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Häftlinge von einst warnen vor neuer Rassismus-Welle

Überlebende des KZ gedenken in Buchenwald der Befreiung / Ergreifende Zeremonie erinnert an Ende des Martyriums

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Update 15.20 Uhr: Siebzig Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar haben ehemalige Häftlinge zum Widerstand gegen eine neue Welle von Rassismus in Europa aufgerufen. Bertrand Herz, Präsident der Häftlingsorganisation Internationales Komitee Buchenwald-Dora und Kommandos, appellierte am Sonntag in Weimar vor allem an die Jugend, auch heute den Gefahren für die Demokratie entgegenzutreten. In Weimar gedachten Zeitzeugen, Bürger und Politiker der Befreiung des Lagers am 11. April 1945.

Zu den Feierlichkeiten waren rund 80 Buchenwald-Überlebende aus aller Welt und drei an der Lagerbefreiung beteiligte US-Veteranen nach Weimar gekommen. Einige der hochbetagten Gäste trugen bei der ergreifenden Zeremonie alte Häftlingsuniformen. Manche wagten zum erstem Mal überhaupt den Weg zurück an den Ort ihres unfassbaren Leidens.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz verurteilte am Sonntag in einer Gedenkveranstaltung im Weimarer Deutschen Nationaltheater Antisemitismus, Rassismus, Ultranationalismus und Intoleranz. Das seien »Dämonen, die wir in Europa für überwunden hielten und die doch immer wieder ihre hässliche Fratze erheben«. Der SPD-Politiker forderte, jenen energisch entgegenzutreten, die heute Ressentiments und Hass schüren. »Wir dürfen die Agitatoren und Brandstifter nicht im Glauben lassen, eine schweigende Mehrheit stehe hinter ihnen.«

Schulz erinnerte an den Schwur, mit dem die Überlebenden gelobt hatten, den Nazismus mit seinen Wurzeln zu auszurotten. Dies müsse »heute und für alle Zeiten« ethische Richtschnur sein. Auch Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (LINKE) forderte stärkere Anstrengungen im Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Es gelte, die Stimme zu erheben, »wenn die Brandstifter von heute dem Geist der Mordbrenner von damals folgen und geplante Unterkünfte für Flüchtlinge und Asylbewerber in Brand stecken«.

Schweigen für die toten Kameraden

Berlin. Mit einem europäischen Gedenkakt wird am Sonntag in Weimar an die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald vor 70 Jahren erinnert. Dazu werden auch EU-Parlamentspräsident Martin Schulz und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow erwartet. Zwischen 1937 und 1945 waren in dem Konzentrationslager bei Weimar rund 250.000 Menschen inhaftiert, mehr als 50.000 von ihnen wurden von den Nazis ermordet oder kamen auf andere Weise ums Leben. Zu den Überlebenden gehörten der Schriftsteller und spätere spanische Kulturminister Jorge Semprún, der französische Politiker Léon Blum, der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim und der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész.

Mit einer Schweigeminute hatten bereits am Samstag etwa 80 Überlebende um 15.15 Uhr - dem Zeitpunkt der Befreiung vor 70 Jahren - ihrer toten Kameraden gedacht. Auf dem ehemaligen Appellplatz hinter dem Tor mit der zynischen Aufschrift »Jedem das Seine« legten die Überlebenden weiße Rosen und rote Nelken nieder. An der Gedenkminute nahmen am Samstag auch viele Thüringer und Besucher der Gedenkstätte teil.

Für viele KZ-Überlebende gab es ein Wiedersehen. Manche von ihnen kommen jedes Jahr zum Tag der Befreiung. Einige der hochbetagten Gäste trugen bei der ergreifenden Zeremonie alte Häftlingsuniformen. Manche wagten zum erstem Mal überhaupt den Weg zurück an den Ort ihres unfassbaren Leidens.

Am Vormittag des 11. April 1945 hatten US-Soldaten den Ettersberg bei Weimar erreicht und lieferten sich Gefechte mit SS-Wachmannschaften. Diese flohen. Gegen 15.00 Uhr übernahmen bewaffnete Widerstandsgruppen aus den Reihen politischer Häftlinge die Kontrolle über das Lager und gingen ihren Befreiern entgegen.

Im Lager waren noch etwa 21.000 Menschen, darunter 904 Kinder und Jugendliche. Die SS hatte in den letzten Kriegstagen - auch noch am 11. April - Zehntausende Häftlinge vor den heranrückenden Alliierten auf »Todesmärsche« getrieben. Tausende starben so kurz vor der Befreiung.

Auf dem Lagergelände enthüllten Überlebende und der spanische Botschafter in Deutschland, Juan Pablo Garcia-Berdoy, einen Gedenkstein für die republikanischen Häftlinge. Sie waren nach dem spannischen Bürgerkrieg 1936 nach Buchenwald gekommen. »Sie haben mutig für die Freiheit Spaniens gekämpft und waren an unserer Seite«, sagte Günter Pappenheim, Vizepräsident der Häftlingsorganisation Internationales Komitee Buchenwald-Dora und Kommandos.

Am Vormittag hatten Familienangehörige von Häftlingen aus Deutschland, Polen und Frankreich zwölf Bäume in der Nähe der einstigen »Blutstraße« gepflanzt. Mit der Aktion »1000 Buchen« wollen sie sich einen Ort des Erinnerns und Gedenkens schaffen. Über die »Blutstraße« trieb und karrte die SS einst die Häftlinge in das Lager.

Buchenwald war Anfang 1945 mit 110.000 Häftlingen das größte Konzentrationslager auf deutschem Boden. Im April 1945 wurden unter anderem auch die Lager Bergen-Belsen, Ravensbrück und Dachau befreit. Agenturen/nd

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