Werbung

Aus den Splittern der Zeit

Stipendiatenausstellung »History is a Warm Gun« im Neuen Berliner Kunstverein

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Kunst wird wieder politischer. Dieser Tendenz, der vom Gipfel des Kunstolymps aus vor mittlerweile 18 Jahren die documenta X-Kuratorin Catherine David breitere öffentliche Wertschätzung verschaffte, verschreiben sich auch die aktuellen Senatsstipendiaten. Das belegt deren Jahrgangsausstellung »History is a Warm Gun« im Neuen Berliner Kunstverein (NBK).

Aber nicht jede Arbeit lässt sich so leicht unter dem poppigen Ausstellungstitel subsumieren. Andreas Greiners Mikroorganismen etwa, die in wasserbefüllten Plastiktüten vor sich hinleuchten, stellen eher den Versuch dar, mit Mitteln der Naturwissenschaft neue Darstellungsmöglichkeiten zu erlangen. Zwar spielt der Faktor Zeit auch hier eine Rolle; die Leuchtstärke verändert sich im Lebenszyklus der Organismen. Diese Variationen aber als Geschichte im engeren Sinn zu verstehen, wäre in etwa so, als würde man Menschheitsgeschichte auf die Veränderung der CO²-Emissionen oder des Verlaufs der Börsenkurse reduzieren. Auch Pola Sieverdings großformatige Fotografien von Wrestlingkämpfern sagen wenig über geschichtliche Prozesse aus. Sie sind kaum mehr als illustrative Oberfläche und wohlig zustimmende Darstellung eines inszenierten Kampfgeschehens.

Der Kern der Ausstellung birgt dann aber doch interessante Ansätze zur Geschichtserforschung mit künstlerischen Mitteln. Sonya Schönberger etwa lässt einen Experten die Benutzungsgeschichte von Haushaltsgegenständen aus Porzellan- und Keramikscherben von Berliner Bunkerbergen herauslesen. Er erzählt von »Milchwächtern«-Porzellanplättchen, die in erhitzter Milch klappern, bevor diese überkocht. Er hält Porzellanverschlüsse von Bierflaschen in den Händen und verweist auf die einstmals zahlreichen unabhängigen Brauereien Berlins. Und er berichtet angesichts eines Gasmaskenfilters von der Angst der Zivilbevölkerung, dass die vom kaiserlichen Heer im Weltkrieg zuvor erstmals eingesetzte Massenvernichtungswaffe nun in die Stadt des Giftgas-Erfinders Fritz Haber zurückkehren könnte.

Auf konventionelleren Fundstücken wie Briefen, Zeitungsartikeln und Fotos basiert Dani Gals ebenso faszinierende Rekonstruktion der Geschichte des Dorfes Lifta am Rande Jerusalems. Die Siedlung wird bereits in der Bibel als Grenzposten erwähnt, damals unter dem Namen Nephtoah. Im Zuge des Krieges 1947/48 flohen die arabischen Bewohner. In die verlassenen Häuser - deren Dächer von der israelischen Armee mit Löchern versehen waren, um die Bevölkerung von der Rückkehr abzuhalten - wurden in den 50er Jahren gegen ihren Willen neu angekommene jüdische Einwanderer gebracht. Ein bitterer Brief an den damaligen Jerusalemer Bürgermeister spricht von einem »dunklen Tal«, »wilden Tieren« und einem »Gott, der uns drei Jahre lang auslachte«. 1968 waren Künstler auf das mittlerweile wieder verlassene Dorf scharf. 2011 plante die Regierung, hier Luxuswohnungen anzulegen, was wiederum Proteste auslöste. Gal erzählt diese Geschichte auf einer Wand mit ausgewählten Fundstücken. In die großen Zwischenräume dringt die Kraft der Imagination.

Einer weiteren faszinierenden Geschichte verhilft Sven Johne im Video »Jutta« zur Darstellung. Hier erzählt die Mutter des deutsch-brasilianischen Gold-, Erz- und Ölmagnaten Eike Batista das Leben ihres Sohnes zwischen immensem Reichtum und Gerichtsverfahren von Gläubigern. Batista war nach Teilverkäufen seines Imperiums 30 Milliarden Dollar schwer. Der sportaffine Milliardär, mehrfacher Landesmeister in Sportbootrennen, war einer der Drahtzieher bei der Vergabe der Fußball-WM 2014 an Brasilien. Er verdiente an dem Event unter anderem als Mitbesitzer des mit öffentlichen Geldern renovierten Maracana-Stadions kräftig mit. Johne illustriert die ambivalente Beziehung zum mittlerweile zu Großteilen verflossenen Reichtum damit, mit welchem Hass die Darstellerin der Mutter die Worte »Öl«, »Erz« oder »China« - eine der Handelsdestinationen ihres Sohnes - ausspricht.

Diese junge Künstlergeneration findet Themen und Protagonisten, die offensichtlich zu komplex für die tagesaktuellen Medien sind, die aber sehr viel über unsere Zeit, unsere Gesellschaft und die Machtverhältnisse innerhalb der Gesellschaft aussagen. Ein durchaus interessanter Jahrgang, dessen Arbeiten noch bis 26. April zu sehen sind.

NBK, Chausseestraße 128, Di-So 12-18, Do 12-20 Uhr

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!