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Von Unbehagen bis Fasziniertsein

Die Galerie Hetzler zeigt »Kunst beim Abgang des Kapitalismus«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

Es ist sicherlich nicht Aufgabe der Kunst, Lösungsvorschläge für die Probleme der Zeit zu liefern - Nachdenken darüber aber allemal. Künstler mit ihren empfindsamen Membranen aller Art sind häufig die ersten, die spüren, wenn etwas »faul im Staate Dänemark« ist. In diesem Sinn darf man verstehen, was die Galerie Hetzler derzeit an ihren drei Ausstellungsorten, zwei in Berlin, einer in Paris, zeigt, zusammengestellt von einem Triumvirat an Kuratoren. Spannend klingt der klammernde Titel: »Open Source: Art at the Eclipse of Capitalism«.

Die Idee für diese Schau lieferten kontrovers diskutierte Thesen des US-amerikanischen Soziologen und Ökonomen Jeremy Rifkin, besonders sein 2014 in deutscher Sprache publizierter Band »Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft«. Darin propagiert er den Niedergang des Kapitalismus und den Übergang zur Gesellschaft Gemeinsamen Wirtschaftens, erzwungen auch durch den »dritte industrielle Revolution« genannten Siegeszug des Internets und seine gravierenden Folgen. Da Rifkin nicht auch veränderte Besitzverhältnisse fordert, mag man seinen Theorien skeptisch gegenüberstehen. Wie jedoch gut 35 Künstler auf die Ereignisse der letzten zweieinhalb Jahrzehnte reagiert und sie kommentiert haben, dazu dient jener repräsentative Querschnitt durch die verschiedenen Ausdrucksformen durchaus.

Vielen Künstlern ist gemeinsam, dass sie am Computer kreieren, was einst unikal die Künstlerhand schuf. Das wirft die Frage nach der Urheberschaft an Werken auf und erfordert zukünftig unkonventionell erweiterte Antworten. So überkritzelt Kelley Walker das Foto eines weißen Polizisten, der einen Farbigen niederknüppelt, mit Zahncreme, scannt es ein und druckt es als sein Zeitdokument aus. Mark Leckey kleidet einen älteren Mann in ein virtuell flackerndes Gewand und verleiht ihm so eine neue, irreale Persönlichkeit. Richard Prince spielt mit der Internetpräsentation aufgepeppter weiblicher Teenies und druckt das per Tintenstrahl auf Leinwand. Auch Steven Shearer entlarvt: Leif Garrett, Kinderstar der 1970er, nun längst im Drogensumpf versunken, posiert hier noch strahlend auf einem Motorrad, gedruckt in Tinte und Acryl auf Leinwand. Kritik am Starsystem mit Hilfe technischer Errungenschaften.

Wüsste man nicht, dass es sich um Aquarelle nach Luftaufnahmen manipulierender Konzerne wie Google und Facebook handelt: John Kelseys auf Plexiglas oder Aluminium montierte Bilder könnten als traditionelle Kunst durchgehen. Nur das von rotentzündeten Mauern geschützte Google Center in Finnland wirkt bedrohlich - bedrohlich schön. Katja Novitskovas stromgetriebene Babyschaukel ersetzt die mütterliche Fürsorge; Michel Majerus’ gelber Wandmalerei sitzt ein kleinerer Druck auf, wie der Roboter Tron eben den Menschen verdrängt. Auf John Gerrards 3D-Simulation nach einem Originalvideo ertüchtigen sich US-Soldaten auf knarrtrockenem Boden in Djibouti selbst in Rauchschwaden: Realität wird zur Performance. Auf Josh Klines drei getünchten Servicewagen aus Krankenhäusern finden sich unter Reinigungssprays und Abfall auch Körperteile: Wegwerfware Mensch. Und Rirkrit Tiravanija eliminiert noch den letzten Rest Homo Sapiens: Die Manga-Figur Annlee, den japanischen Schöpfern für rund 350 Euro abgekauft, liest aus Philip K. Dicks Roman »Träumen Androiden von elektrischen Schafen«, der Ridley Scotts Film »Blade Runner« zugrunde liegt. Die künstliche Welt hält Einzug in unser Leben und fordert Auseinandersetzung.

Verblüffend muten Agnieszka Kurants drei Termitenhügel an. Dem Sand, aus dem die Insekten ihr Heim türmen, hat sie unwirklich grelle Farben und Glitzer beigemischt; unvermerkt haben ihn die Termiten in natürlichem Werk zu unnatürlichen Kunstbauten verarbeitet. Zwei Exponate rühren besonders an. So idyllisch Allora & Calzadillas 244 mal 183 Zentimeter messender Druck eines Palmenwalds erscheint: In Puerto Rico markieren solche Pflanzungen, wo US-Militärs einst Giftstoffe vergraben und so die Umwelt zerstört haben. Auf dem liegenden Monitor überformt Seth Price immer wieder Kriegs-, Mord- oder Folteropfer von schrecklicher Entstellung mit Farbpunkten: eine »lustige« digitale Videoinstallation im Stil täglicher Nachrichten als musikuntermalte Show light.

Bis 18.4., Goethestr. 2/3 und Bleibtreustr. 45, Charlottenburg; www.maxhetzler.com und www.artuner.com

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