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»Sie bauen uns zum Ghetto um«

Baupläne an der Michelangelostraße stoßen bei Anwohnern auf wenig Gegenliebe

1500 Wohnungen sollen entlang der Michelangelostraße entstehen. Dafür fallen Grün- und Stellflächen für Autos weg.

Das nächste Wohnungsbauprojekt sorgt bei Anwohnern für schlechte Stimmung : Rund 1000 Bewohner aus dem Quartier rings um die Michelangelostraße in Prenzlauer Berg waren am Donnerstagabend in die Gethsemane-Kirche geströmt, um sich das Vorhaben erklären und sich vielleicht auch ein wenig besänftigen zu lassen. Denn was nach einem städtebaulichen Wettbewerbs bisher bekannt wurde, hat sie nicht gerade begeistert.

Das war auch auf der Bürgerversammlung zu spüren. Hunderte »Nein«-Schilder wurden Senatsbaudirektorin Regula Lüscher und Pankows Baustadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) entgegengehalten, die tapfer um Akzeptanz für das Vorhaben warben. Etwa 1500 Wohnungen sollen beiderseits der Michelangelostraße in zumeist fünfgeschossigen Neubauten entstehen, dazu Grundschule, Kita und eine Dreifachsporthalle. Und zwar dort, wo sich vor den Plattenbauten aus den 50er und 70er Jahren jetzt noch großzügige Grünflächen und Parkplätze befinden. »Ihre Straße wird zu einem städtischen Raum aufgewertet«, so Lüscher.

»Aufgewertet« war kein gutes Stichwort. Sie solle doch mal erklären, was darunter zu verstehen sei, forderte eine Bürgerin Lüscher auf. »Ich glaube nicht, dass unsere Wohnungen dann noch bezahlbar bleiben«, gab sie die Antwort gleich selbst. Aber nicht unbedingt die Mietentwicklung ist der Aufreger Nummer eins, sondern die Dichte der Bebauung und der Wegfall der Stell- und Grünflächen.

Denn auf der Nordseite der Straße sollen die weiträumig verteilten 50er-Jahre-Bauten durch die Neubaublöcke zu großen Wohnhöfen zusammengefasst werden. »Wenn so ein Klotz vor unser Haus gebaut wird, sehen wir keine Sonne mehr«, empörte sich eine Anwohnerin. Eine andere will weiterhin aufs Grün schauen »und nicht auf den Frühstücksteller der Nachbarn im Hinterhof«. Dafür habe sie nicht so lange für ihre AWG-Wohnung gearbeitet. Und überhaupt, was werde hier den vielen Rentnern zugemutet, die wegen der schlechten Nahversorgungsmöglichkeiten aufs Auto angewiesen seien. Schon jetzt seien die Parkplätze knapp. Auch von über 700 Bäumen war die Rede, die im Wege stehen. »Sie sprechen von attraktivem Freiraum und bauen uns zum Ghetto um«, lautete das Fazit eines Mannes.

Das mit den Bäumen sei ein »Zielkonflikt«, räumte der Baustadtrat ein. Man müsse dafür sorgen, das ausreichend Ersatz geschaffen wird. Das Gleiche treffe auf die Parkplätze zu. »Bei uns ist angekommen, dass eine solch deutliche Reduzierung nicht mehrheitsfähig ist«, versicherte Kirchner. Über 400 Stellflächen könnten unter der neuen Sportanlage entstehen, weitere in Tiefgaragen der neuen Wohnblöcke. »Für die müssen wir bezahlen«, schallte es ihm entgegen. Jetzt sind sie kostenlos.

Es sei nichts auch nichts Neues, Freiflächen zuzubauen, das passiere auch am Pankower Tor oder der Elisabethaue. »Sie sind nicht alleine«, tröstete Kirchner. Stadt sei nun mal Konzentration. »Die Mieten werden auch nicht geringer, wenn wir weniger bauen«, gab Lüscher zu bedenken. Und an der Michelangelostraße könnte auf landeseigenen Grundstücken gebaut werden, was sich auf die Mieten günstig auswirken werde. Bauen sollen ohnehin nur landeseigene Gesellschaften oder Genossenschaften, keine privaten Investoren.

Für Kirchner hat das Projekt noch einen anderen Vorteil: »Wer nicht will, dass die Autobahn hier durchgeht, muss Ja sagen zum Wohnungsbau.« Was manchen ein wenig irritierte, denn die Stadtautobahn soll gar nicht durch die Michelangelostraße geführt werden, sondern eine vierspurige Stadtstraße, die beide Autobahnenden in Friedrichshain und Wedding verbindet. Deshalb soll sie auch vierspurig bleiben und nicht auf zwei Spuren verengt werden. Was offenbar die Pankower SPD noch nicht erkannt hat, die in einem vor der Kirche verteilten Flyer mit einer zweispurigen Michelangelostraße wirbt.

Aber nichts sei in Stein gemeißelt, sagte Lüscher. Man stehe noch ganz am Anfang der Planungen. Kirchner rechnet mit einem Baustart »nicht vor 2019«.

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