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Festgefahren im 19. Jahrhundert

Studie: Wirtschaftselite wünscht sich autoritären Politikstil und misstraut den Medien

Medienfeindlich, demokratiemüde und politisch heimatlos - so zeigen sich Deutschlands Unternehmer und Manager in einer Untersuchung der Uni Göttingen.

Geheimnisvoll und verschwiegen geben sich Spitzenmanager und Firmeneigentümer oft. Über ihr Weltbild und Selbstverständnis ist wenig bekannt. Das Göttinger Institut für Demokratieforschung versucht nun Licht ins Dunkel zu bringen. In einer umfangreichen Studie hat das Forscherteam um Franz Walter zwischen September 2013 und August 2014 in rund 250 Gesprächsstunden und 160 Interviews Gesellschafter, Vorstände, Geschäftsführer und Unternehmer zu Werten, Selbstwahrnehmung und ihrem Blick auf Gesellschaft und Politik sowie zur persönlichen Biografie befragt.

»Nach wie vor sprechen gesellschaftliche Gruppen zu oft übereinander statt miteinander und verlassen sich zu sehr auf das eigene Vorverständnis, anstatt sich mit dem Gegenüber wirklich auseinanderzusetzen«, meint Michael Schmidt, Vorstandsvorsitzender der BP Europa SE. Der Energiemulti, der die Studie initiierte und förderte, sieht in ihr eine Chance, »die Dialogfähigkeit in Deutschland zu stärken«.

Die Studienergebnisse lassen Rückschlüsse auf das Verständnis der Wirtschaftselite über Politik und Gesellschaft zu. Denn es scheint, dass die Manager die in vielen Unternehmen vorhandenen hierarchisch-elitären Strukturen einfach auf den Staat projizieren. Entsprechend liest sich die Zusammenfassung der 352-seitigen Studie: Die Manager trauen der Bevölkerung wenig zu, sie muss ihrer Ansicht nach »geleitet« werden. Auch sprechen die Befragten den Bürgern die Fähigkeit ab, sich ausgewogen zu informieren, sowie »die Reife, besonnen zu urteilen«. Dem Modell einer Referendumsdemokratie stehen sie folglich »überwiegend besonders skeptisch gegenüber«. Bedenklich finden sie das Verständnis eines Volkssouveräns, da sie sich von der Langsamkeit der Willensbildung und Fraktionszwängen »abgestoßen« fühlen. Stabile Rechtsstaatlichkeit, die wirtschaftliche Sicherheit garantiere, wird demgegenüber betont. Der Schwenk von marktradikaler Rhetorik hin zur Akzeptanz eines weitgehend ordoliberalen Staatsmodells scheint da die logische Folge zu sein.

Wenig überraschend werden in Sozialdemokraten und Gewerkschaften keine Feindbilder mehr gesehen. Gerhard Schröder und seine Agenda 2010 gelten vielen als Vorbild außergewöhnlichen politischen Mutes. Für Michael Schlecht, den wirtschaftspolitischen Sprecher der Linksfraktion im Bundestag nicht überraschend: »Damit sollte auch dem letzten Sozialdemokraten und Gewerkschafter klar werden, wem die Agenda am Ende genützt hat.«

Nichtsdestotrotz fühlen sich die meisten Befragten »politisch heimatlos«, der Bedeutungsverlust der Liberalen wird bedauert, der »sozialdemokratische« Kurs der CDU/CSU beargwöhnt. Vermisst wird eine Vision für die Politik in Europa. Reformen wie den Mindestlohn akzeptieren die Manager zwar, viele finden langfristige politische Planung aber hinderlich.

Als größtes Problem sehen die Unternehmer die Neidgesellschaft. So könnten Manager und Vorstände »die Früchte ihrer Leistung nicht offen zeigen«. Die Medien gelten daher als Hauptfeinde, denn sie stellten die Vorstände unter »Dauerbeobachtung«. Bei Fehlern würden sie öffentlich »sofort geschlachtet«.

»Diese Studie zeigt einmal mehr, wie abgehoben die wirtschaftlichen Eliten in unserem Land sind«, meint Linkspolitiker Schlecht. »Verschroben ist die Einstellung zu Demokratie und Rechtsstaat bei den wirtschaftlichen Eliten - beides ist nur solange gut, wie es ihnen nützt. Für ein bisschen mehr Gewinn kann man es sich dort offensichtlich auch ein bisschen autoritärer im Staate vorstellen.«

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