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Keine Angst vor den Robotern

Digitalisierung: Bundesregierung setzt auf »Bündnis für Arbeit 4.0« / Auch Linkspartei und DGB suchen neue Antworten auf alte Fragen

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 6 Min.

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»Der neue Klassenfeind ist der Algorithmus«, titelte unlängst eine Tageszeitung, in dem Text ging es um politische und gewerkschaftliche Herausforderungen der Digitalisierung. Die Schlagzeile ist natürlich falsch. So wenig, wie die Webstühle und Fertigungsbänder der industriellen Vergangenheit und Gegenwart »der Klassenfeind« sind, bleibt auch im »Zweiten Maschinenzeitalter« die Frage der privaten Aneignung entscheidend, mithin: die Eigentums- und Verteilungsstruktur der Produktionsverhältnisse. Einerseits.

Andererseits wird man es auch nicht mit dem Hinweis bewenden lassen könnten, dass auch früher schon im Kapitalismus neue Technologien und Fertigungsmethoden eingeführt wurden – der daraus resultierende Wandel für Arbeitsbeziehungen und gewerkschaftliche Handlungsmacht sowie die Kämpfe um politische Leitplanken nur eine Art Neuaufführung früherer Auseinandersetzungen sind. Nur eben jetzt mit Internet.

Ganz so einfach ist es nicht. »Alles was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert«, hat die frühere Chefin des Computerkonzerns Hewlett Packard, Carly Fiorina, prognostiziert. Das unternehmensnahe Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft hat Eltern über deren Ansichten zur Zukunft ihrer Kinder befragt – und 40 Prozent antworteten, dass es weniger Arbeitsplätze gibt, wenn ihre Kinder berufstätig sein werden. Wegen der Digitalisierung.

»Deutschlands Zukunft wird datengetrieben sein. Es macht keinen Sinn, diesen tiefgreifenden Veränderungen mit Errungenschaften der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts zu begegnen«, warnte am Donnerstag der Chef der Beratungsgesellschaft Invensity, Frank Lichtenberg. Es werden neue berufe entstehen - und alte verschwinden. Einer Umfrage zufolge glauben nur 16 Prozent der Fachleute aus dem IT-Bereich, dass es übertrieben sei, von einer »Digitalen Revolution« zu sprechen. Doch in den obersten Chefetagen seien viele darauf nicht vorbereitet.

Die Gewerkschaften haben begonnen, darauf zu reagieren. 2015 will der DGB die Digitalisierung der Arbeitswelt zu einem seiner Schwerpunkte machen. »In vielen Dienstleistungsbranchen hat die Digitalisierung bereits tiefe Spuren hinterlassen. Viele Geschäftsmodelle wurden obsolet und werden durch neue ersetzt, die zu Strukturveränderungen führen und Auswirkungen auf Kunden, Unternehmen und für die Beschäftigten haben«, heißt es in einem Papier des DGB-Vorstands.

Auch Crowdsourcing, also die Auslagerung traditionell interner Teilaufgaben an eine Gruppe freiwilliger Mitarbeiter oder Nutzer, sowie die Share Economy, die sich dadurch auszeichnet, dass Güter gemeinsam gekauft beziehungsweise geteilt und gemeinsam benutzt oder verliehen werden, beschäftigen den gewerkschaftlichen Dachverband. Und nicht zuletzt das, was unter dem Schlagwort »Industrie 4.0« seit einiger Zeit »mit Nachdruck auch in die industriellen Produktionsbereiche« einzieht und »die Arbeit hier nachhaltig verändern« wird, bringt neue Fragen mit sich.

Antworten werden schon gesucht, wie und mit wem das geschieht, zeichnet Linien vor, die künftig nicht mehr verlassen werden. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles hat am Mittwoch die Konferenz »Arbeiten 4.0« eröffnet – ein Versuch einerseits, den Anschluss an die Debatte über die Arbeitswelt im digitalen Zeitalter nicht zu verlieren. Zugleich aber auch eine Plattform, um den Charakter dieser Diskussion einzuhegen: »Nicht alles muss so bleiben wie bisher, aber es muss auch künftig einen wirksamen Rahmen geben«, ist die SPD-Politikerin zitiert worden – die dann vor allem auf Fragen der Mitbestimmung, der Arbeitszeitbegrenzung und der sozialen Sicherung für neue Jobformen abhob.

