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Die Grüne Jugend freut sich auf die Roboter

Mehr Zeit, mehr Leben: Bundeskongress in Bremen nimmt zunehmende Ökonomisierung und Entgrenzung in den Fokus / Forderung nach 30-Stunden-Woche und Grundeinkommen - und Bekenntnis zu technischem Fortschritt

  • Von Vincent Körner
  • Lesedauer: 4 Min.

Berlin. Unter dem Motto »Leistung hat schon genug Gesellschaft« startet am Samstag der offizielle Teil des Bundeskongresses der Grünen Jugend in Bremen. Im Mittelpunkt stehen nicht nur aktuelle Themen wie die Eurokrise und die Pflegekrise, der Vorstand der Nachwuchsorganisation hat auch eine Reihe von Anträgen zur Arbeits- und Lebenszeitpolitik eingebracht. »Für unsere Umwelt und die natürlichen Ressourcen fordern wir stets einen nachhaltigen, sorgsamen Umgang«, heißt es in einem der Leitanträge. Doch nun sei es auch an der Zeit »für einen nachhaltigen Umgang miteinander einzustehen.« Die Grüne Jugend spricht sich daher für »echte Selbstverwirklichung« aus, die nicht mehr der Trennung von »Arbeit« und »Leben« folgt und eine Bewertung von Menschen »nach ihrer ökonomischen Leistung beziehungsweise unter Berücksichtigung der ökonomischen Gesichtspunkte« ablehnt.

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Auf dem Forderungskatalog der Grünen Jugend steht laut Antrag neben dem langfristigen Ziel eines steuerfinanzierten Bedingungslosen Grundeinkommens auch »die Absenkung der Regelarbeitszeit auf eine 30-Stunden-Woche«, eine damit einhergehende »Reduktion der Produktion und des Konsums« sowie ein Mindestlohn, der »mindestens« bei 10,50 Euro liegen soll - damit auch bei einer 30-Stunden-Woche »ein gutes Leben« möglich wird. Mit Blick auf die Entgrenzung von Lohnarbeit und Alltag zielt der Antrag zur Zeitpolitik auch auf Regeln für mehr Selbstbestimmung im Job bei gleichzeitigem Schutz der Beschäftigten gegenüber den Unternehmen. Mehrarbeit soll dabei nicht allein durch zusätzliches Entgelt aufgewogen werden, sondern »wo immer möglich« durch freie Zeit. Überlegungen zu Arbeitszeitkonten und Regeln für Selbstständige gehören nach dem Willen der Grünen Jugend dazu.

Die Nachwuchsorganisation stellt in dem Leitantrag auch sozialpolitische Forderungen in einen zeitpolitischen Kontext. So findet sich darin auch der Ruf nach Abschaffung aller Sanktionen für Bezieher von Arbeitslosengeld II - und eine Kritik an einer Anti-Stress-Gesellschaft, die »Entspannung« und »Wellness« als Dienstleistungen anbietet, die sich »nur an die gut situierte Mittelschicht« richten. »Stress ist aber ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und Stressbekämpfung demzufolge eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe«, so die Grüne Jugend: »Wir sollen funktionieren wie Maschinen und sind ständiger Konkurrenz ausgesetzt. Müdigkeit und Erschöpfung sind Statussymbole geworden. Nur wer nicht richtig arbeitet, ist ausgeschlafen.«

Für Aufmerksamkeit könnten Formulierungen zur technologischen Entwicklung und ihrer gesellschaftspolitischen Dimension sorgen: »Die Grüne Jugend bekennt sich klar zu technischem Fortschritt«, heißt es in dem zeitpolitischen Leitpapier. »Auch wenn der technische Fortschritt niemals von sich heraus systemische Probleme lösen kann, sehen wir in ihm viele neue Chancen für eine ökologischere und nachhaltige Wirtschaft.« Man betrachte technischen Fortschritt zudem »nicht im kapitalistischen Sinn« nur als »Chance auf Wachstum und Gewinnmaximierung, sondern mit Blick auf die Chance auf mehr Unabhängigkeit von Lohnarbeit«. Damit rückt der Jugendverband auch die neue Welle der Automatisierung und Digitalisierung der Produktion in den politischen Fokus. »Wir befürchten nicht, dass die Maschinen ,uns Arbeit wegnehmen‘, nein, wir freuen uns darüber! Auch hier greift unsere Forderung, dass bestehende Arbeit gerechter aufgeteilt werden muss statt neue Arbeit zu schaffen oder eine noch intensivere Verdichtung bestehender Jobs betrieben wird.«

In weiteren Anträge geht es unter anderem um die gesellschaftliche Anerkennung und Bezahlung von Sorgearbeit und das ehrenamtliche Engagement. Die Grüne Jugend macht sich zudem für den Erhalt eines »arbeits- und konsumreduzierten Tags« sowie für neue Gedenktage stark. »Es ist ein Armutszeugnis für die Gedenkkultur in Deutschland, dass der 3. Oktober ein Feiertag ist, am 8. Mai jedoch nicht gefeiert wird und an Tagen wie dem 27. Januar wiederum dem Alltag nachgegangen wird statt wenigsten an einem Tag im Jahr aus Respekt vor den Opfern der Shoa Ruhe einkehrt«, heißt es in einem Antrag.

Insgesamt lagen bis kurz vor dem Bundeskongress 39 Anträge und 279 Änderungsanträge vor. Rund 400 Teilnehmer werden erwartet - darunter die beiden Bundesvorsitzenden der Grünen, Simone Peter und Cem Özdemir, mit denen es »eine kritische Diskussion« unter anderem zur Situation der Partei geben soll.

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