der Benimmregeln elegant zu bewegen. Sonst hätte sie den Miss-Wettbewerb kaum gewonnen. Diejenigen, die sich ein multikulturelleres Japan wünschen, können sich trotz der Zweifel am Sieg Miyamotos dennoch freuen. Immerhin kann man in Japan jetzt gewinnen, auch wenn man nicht allen altmodischen Kriterien entspricht.

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