Tolles Treiben im Schillerpark

30. Wedding-Cup in Berlin: Das weltgrößtes Faustballturnier war eine Werbung für den Sport

Beim weltgrößten Vereinsturnier im Faustball, dem 30. Wedding-Cup in Berlin, waren 271 Mannschaften aus 61 Vereinen auf 19 Spielfeldern in Aktion.

»Ball über die Schnur« nennen manche immer noch jene Sportart, die vielen heute als urdeutsch gilt, die allerdings schon im 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung vom römischen Dichter T.M. Plautus erwähnt wurde. Aus der Schnur freilich ist einstweilen ein fünf Zentimeter breites Band geworden, das je nach Alter der spielenden Protagonisten in bis zu zwei Meter Höhe an Pfosten angebracht ist. Die Sportart heißt längst Faustball und integriert Elemente vom Volleyball und Handball.

Erstaunlich, dass hierzulande, wo Faustball von rund 30 000 gespielt wird, dieser Sport keine größere Öffentlichkeit hat. Denn so viele Mannschaftssportarten im deutschen Sport gibt es nicht, wo man bei Männern wie Frauen den Weltmeister stellt und auch im Vereinsvergleich Spitze ist.

Am vergangenen Wochenende allerdings gab es beim 30. Wedding-Cup auf der großen Spiel- und Sportwiese im Schillerpark bei zwar nicht sonderlich warmen Temperaturen, aber Dauersonnenschein einen ziemlich Auflauf von Aktiven und Publikum. Das Jubiläumsturnier durfte sich das weltgrößte Vereinsturnier in dieser Sportart nennen. 271 Mannschaften aus 61 Vereinen liefen auf den 19 Spielfeldern auf - an die 500 Spieler von den U10-Minis bis zu den reifen Senioren jenseits der 70. Ein Mammutprogramm, dessen Schriftform nahezu 30 der 44 Seiten des Turnierheftes beanspruchte.

Allein das Studium der teilnehmen Teams war eine sportliche Entdeckungsreise. Die Frage, welcher Sportart man denn Vereine wie die nachstehend genannten zuordnen würde, wäre vermutlich eine für Jauchs TV-Quiz »Wer wird Millionär?«: TV Voerde, TSV Schwiegershausen, SV Kubschütz, SV Düdenbüttel, MTV Wangersen oder TSV Guntz - und das ist nur eine kleine Auswahl.

»Ball über die Schnur« wird wie das Schmettern am Netz in Sätzen gespielt, wobei man am Ende mit zwei Gewinnpunkten in Vorsprung sein muss, also 3:0, 3:1 oder 4:2 zum Beispiel. Zwei Teams zu je fünf Akteuren stehen sich im Freien auf zwei 25 mal 20 m Halbfeldern gegenüber, die durch besagtes Band getrennt sind, das je nach Alter der Aktiven in bis zu zwei Meter Höhe an Pfosten angebracht ist.

Warum nicht wie im Volleyball über ein Netz gespielt wird, erklärt der Fachduktus damit, dass »der Angriffsschlag beim Faustball vom Bewegungsablauf dem Sprungwurf beim Handball entspricht. Das bedeutet, dass man nach dem Schlag seinen Schwung ins gegnerische Feld ausläuft - unter dem zwei Meter hohen Band. Bei einem Volleyballnetz würde der Angreifer hängenbleiben!« Eine durchaus amüsante Vorstellung.

Der 1985 mit fünf Teams erstmals ausgetragene Berliner Wedding-Cup verzeichnete inzwischen ein Rekordmeldeergebnis, und auch Welt-, Europa- sowie deutsche Meister waren vor Ort, um ohne Eintrittsgeld auf der öffentlichen Grünanlage viel Sport und noch mehr Spaß zu erleben. Da sah man im Faustball so bekannte Gesichter wie Sascha Ball, den Ex-Kapitän des Weltmeisters, oder den Auswahlschlagspieler Lukas Schubert vom VfK 1901 Berlin.

Die Organisatoren wurden sogar von Berliner Parlamentarierinnen aus Abgeordnetenhaus und Bundestag abgelobt: »Allen Unkenrufen zum Trotz (….), der Faustballsport sei nicht zu retten, ist es der Berliner Turnerschaft durch Beharrlichkeit gelungen, ein attraktives Großereignis auf die Beine zu stellen.« Sie begrüßten ausdrücklich, dass die Deutsche Faustball-Liga in diesem Jahr erstmals öffentliche Fördergelder bekommen habe. Man hoffe, dass es damit gelinge, »kräftig in die Jugendarbeit zu investieren und den Faustballsport aus seinem Nischendasein herauszuholen«.

Unwillkürlich kommt einem ein alter Otto-Waalkes-Sketch in den Sinn: »Großhirn an Faust: Ballen!« Am Wochenende kam's tausendfach an.

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