Das 91-seitige Grünbuch, das Nahles am Mittwoch vorstellte, zielt auf einen »neuen sozialen Kompromiss« zwischen Unternehmen, Beschäftigten und Sozialpartnern. Das klingt ein bisschen wie »Bündnis für Arbeit«, allerdings fehlte da noch der Hinweis auf die Digitalisierung. Für 2016 ist ein Kongress geplant, Ende des kommenden Jahres sollen die Ergebnisse des Dialogs dann in einem Weißbuch vorliegen.

Nahles äußerte sich am Mittwoch optimistisch: »Die Technik hat auf längere Sicht immer neue Arbeit gebracht«, so die Sozialdemokratin. Bleibt die Frage, ob neue Arbeit immer auch gut ist. So richtig es ist, dass auch der DGB auf die Befreiungspotenziale neuer Technologien verwiesen wird, nicht jeder wird zum selbstbewussten Freiberufler – die Zahl der digitalen Tagelöhner nimmt zu.

Es gibt aber noch eine andere Dimension: Muss wirklich jede Stelle vollständig ersetzt werden, die wegdigitalisiert wurde oder von Robotern übernommen wird? »Wir befürchten nicht, dass die Maschinen ›uns Arbeit wegnehmen‹, nein, wir freuen uns darüber«, hieß es gerade erst auf dem Bundeskongress der Grünen Jugend.

Die setzt auf eine gerechtere Verteilung bestehender Arbeit, statt immerzu »neue Arbeit zu schaffen oder eine noch intensivere Verdichtung bestehender Jobs« zu betreiben. Das sieht man bei der Linkspartei ähnlich. Die kritisiert zudem, dass die Große Koalition der Digitalisierung eher mit Worthülsen denn mit Antworten begegne. Eigene zu finden, könnte auch Thema auf dem kommenden Parteitag in Bielefeld sein. Dort liegt ein Leitantrag vor in dem es unter anderem worum geht? Um »die absehbare strukturelle Veränderung von Erwerbsarbeit durch Digitalisierung«.

»Tiefgreifende Veränderungen in der Lebensweise werden die Folge sein, die vielleicht wesentliche Erfahrung wird die Geschwindigkeit der Veränderung sein. Hinzukommt eine Verschärfung der internationalen Konkurrenz«, verweist auch Horst Kahrs von der Rosa-Luxemburg-Stiftung auf die Herausforderung nicht zuletzt für linke Politik. »Aus linker Sicht lassen sich an die digitale Revolution immer wieder drei Fragen mit Aussicht auf (gesellschafts-)politischen Gewinn stellen: Wie verändern sich Demokratie und Staat? Wie lassen sich die Produktivitätsgewinne gerecht verteilen, wie kann die digitale Revolution für sozial-ökologischen Fortschritt genutzt werden? Wie sieht demokratischer Sozialismus im «digitalen Zeitalter» aus?«

Zufriedenstellende Antworten kann noch niemand für sich reklamieren. Nicht einmal der Journalismus, der sich sonst gern als Alleswisser sieht. Auch hier wird die neue Zeit Spuren hinterlassen, die noch weit über die Veränderung der Kommunikation durch das Internet hinausreichen. Ein Beispiel: Die Firma Automated Insights stellt einen Bericht in 9,5 Sekunden her - per Maschine. Die meisten Leser erkennen dabei keinen Unterschied zu menschengemachten Inhalten, sagt eine Studie. Die automatisierte Berichterstattung wird sogar als objektiver eingeschätzt – beinhaltet aber derzeit vor allem Börsenmeldungen oder Erdbebennachrichten. Aber die Entwicklung läuft schnell.

»Nehmen Roboter Journalisten den Job weg?«, fragte dieser Tage denn auch die »Frankfurter Allgemeine«. Nein, könnte eine Antwort lauten, wenn es gut läuft. Die Roboter nehmen den Journalisten nicht den Job weg. Aber vielleicht langweilige Arbeiten. Und dann hätten wir mehr Zeit für die spannenden Recherchen. Wenn dabei eine Maschine hilft: Um so besser.

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