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Gaspipelines und Obstvarianten - aber kein russisches Geld

Worüber Griechenland und Russland beim Antrittsbesuch des griechischen Premiers in Moskau verhandeln

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Gastgeber wollen auch die Front der Sanktionsbefürworter sprengen. Eine Schlüsselrolle spielt dabei Turkish Stream.

Freunde Russlands sind eine seltene Spezies in Zeiten des Kalten Krieges 2.0. Griechenlands Premier Alexis Tsipras, der an diesem Mittwoch in Moskau einschwebt und dort mit Kremlchef Wladimir Putin, seinem Amtskollegen Dmitri Medwedew, Duma-Präsident Sergei Naryschkin und Patriarch Kyrill zusammentrifft, gehört ohne Wenn und Aber dazu.

Die Gastgeber hoffen vor allem auf ihn sowie Ungarn und Zypern bei Versuchen, die Front der Sanktionsbefürworter zu sprengen. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der geänderte Trassenverlauf von South-Stream, einer Gaspipeline, die Europa angesichts der Ukraine-Krise auf Eis legte. Nun soll Turkish Stream durch das Schwarze Meer über die Türkei nach Griechenland und von dort aus über Mazedonien und Serbien nach Ungarn führen. Eine entsprechende Absichtserklärung soll dazu am Mittwoch in Budapest unterzeichnet werden, Griechenlands Außenminister Nikos Kotzias von dort mit dem Papier direkt nach Moskau fliegen und damit seinem Regierungschef den Rücken stärken.

Auch das Militär könnte als Gesprächsthema auf den Tisch kommen. Russland hatte zuletzt angekündigt, Teile seiner Kriegsflotte dauerhaft im Mittelmeer zu stationieren. Vermutungen, wonach Tsipras eine Marinebasis auf einer der vielen griechischen Inseln als Alternative für den Stützpunkt im syrischen Mittelmeerhafen Tartus anbieten könnte, wies der griechische Premier in Athen allerdings als »Panikmache« zurück.

Athens Westbindung, so russische Experten, sei aber innenpolitisch immer umstritten gewesen, Vorrang habe die Restauration von Griechenlands historisch gewachsenem Einfluss auf dem Balkan, dessen Bevölkerung sich mehrheitlich zum orthodoxen Christentum bekennt wie Griechen und Russen. Auch Russland habe historisch gewachsene Interessen auf dem Balkan. Angesichts gemeinsamer Differenzen mit Europa, so der Tenor russischer Medien, würden Moskau und Athen in der Region vorerst jedoch nicht konkurrieren, sondern kooperieren - zu welchen Konditionen, entscheidet sich nun.

Zum einen will Putin mit Gaslieferungen aus Russland - eventuell auch zu Vorzugspreisen - und Gemeinschaftsunternehmen für die Erschließung und Förderung kürzlich entdeckter Vorkommen in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer Griechenland wie Zypern auch politisch enger an Russland binden. Beiden Ländern und Ungarn sagte Moskau außerdem bereits zu, ihre Obst- und Gemüsebauern würden die ersten sein, deren Erzeugnisse nach dem Fall des Embargos zurück in russische Supermärkte kehren würden. Russland hatte sich damit für westliche Sanktionen gerächt. Weil auf deren Rücknahme derzeit wenig hindeutet, wollen Tspiras’ Experten und die Gastgeber gemeinsam nach »Varianten« suchen, wie die Handelshemmnisse ohne Gesichtsverluste umgangen werden könnten. Im Gespräch sind russisch-griechische Gemeinschaftsunternehmen und Neuverpackung mit Etikettenschwindel, der aus griechischen russische Erdbeeren macht.

Dass auch über russische Kredite für Griechenland verhandelt wird - eigens dazu hatte Tsipras um Vorverlegung seines ursprünglich für Mai geplanten Antrittsbesuchs gebeten - halten russische Griechenlandexperten wie Juri Kwaschnin für wenig wahrscheinlich. Auf mehr als moralische Unterstützung in den Verhandlungen mit Brüssel könne Tsipras nicht hoffen. Russlands gesamte Gold- und Devisenreserven würden nicht ausreichen, um Athens Schuldenberg abzutragen. Dazu braucht es Europa. Die Hoffnungen einiger Russen, Griechenland langfristig aus der Eurozone und der EU herauszubrechen, was schon bei der zypriotischen Schuldenkrise vor zwei Jahren misslang, seien daher unrealistisch.

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