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Geschichtslektionen im Gerichtssaal

40 Jahre nach der Machtübernahme der angeblich »roten« Khmer stehen deren Staatschef und weitere Verantwortliche vor dem sogenannten Kambodscha-Tribunal

  • Von Detlef D. Pries
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wie andere Diktatoren auch, übte Pol Pot sein Schreckensregime über Kambodscha nicht allein aus. Vertraute stehen vor Gericht.

Das Kambodscha-Tribunal vor den Toren der Hauptstadt Phnom Penh hat seine Verhandlungen unterbrochen. Anlass ist das Neujahrsfest Chaul Chnam Thmey, das im Volk der Khmer von alters her zum Ende der Erntezeit begangen wird. Nach den dreitägigen Feiern aber, am 17. April, gedenkt das Land des 40. Jahrestags der Machtübernahme Pol Pots und seines mörderischen Regimes. Dessen höchste Vertreter stehen - soweit sie noch leben - derzeit vor dem international besetzten Gericht.

Am 17. April 1975 hatten die schwarz gekleideten Kämpfer unter der Flagge einer Nationalen Einheitsfront Kambodschas Phnom Penh erobert. Die Metropole und alle anderen Städte, die zuvor noch von der Regierung des Marschalls Lon Nol beherrscht worden waren, wurden von den »Befreiern« umgehend rigoros entvölkert, ihre Bewohner zur Zwangsarbeit aufs Land getrieben.

Rund zwei Millionen Menschen kamen dann in knapp vier Jahren ums Leben - gewaltsam oder durch Hunger, Erschöpfung und Krankheiten. Noch 40 Jahre später weiß jeder Kambodschaner vom Verlust naher oder fernerer Verwandter zu berichten. Vor dem Tribunal schildern Überlebende, Opferangehörige, aber auch Zeugen, die zu den Tätern gehörten, Einzelheiten aus dem grauenvollen Alltag unter der Herrschaft derer, die im Volk nur als »Angkar« (Organisation) bekannt und gefürchtet waren, bevor ihr Führer Pol Pot zweieinhalb Jahre nach der Machtübernahme verkündete, dass sich dahinter die »Kommunistische Partei Kampucheas« verberge.

Im »Schwarzbuch des Kommunismus« werden die Gräueltaten der »Roten Khmer« denn auch als besonders verbrecherische Anwendung der kommunistischen Lehre behandelt. Im ersten Prozess des Tribunals, in dem der Chef des Foltergefängnisses S-21, Kaing Guek Eav alias Duch, zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, hatte der US-amerikanische Experte Craig Etcheson allerdings ausgesagt, das Konzept Pol Pots habe keinerlei Modell akzeptiert und »die gesamte Geschichte der Theorie von Marx und Engels über Lenin, Stalin, Mao und andere missachtet«.

Trotzdem gilt das Kambodscha-Tribunal vielen im Westen als »Nürnberg des Kommunismus«. Der laufende Prozess gegen Nuon Chea, Stellvertreter Pol Pots, und Khieu Samphan, nomineller Staatschef des »Demokratischen Kampuchea«, erfährt dennoch relativ wenig Beachtung in der Welt.

Verhandelt wird zwar ausdrücklich nur die Zeit zwischen 1975 und 1979, im Verfahren fallen aber immer wieder auch Schlaglichter auf Vorgeschichte und Nachwehen der Pol-Pot-Herrschaft. Beispielsweise auf den Bombenkrieg, durch den die USA das ihnen hörige Regime Lon Nols - und sich selbst in Vietnam - vor einer Niederlage bewahren wollten. Er kostete mindestens 200 000 Kambodschaner das Leben - und trieb Tausende in den Dschungel zu den »Befreiungskämpfern«.

Manche Historiker vergleichen die Folgen der USA-Intervention in Kambodscha mit denen des späteren Irak-Krieges: So wie letzterer ungewollt das Entstehen des »Islamischen Staates« bewirkte, begünstigte der Bombenkrieg in Indochina das Erstarken der Guerilla unter Pol Pot.

Einen anderen zeitgeschichtlichen Aspekt beleuchtete die US-amerikanische Journalistin Elizabeth Becker im Zeugenstand des Tribunals. Mit ihrem Kollegen Richard Dudman hatte Becker im Dezember 1978 die Gelegenheit zum »Interview« mit Pol Pot. Der legte laut Becker eine »bizarre Vision« dar. Nachdem er einen blutigen Grenzkrieg gegen Vietnam angezettelt hatte, rechnete er selbst mit einer baldigen vietnamesischen Invasion. Seine Truppen würden die Invasoren jedoch mit Unterstützung der NATO (!) besiegen, prophezeite der »Bruder Nr. 1« - für Elizabeth Becker ein Beweis seiner Irrationalität.

Ganz falsch war die Voraussage indes nicht: Als vietnamesische Truppen, begleitet von emigrierten Kambodschanern, wenig später die Grenze überschritten, am 7. Januar 1979 Phnom Penh eroberten und das Khmer-Volk vom Schreckensregime Pol Pots befreiten, wurden NATO-Staaten zumindest zu indirekten Verbündeten der »Roten Khmer«.

Keine einzige westliche Regierung widersetzte sich der Akkreditierung der Vertreter Pol Pots bei der UNO. Stattdessen wurde Vietnam Jahr für Jahr in einschlägigen Resolutionen verurteilt. Und die finanzielle und materielle Hilfe, die der im Exil zusammengezimmerten Koalition von Polpotisten, Monarchisten und Konservativen zuteil wurde, landete meist in den Händen der stärksten Fraktion - bei den Pol-Pot-Banden, die Teilen des Landes einen Bürgerkrieg aufzwangen. Erst nach Abzug der vietnamesischen Truppen 1989 versiegte die Unterstützung für die Massenmörder, die noch zu Partnern des Pariser Friedensabkommens 1991 wurden.

Das alles erklärt die kambodschanische Tragödie nicht gänzlich, und schon gar nicht mildert es die Verantwortung der Angeklagten, die jede Schuld bestreiten. Nuon Chea will »nur« Propaganda und Erziehung verantwortet haben, Khieu Samphan nennt sich Staatschef ohne Einfluss. Exzesse, wenn es sie gegeben habe, seien regionalen Führern anzurechnen. Die Handlanger der »Angkar« dagegen berufen sich auf Befehle der »oberen Ebene«.

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