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Umkämpfte Würdigung eines Kommunisten

73 Jahre nach seinem Tod gedenkt die Stadt Siegen des »Arztes von Buchenwald« Walter Krämer

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»Das ist eine würdige Gestaltung, das Kunstwerk macht neugierig, das gilt insbesondere für das Foto Walter Krämers auf Blickhöhe des Betrachters«, sagt Traute Fries. »Ich hätte mir etwas Konkreteres gewünscht, wo die Geschichte Walter Krämers erzählt worden wäre«, kontert Joe Mertens.

»Walter Krämer. Schlosser. Politiker. Arzt von Buchenwald« ist auf der mannshohen weißen Stele zu lesen. Zusammen mit der Skulptur »Die helfende Hand« und einem weiteren Kunstelement an der Wand bildet sie ein Ensemble, das an den ehemaligen KPD-Politiker Krämer erinnert. Über Jahrzehnte hatten linke Akteure wie die VVN, die Linkspartei und Fries' Gesellschaft für christlichjüdische Zusammenarbeit für ein würdevolles Andenken an den in Siegen geborenen Nazi-Gegner gekämpft.

Kurz vor Weihnachten wurde das Denkmal vor dem Siegener Kreisklinikum eingeweiht. Zwischen Hecken, Sitzbänken und anfahrenden Krankenwagen wird des 1941 von den Nazis Ermordeten gedacht. Im Krankenhaus liegt in einem Plastikständer zwischen allerlei Informationsmaterial eine Broschüre über Leben und Wirken Walter Krämers. Für die neugierig gewordenen Suchfreudigen. Und der Raum vor dem Klinikum heißt nunmehr »Walter-Krämer-Platz« - zumindest ein Stück weit. Denn die Adresse des Klinikums lautet weiterhin Weidenauer Straße 76.

Ein Erfolg? Die Pragmatikerin Traute Fries, die sich für das Denkmal einsetzte und in der Kommission saß, das den konkreten Vorschlag auswählte, spricht gar von einem Triumpf. »70 Jahre hat plumper Antikommunismus eine öffentliche Ehrung verhindert«, erinnert sich die SPD-Ratsfrau. Und sie weiß manche Anekdote zu berichten, wie der Widerstand relevanter Teile der CDU langsam zum Bröckeln gebracht wurde.

Joe Mertens, Co-Sprecher der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes - Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) Siegerland-Wittgenstein, ist nicht ganz so begeistert. »Wir wollen, dass der Platz vollständig umbenannt wird, Walter-Krämer-Platz muss dann auch die offizielle Anschrift des Klinikums sein.« Auch werde ein wichtiges Faktum unter den Teppich gekehrt: »Krämer wird nicht als Kommunist gewürdigt, sondern auf eine gut konsumierbare Rolle als Humanist reduziert.« Mertens Blick verdeutlicht: Das kommt für ihn einer Kastration gleich.

Längst hat die VVN auf eigene Kosten ein Straßenschild herstellen lassen. »Walter-Krämer-Platz«, steht da in weißen Lettern auf blauem Grund. Und ein kleines weißes Schild darunter erläutert, wer dieser Walter Krämer war: »Widerstandskämpfer, Mitglied der KPD. Geb. 21.6.1892 in Siegen, ermordet am 6.11.1941 im KZ Buchenwald.« Aufgehängt wurde es bisher nicht.

Es ist eine geschichtspolitische Posse, die sich da in Krämers Heimatstadt Siegen abspielte und abspielt. 1947 beantragten erstmals KPD-Stadtverordnete, eine Straße nach dem Antifaschisten zu benennen. Sie heißt bis heute Hubertusstraße, da die CDU sich durchsetzte. Seit dem Jahr 2000 wird Krämer von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als »Gerechter unter den Völkern« geehrt - in Siegen konnten linke Geschichtspolitiker mit diesem Rückenwind immerhin eine Gedenktafel durchsetzen. Angeschraubt wurde sie an Krämers Geburtshaus, das allerdings verborgen in einer Seitenstraße liegt.

Es folgten Unterschriftensammlungen, Symposien, Veranstaltungen und immer neue Bürgeranregungen an den Stadtrat. Das von der christlich-jüdischen Gesellschaft betriebene Aktive Museum Südwestfalen stellte für Krämer einen Raum zur Verfügung und veröffentlichte zwei Broschüren zum Leben und Wirken des KPD-Politikers.

Schließlich äußerten sich erstmals auch führende CDU-Politiker dezent positiv zu einer möglichen Ehrung des (neben dem Rüstungsindustriellen und verurteilten Kriegsverbrecher Friedrich Flick bekanntesten) Sohnes der Stadt. Darunter der heutige Bürgermeister Steffen Mues und der einstige Landrat Paul Breuer, beide Angehörige einer jüngeren, bildungsnäheren und nicht ganz so illiberalen Generation von CDU-Lokalgrößen.

Gerade Mues sieht in Walter Krämer den Humanisten, der sich autodidaktisch medizinisches Wissen aneignete und im KZ Buchenwald Menschenleben rettete. Gegen den Widerstand der SS, die im Spannungsfeld von Vernichtungswahn und ökonomischem Kalkül - das KZ Buchenwald galt als »Umschlagplatz für Arbeitssklaven« - eher auf die Vernichtung setzte.

