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Malen zwischen Ost und West

Ralf Kerbachs »Weltinnenraum« in Dresden

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 5 Min.

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Da sehen wir auf einmal dreißig Bilder dieses Dresdner Malers des Jahrgangs 1956 aus den 80er und 90er Jahren. Ein Farbfeuer ist gezündet. Wucht der Farbe löst und bildet Form. Ein Zauber der Leuchtkraft. Menschsein drängt nach Ausdruck. Hochgereckt aufrechte Gestalten in fast explodierenden Körperlichkeit. Der eigene Kopf des Künstlers wankend, ja stürzend, aufgefangen vom ewigen Symbol des Kreuzes. Schwelender Konflikt von lastendem Dasein und unerlöstem Fremdsein anderswo. Da gewinnt die elementare Befindlichkeit einer von Kreativität berstenden Gruppe damals junger Künstler Ausdruck.

Es ist erstaunlich, wie lange man in dieser schnelllebigen Zeit mit ihren aufgeheizten Kurzterminen darauf warten muss, dass die Öffentlichkeit auf eine künstlerische Qualität aufmerksam wird, die unsere unmittelbar vergangene Geschichte gestalterisch erlebbar macht. Die rückwärtige Betrachtung der deutschen Teilung ist nachträglich so vordergründig zur Niedermache auf der einen und zur überhöhten Selbstbestätigung auf der anderen Seite verkommen, dass eine systemübergreifende Fragestellung ausbleibt.

Dabei ist das deutsch-deutsche Thema und seine Gestaltung in der zeitgenössischen bildenden Kunst noch völlig unterbelichtet. Eine als objektiv zu bezeichnende Betrachtung unserer gemeinsamen deutschen Kunstgeschichte ist noch in weiter Ferne. Die Katalogtexte konkret zu dieser Ausstellung in der Städtischen Galerie Dresden tasten sich zumindest daran heran: Carolin Quermann mit lebhafter Veranschaulichung vieler Aspekte - auch der nicht in die Ausstellung einbezogenen Zeichnungen. Eugen Blume in seltsam holpernder Diktion den Realismusbegriff umkreisend, ohne ihn tatsächlich greifbar zu definieren. Gwendolin Kremer schließlich im Gespräch mit Ralf Kerbach auf die Punkte kommend, die für den Maler selbst die Angelpunkte sind.

Man kennt das: Die detaillierteste Selbstauskunft eines Künstlers hilft uns kaum weiter im ganz persönlichen eigenständigen Beurteilen seines Werkes. Was Kerbach im Gespräch betont, bestätigt nur das Grunderlebnis seiner Generation: Mensch und Natur waren und sind ihnen alles. Dresden als Künstlerort ist bereits ein Begriff davon. Und das Wort »Realismus«, egal wie zielgerichtet mit welchen Attributen versehen, war immer zu eng dafür. Körper und Seele in einem malen - was ist daran lediglich real? Bei Kerbach taucht zum Beispiel das Wort »Romantik« viel öfter auf: »In uns geisterte eine Restromantik.«

Als seinerzeit die Intentionen von Ralf Kerbach, Helge Leiberg, Hans Scheib, Reinhard Stangl und Cornelia Schleime nach anfänglichem Entgegenkommen ihres Lehrers Gerhard Kettner bald offiziell mit bornierter Blindheit vehement abgewehrt wurden, da war das eine echte Tragödie. Und zwar im doppelten Sinn: Durch die für Künstler bereits halboffene Tür nach Westen war man sie bereits Anfang der 80er Jahre los. Doch was sollten sie dort, wo ihre eigensinnige Weltinnensicht wiederum offiziell gar nicht gefragt war? Ja - nun konnten sie sich in der Welt kundig machen. Und im Unterschied zu den bereits lange vorher von Dresden vor allem in den Düsseldorfer Raum Ausgeschwärmten brachen sie nicht so radikal mit allem, was vorher für sie gültig war.

Wedding und Kreuzberg als die linken Inseln im ohnehin relativ systemunabhängigen Kiezarchipel der Frontstadt Westberlin wurden ihr neues Biotop. Ja, und da ging bekanntlich schnell die Post ab. Was zumal Ralf Kerbach in Dresden an tradierter Malkultur von Lehrern wie Gerhard Kettner und Siegfried Klotz noch mitbekommen hatte, wusste er zu explosiver Expressivität zu steigern. In der nun zu sehenden Auswahl beweist sich, wie intensiv er dabei die persönliche Situation des von da Aufgegebenen, hier aber nichts Aufgebenden reflektiert. Ergreifende Bildfindungen stehen dafür. Anpassung verweigern: 1984 »Verhör« und »Der Zwilling«. Das eigene Thema finden: 1986 »Erdgeborener« und »Die Hundefrau«. Die fatale Umwertung: 1989 »Kain und Abel« und 1990 »Der Sturz«. Die neue Situation: 1992 »Selbst in Gatow« und »Gestalt im Park«. Die Gegenwart der letzten Jahre wird dann thematisch und gestalterisch von zwei gegensätzlichen Tendenzen bestimmt. 2011 »Nachtzug Deutschland« als ausgewogen ruhiges Sujet, und 2014 »Selbst am Maltisch« in furioser Chaotik. Zwei Seelen in einer Brust und in zwei Malhänden.

Fünfundzwanzig solche Bilder, eines dichter und gegenseitig sich steigernder als das andere, beweisen eine Schaffensphase höchster Intensität. Kurioserweise bringt es der Kunstmarkt mit sich, dass sie nach einem Galerieverkauf dem Künstler für eigene Überblicksausstellungen verloren sind. Kerbach wusste selbst nicht von der hochwichtigen Kollektion allein eines ganzen Dutzends von Bildern, welche das Ehepaar Görlich aus Bonn/Rosenheim ehedem zusammentrug. Umso wichtiger das Tätigwerden von Museen wie dieser Städtischen Galerie, so einen Schatz schließlich ausfindig zu machen und sich als Dauerleihgabe zu sichern. Diese Auswahl jedenfalls wäre ein Fragment ohne diese Substanz geblieben.

Der andere Part liegt nun bei der Öffentlichkeit, also bei dem von Medien mobilisierbaren Besucher-Publikum. Den Aktivitäten dieser Galerie ist durchaus ein größeres Echo zu wünschen. Wer sich für Kunst interessiert, sollte wissen, was der Meister 2009 von sich selbst sagte: »Heute lehre ich an der HfBK Dresden Malerei und Grafik und versuche das Wissen, das ich in den zurückliegenden Jahren in beiden Teilen Deutschlands erworben habe, den Studierenden zu vermitteln.«

So wird »Weltinnenraum« zur Metapher. Das Überbrücken von vermeintlichen Gegensätzen ist gerade in Dresden, das sich so schwer tut, eine neue Mitte zu finden, wichtig. Und die Studierenden seiner renommierten Kunsthochschule drängen nicht zufällig gerade zu dieser Lehrerpersönlichkeit. In Zeiten, wo marktgerechtes Intrigieren zum Lehrfach zu verkommen droht, finden Sie hier eine verlässliche Orientierung.

Bis 10. Mai, Di-So 10-18 Uhr. Städtische Galerie Dresden Kunstsammlung, Wilsdruffer Straße 2.

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