Den Kommunisten Krämer übersahen die Siegener CDU-Politiker dezent. Man mag das kritisieren - doch so war eine Tür aufgestoßen. 2010 wurde eine historische Kommission eingesetzt, um Krämers Leben aufzuarbeiten. Zwei Jahre später beschloss der Stadtrat schließlich, einen Wettbewerb auszuschreiben für ein Denkmal vor dem Kreiskrankenhaus.

In der Debatte bezeichneten CDU-Politiker Krämer als »Verbrecher«, eine christdemokratische Ratsfrau schwenkte das umstrittene »Schwarzbuch Kommunismus« und warf der VVN eine typisch leninistische »Manipulation von Begriffen« vor - weil die VVN das Wort »Humanismus« zu brauchen gewagt hatte. Jedenfalls sei »das Ansinnen«, einen Platz nach Walter Krämer zu benennen, schlicht eine Provokation.

»Da haben wir echt was aushalten müssen«, erinnert sich Martin Gräbener, der Chef der Linksfraktion im Rat der Stadt Siegen. »Aber heute können wir darüber lachen.« Denn es kam ja eine Stimmenmehrheit für den Walter-Krämer-Platz zustande. 45 der 68 Ratsleute stimmten mit Ja.

Indes sollte es bis zum Dezember 2014 dauern, bis Stele und Skulptur vor dem Kreiskrankenhaus der Öffentlichkeit übergeben wurden. Selbst die Einweihung gelang nicht im ersten Versuch: Ausgerechnet jene, die über viele Jahre für diese Ehrung gekämpft hatten, waren zunächst nicht eingeladen worden. Eine Panne, erklärte die Stadtspitze und verschob die Einweihung. Im zweiten Anlauf feierten Vertreter von VVN und Linkspartei dann doch das mit, was aus ihrer Sicht immerhin ein Teilerfolg ist.

Einer war seinerzeit nicht dabei: VVN-Sprecher Joe Mertens. Der 43-Jährige steht erstmals auf dem Walter-Krämer-Platz an jenem Samstag, an dem »nd« vor Ort ist. »Klar können wir stolz sein auf das Erreichte«, räumt er, wenn auch erst auf Nachfrage, ein, und winkt dann doch mit dem selbst bezahlten Straßenschild. Mertens will die offizielle Umbenennung - und das ergänzende Schild mit den Buchstaben K, P und D darauf. Wenigstens das. Das einstige Ziel, das Klinikum nach Walter Krämer zu benennen, steht nicht mehr ganz oben auf der Agenda der linken Gedenkpolitiker.

Das Siegerland ist stark vom Pietismus geprägt, einer besonders frömmelnd-weltfremden, gleichwohl sehr geschäftstüchtigen Form des Protestantismus. »Siegen war nicht nur eine kriegswichtige Rüstungs- und Industriestadt, sondern auch eine Nazi-Hochburg. Die Katholiken stimmten lange für das ›Zentrum‹, die Pietisten aber wählten die NSDAP«, weiß Joe Mertens. Für den Abbruch der Ruine ihrer 1938 am hellichten Tage verbrannten Synagoge wurden der Jüdischen Gemeinde Siegen 2585,12 Reichsmark in Rechnung gestellt. Die Kosten sind minutiös aufgelistet. Unter anderem wurden 166 Autoladungen Schutt zu je sechs Reichsmark abgefahren.

Auf dem Gelände errichteten die Nazis einen Bunker, der heute das Aktive Museum Südwestfalen beherbergt. Die düstere Bunker-Atmosphäre bewahrend, thematisiert es die Geschichte des Siegerlandes unter der Nazi-Herrschaft. Hier ist auch die Medaille ausgestellt, die Walter Krämer als »Gerechten unter den Völkern« ausweist, eine Büste aus DDR-Tagen und eine Tafel mit Krämers Biografie. Es ist eine politische Biografie, die nicht verschweigt, dass Krämer 1920 gegen den Kapp-Putsch kämpfte, für die KPD im preußischen Landtag saß und nach dem Reichstagsbrand - Stichwort: »Verbrecher« - von Nazi-Richtern wegen angeblichen Hochverrats verurteilt wurde.

Ganz sind die Nazis nie verschwunden. Auch in Siegen nicht. In den letzten Jahren gab es immer wieder teils gefährliche Übergriffe auf das linke Kulturzentrum VEB, auf einen linken Buchladen und das lokale Büro der Linkspartei, das insgesamt drei mal verwüstet wurde. 2008 etablierte sich ein gegen rechte Umtriebe gerichtetes Bündnis für Demokratie - neben den Gewerkschaften sind auch Teile der CDU mit von der Partie. »Mittlerweile geht es etwas ruhiger zu«, sagt Joe Mertens, und will in punkto Neonazis doch keine Entwarnung geben.

Wird der Walter-Krämer-Platz vor dem Kreisklinikum bald als solcher in das Straßenverzeichnis aufgenommen? VVN-Aktivist Joe Mertens lässt durchblicken, dass der »sanfte Kampf« wohl noch einige Jahre andauern werde. »Wir haben hier über Jahre dicke Bretter gebohrt und wir werden weiter bohren«. Traute Fries wirkt optimistisch: »Der Kampf lohnt sich«, sagt die Kommunalpolitikerin.

Doch der Widerstand gegen eine vollständige Umbenennung bleibt: Krankenwagen, die mit nicht top-aktuellen Navis ausgestattet sind, könnten das Krankenhaus verfehlen, so lautet eine der Befürchtungen. LINKE-Stadtrat Martin Gräbener hält solche Argumente für vorgeschoben: »Als wüssten die Fahrer nicht, wo das Kreiskrankenhaus liegt...«

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